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Eine Leseprobe meiner aktuellen Arbeit.
Ein brandaktuelles Thema, welches aus der kritischen Sichtweise heraus die Erlebnisse und Erfahrungen des jungen, musikalisch hochtalentierten Protagonisten und Kandidaten Alexander Strohm in einer Musik- Castingshow bis hin zum Finale beschreibt.
Die Personen und Handlungen enstammen dem freien Gedankengut des Autors!
1
Gefesselt und hoffnungslos gefangen von seiner schmerzlichen Sehnsucht, die jede einzelne Sekunde, jeden noch so winzigen Moment des Tages sein Herz berührte, trieb er hilflos, ohnmächtig und ohne jegliche Orientierung im reißenden Strom der Leidenschaft.
Sobald er in ihr Antlitz sah, und sich seine Blicke mit ihren strahlend blauen Augen trafen, versank er jedes Mal hilflos in dem reißendem Strudel seiner Gefühle.
Sie ist ein Geschenk Gottes! Ja, so mußte es sein!
Seine Hände legten sich zärtlich um ihre schlanke Taille. Sanft zog er ihren zierlichen Körper näher zu sich heran.
Sein Herz hämmerte so laut und schwer wie ein Schmiedehammer. Im Taumel seiner Leidenschaft fand sein Mund ihre vollen und sinnlichen Lippen, als schon ihre warmen Zungen innig miteinander verschmolzen. Küssend und mit geschlossenen Augen genoß er jede ihrer Berührungen, während er sich sehnlichst wünschte, das dieses unglaubliche Gefühl des Glückes niemals vergehen möge…!
"Steh auf, du Langschläfer!"
Die Vorhänge wurden aufgerissen. Grelles Licht durchflutete den Raum.
"Deine Arbeit erledigt sich schließlich nicht von alleine, oder?", frohlockte gutgelaunt seine Mutter.
Es roch im gesamten Haus nach Kaffee, wie an jedem Morgen.
Alexander richtete sich schwerfällig auf, seine müden Augen reibend, gähnte er ausgiebig.
Bevor er sich auf den Weg ins Badezimmer machte, dachte er noch einmal kurz über seinen Traum nach, genau den selben Traum, der ihn schon so oft heimsuchte.
Sein häufig zerwühltes Bett und sein von Schweiß durchtränktes T-Shirt waren immer das Ergebnis seiner oft sehr realen Träumen.
Wahrend Alex sich seine Zähne putze, dachte er an sie und besonders daran, das er Christin sehr bald wiedersehen würde, wenn er sich in seiner Frühstückspause die gewohnten zwei belegte Brötchen vom Bäcker holte, bei dem sie als Verkäuferin arbeitete.
Vorausgesetzt natürlich, das die Aufträge der Klempnerei, in der er arbeitete, auch in diesem kleinen, verschlafenen Norddeutschen Dorf lagen.
Aber heute hatte er mit seinem Kollegen Klaus im Hause von Meyers zu tun, der eine neue Küche eingebaut bekam.
Hier kannte jeder jeden, und häufig war es so, das die anderen besser über jemanden Bescheid wußte, als derjenige selbst.
Alex mußte ständig zur Uhr schauen, nur beim Löten der dünnen Kupferrohre konnte er das nicht. Eine halbe Stunde nur noch, schätzte er. Wenn es um Christin ging, waren seine inneren Sensoren so fein justiert, wie das Laufwerk eines Schweizer Uhrwerks.
Punkt neun ließ er hektisch sein Werkzeug fallen, und klopfte sich den weißen Staub von seinem blauen Arbeitsanzug.
Klaus beobachtete es schmunzelnd und leicht amüsiert. Nie sprach sein junger Kollege davon, aber jeder in der Firma, und vermutlich sogar im ganzen Ort, ahnte seine Verliebtheit. Man konnte hier im Dorf nichts verstecken, nicht einmal seine Gefühle oder Gedanken.
Je näher er dem Geschäft mit seinen zwei großen Schaufenstern kam, desto nervöser wurde er.
"Guten Morgen!", stammelte er an diesem Tag verlegen, nachdem Christin ihren Kunden zuvor verabschiedete.
"Moin Alex!"
Sie wirkte wie an jedem Morgen gut gelaunt und fröhlich.
"Wie immer?", fragte sie, obwohl sie genau wusste, welche beiden Sorten von belegten Brötchen sie in die Tüte hineinlegen würde.
Er lächelte. Alleine diese für andere fast unbedeutende Tatsache bestärkte sich in seinem Gefühl, das sie auch etwas für ihn empfinden könnte.
Auf die Idee, das die Häufigkeit seiner Bestellungen, nämlich täglich jeweils ein Mohn- und Vollkorn Brötchen mit Butter beschmiert und Salami belegt, in jedem menschlichen Kopf irgendwann gespeichert sein musste, kam er gar nicht.
Christin mochte ihn seit jeher. Seine schüchterne, immer freundliche Art, sein Aussehen und sein liebes, ihr gegenüber sehr respektvolles Auftreten.
Natürlich wusste sie darüber Bescheid, was im Dorf über Alexander bezüglich seiner Gefühle ihr gegenüber gemunkelt wurde. Aber sie glaubte nicht daran. Dafür kannten sie sich schon viel zu lange. Und nie hatte sie auch nur ein Mal das Gefühl, sie könnte mehr für ihn bedeuten, als eine fast geschwisterliche Freundschaft.
"Ja bitte!", antwortete er verlegen.
"Habt ihr hier im Dorf zu tun?", fragte sie, während sie sich im selben Moment über diese unsinnige Frage ärgerte. Natürlich musste er in der Nähe arbeiten, sonst wäre er ja wohl kaum hier im Geschäft.
"Ja, gleich ein paar Häuser weiter. Nichts besonderes, nur eine neue Küche! Beim alten Meyer."
Kaum hatte er seinen Satz beendet, klingelte schon die Glocke der Ladentür. Die alte Frau Reimers verlangte sogleich die volle Aufmerksamkeit von Christin, noch bevor sie vor der gläserne Vitrine stand.
Alex schaute zur Uhr, und verabschiedete sich schweren Herzens wie an jedem Morgen höflich von Christin. Er musste sich beeilen, wenn er sich sein Frühstück noch in der kurzen Pause einverleiben wollte.
"Tschüss Alex, wir sehen uns ja Mittwoch im Chor!"
Die Chorleiterin war Frau Tessin, ihre Mutter.
Gitarre spielen und singen im Chor waren seine Leidenschaften.
Er spielte schon seit seinem dreizehnten Lebensjahr dieses Instrument, seitdem er seine erste Gitarre zu Weihnachten geschenkt bekam.
Alex war so dermaßen fasziniert von diesem Instrument, das er bereits nach nur sehr kurzer Zeit schon die wichtigsten Grund-Akkorde beherrschte
Sein Song Repertoire erweiterte sich sehr schnell, schon nach einer Woche konnte er fehlerlos drei Songs auf seiner Gitarre spielen, und obendrein auch mit seinem harmonischen Gesang begleiten.
Seine Mutter war überrascht über seine rasche musikalische Entwicklung. Sehr oft hörte sie ihn in seinem Zimmer singen und nicht selten lief ihr beim Zuhören ein angenehmer Schauer über den Rücken.
Sein Gesang wurde oft von Frau Tessin gelobt, nicht alleine deshalb sang er die Solo-Stimme, sondern er besaß auch eine ganz besondere, eigene Stimme mit einem glasklaren und gleichmäßigem Vibrato, umrahmt von einer außerordentlichen Klangfarbe.
Sie erkannte sofort nach dem Vorsingen damals bei der Chorgründung dieses unglaubliche Talent, welches in ihm steckte.
Sie schwärmte oft in privatem Kreise von seiner herausragenden Gesangesstimme, aber auch von seiner warmherzigen und zurückhaltende Persönlichkeit.
Sie musste es als Gesangslehrerin ja wissen, was die Musik betraf, hatte aber nie das Vergnügen, Alex in einem ihrer Kurse als Schüler begrüßen zu dürfen.
Er schien ein Naturtalent zu sein.
Immer wieder und schon jahrelang kreuzten sich die Wege mit Christin. In diesem kleinen Ort, nahe des Deiches an der Küste, war es nahezu unmöglich, sich nicht zu begegnen.
Jedes Mal schlug sein Herz deutlich höhere Frequenzen, wenn er ihr begegnete.
Und jedes Mal traf ihn ein heftiger und schmerzhafter Stich im Herzen, wenn er, mittlerweile bereits seit vier Wochen, mit Ansehen musste, wie sie stürmisch in die Arme ihres neuen Freundes fiel, der aus der Stadt kam, und sie jedes Mal nach dem Chor mit seinem Sportwagen abholte.
Die beiden waren erst ein paar, für Alexander endlose Wochen zusammen. Es muss wohl diesen Sommer passiert sein, als sie eine Vorstellung mit dem Chor in Hamburg gaben.
Alex hatte sich nie getraut, ihr seine Gefühle, die er für sie schon seit langem hegte, zu offenbaren. Sie wuchsen gemeinsam heran und er wurde Zeuge der wunderbaren Entwicklung ihrer Persönlichkeit, begleitet von ihrer stetig zunehmenden Schönheit.
Je älter sie wurden, desto mehr entwickelten sich seine begehrenden Gefühle zu ihr.
Er schluckte oft, sehr oft seine gepeinigten Gefühle hinunter.
Doch seine Sehnsucht blieb immer im Verborgenen.
Genauer betrachtet war es eine schauspielerische Glanzleistung über all die vielen Jahre hinweg.
Nur in seinen immer wiederkehrenden Träume war er ihr ganz nahe, jedoch verschwand diese Nähe wieder, spätestens morgens nach dem Erwachen.
In diesem äußerlich so smarten und lebensfrohen Jungen steckte eine in sich verzehrende Seele.
2
Alexander ahnte nichts von der Überraschung in seiner Firma, die ihn heute zu seinem zwanzigsten Geburtstag erwarten würde.
Nachdem er sich von seiner Mutter verabschiedete, machte er sich auf den Weg zu seiner Klempnerei zwei Strassen weiter.
Er dachte an seinen Vater. Vor drei Jahren verließ er Mutter und Kind, es funktionierte schon länger vorher nicht mehr bei den beiden.
Er verliebte sich in eine jüngere Frau aus der Stadt, zwei Wochen später zog er aus. Alles ging sehr schnell.
Zwei Jahre später war dann auch die Scheidung.
Alex und seine Mutter gingen völlig unterschiedlich mit dem Trennungsschmerz um. Seine Mutter ließ sich die Trauer um den Verlust ihres Mannes öffentlich nie anmerken, aber viele, unzählige Nächte hörte Alex aus ihrem Zimmer ein leises Schluchzen und Wimmern. Sie war aber nach außen hin eine außerordentlich starke und gefasste Frau.
Alex selbst verschloss sich noch mehr, als er es ohnehin schon tat. Es war ihm auch nicht möglich, mit irgendjemandem darüber zu sprechen.
Er liebte seinen Vater sehr, ein Vorbild durch und durch, dachte er bis dahin.
Doch jetzt, seit der Trennung, hörte und sah Alex nichts mehr von ihm. Es schien, als wäre er ihm vollkommen egal.
Kein Anruf, nicht einmal eine Geburtstagskarte! Nichts!
Das schmerzte ihn sehr in seinem Herzen auf dem Weg zur Firma.
Er öffnete die Tür zum Büro. Keiner da, ungewöhnlich!
Das einzige, was er vernahm, war das leise Surren des Lüfters vom PC.
Wo stecken die alle nur?
Er ging zur Tür der Werkstatt, und öffnete sie. Es war nur mattes Licht in dem Raum, bis plötzlich das Licht angeknipst wurde, und... da waren sie alle!
„Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, lieber Alex!“, klang es aus elf fröhlichen Kehlen. Der Chef ließ es sich nicht nehmen, eine kurze Laudatio zu halten. Eine sehr nette Rede über ihren jungen, aber vollwertigen Mitarbeiter, auf den sich alle immer verlassen konnten.
Alex war gerührt. Er nahm ein großes, schweres und längliches Paket in Empfang, welches in blauem Geschenkpapier, versehen mit einer grünen Schleife, eingewickelt war.
Dann zauberte Frau Müller, die Sekretärin, drei Flasche Sekt hervor. Die Gläser wurden verteilt, es wurde viel gelacht, und Alex hatte irgendwann aufgehört, die vielen Klapser auf seiner Schulter zu zählen.
Als er neugierig das Packet öffnen durfte, mochte er kaum glauben, was er darin fand. Es war ein schwarzer Gitarrenkoffer, umhüllt von einem größeren Karton. Vermutlich sollte Alex bis zum Schluss nicht erahnen, worum es sich bei dem Geschenk handeln könnte, denn die Form eines Gitarrenkoffers ist doch ziemlich eindeutig.
Jetzt noch neugieriger geworden, öffnete er die beiden Schnappverschlüsse des Deckels, und klappte ihn nach hinten.
Nein verdammt, das darf doch nicht wahr sein!!!
Eine nagelneue 12-saitige Gibson „Ovation“, der Rolls Royce unter den Western Gitarren!
Unglaublich teuer, und nicht einfach zu bekommen. Seine Träume um Christin teilten sich genau mit dieser Gitarre. Er hatte bisher nur ein einziges Mal auf ihr gespielt, in einem Musikgeschäft in Hamburg. Seit genau diesem Moment war sie sein unbedingter Favorit unter den Gitarren.
Er schwor sich damals zu sparen, damit er sie bald als sein eigen nennen durfte. Aber es hätte noch lange gedauert, bis er sich diesen Wunsch hätte erfüllen können.
Mit aufgerissenen Augen, starrte er ungläubig in die lächelnden Gesichter um sich herum.
„Tja, lieber Alex! Dein Kollege Klaus erzählte uns von deinem Traum dieser Gitarre! Und so haben wir uns gedacht, das wir alle zusammenlegen, und dir deinen Traum erfüllen!“
Frau Müller selbst tränten die Augen, als sie Alexanders Emotionen beobachtete. Er konnte es einfach noch nicht fassen!
„Unser Chef spendete den Löwenanteil!“, bekräftigte Klaus lachend.
Der aber winkte schnell ab.
„Na ja, manchmal sind Träume eben nicht ganz billig. Aber es passte noch gut in mein Budget! Und wir alle hier denken, das dieses Geschenk bei dir gut investiert ist, oder Alex?“
Herr Teschen lachte bei seinen Worten, und zwinkerte Alexander grinsend zu.
„Aber jetzt hoffen wir doch alle sehr, das du uns einen Song vorspielst, Alex! Wir alle haben dich nur im Chor gehört. Jetzt würden wir dich gerne alleine und zusammen mit deiner neuen Gitarre genießen! Erfüllst du uns diesen einen Wunsch?“, fragte der Chef, immer noch lächelnd.
Ohne seine Antwort abzuwarten, eilte ein Mitarbeiter ins Büro, und brachte den alten Barhocker aus der hinteren Ecke herbei.
Er hatte bisher nur einmal öffentlich mit der Gitarre vorgespielt, das war auf dem Geburtstag von Bernd, seinem besten Freund. Da jedoch war es nur ein einfaches „Happy Birthday“.
Verlegen suchte er in seinem Portemonnaie nach seinem Plektrum, einem Kunststoff-Plättchen, mit dem viele die Western-Gitarre spielen, um einen klaren und reinen Sound auf den Stahlsaiten zu bekommen.
Er stimmte die Gitarre in wenigen Momenten nach.
Die Leute bildeten einen kleinen Kreis um Alex herum, und neugierig blickten alle zu ihm. Es wurde sehr ruhig im Raum.
Alex war mulmig, er setzte sich auf den Hocker, und begann mit dem Klassiker Streets of London. Schon alleine das Intro auf der Gitarre ließ sämtliche Haare der Zuhörer zu Berge stehen. Und Alex war begeistert von diesem vollen, satten Sound seiner neuen Gitarre.
Er zupfte die Akkorde ohne Missklänge und ohne schnarrende Saiten.
Als er begann, die erste Strophe zu singen, öffneten sich einige Münder der Zuhörer. Keiner bewegte sich, einige drehten ihre Ohren sogar in Richtung Musik, um besser lauschen zu können.
Mit butterweicher, aber trotzdem leicht rauchiger Stimme sang er die Strophen. Mit geschlossenen Augen saß er da, und gab sich vollkommen der Musik hin. Er war eins mit dem Song, er war mittendrin.
Beim Refrain konnte die Sekretärin nicht anders, und gab ein hörbares Schluchzen von sich. Auch die anderen lauschten aufmerksam und andächtig diesem melancholischen Song. Die musikalischen Emotionen und Leidenschaft des Interpreten übertrug sich schlagartig auf alle.
Es war unglaublich, aber nachdem Alex den Schlussakkord zupfte, herrschte nur noch Schweigen im Raum.
Nach einiger Zeit hörte Alex ein zögerliches Klatschen vom Chef, das sich rasch vermehrte. Plötzlich wurde gejubelt und geklatscht. Einige verlangten sogar eine Zugabe.
„Bravo Alex, toll! Wir wussten gar nicht, das du so gut singen und spielen kannst! Das war ja unglaublich!“
Die Gesichter formten sich wieder aus ihrer Andächtigkeit zu lachenden, fröhlichen Gesichtern.
„Ja,. Zweifelsohne, die Gitarre ist bei dir in den richtigen Händen! So Jungs, aber nun wartet noch etwas Arbeit auf uns! Darf ich also bitten?“, drängelte der Chef.
Als alle draußen waren:
„Und nun zu dir, Alex. Das hast du eben ganz wunderbar gesungen und gespielt. Ich bin ein großer Fan von diesem Song. Damals nach der Trennung von meiner Ex-Frau hatte er mir sehr geholfen!“
Er räusperte sich etwas verlegen.
„So Alex, du fährst noch mal mit Klaus zu Herrn Meyer, da macht ihr bitte heute die Installation fertig!“
Herr Teschen schaute Alex noch lange hinterher, als er über den Hof zum Firmenwagen ging, an dem Klaus wartend lehnte. Es ist unglaublich und große Klasse, wie viele Emotionen dieser Junge mit seiner Musik freisetzen und übermitteln kann, dachte er still für sich, während er unbewusst und in Gedanken mit seinem Kuli die Schreibplatte seines riesigen Bürotisches traktierte.
Abends, nachdem der Chor sich langsam zum Abschied auflöste, war Christin noch immer in dem Raum!
Was war los? Hatte ihr feiner Freund heute keine Zeit?
Sie wirkte schon beim Zusammenfinden des Chores abwesend, ja fast traurig.
Ihre leeren Blicke trafen die Wand. Alex wollte gerade gehen, als er sich noch mal umdrehte, und vorsichtig fragte:
„Geht es dir nicht gut, Christin?“
Ihre Augen wurden plötzlich gläsern, sie spielte unbewusst und nervös mit ihren Fingern auf dem Schoß. Langsam neigte sich ihr Mundwinkel nach unten, bevor es schließlich heulend aus ihr herausplatzte:
„Er ist so gemein! Warum tut er das?“
Alexander verstand nichts vom Sinn ihrer Worte, aber es lag nahe bei der Hand, das sie von ihrem neuen Freund aus der Stadt sprach.
Er setzte sich neben sie, ohne ein Wort zu sagen. Es tat ihm sehr leid, sie so unglücklich zu sehen.
„Er betrog mich! Und das mit einer Freundin!“, hauchte sie leise.
Sie vergrub ihr schmales Gesichtchen in ihren Händen, aber sie vermied es, laut aufzuheulen.
Alex wusste nicht so recht, wie er sich jetzt verhalten sollte, und was sie von ihm erwartete. Er wollte am liebsten seinen Arm um sie legen, doch wusste er nicht, ob es ihr recht sei.
Aber diese Frage sollte sich von alleine klären, denn plötzlich befand sich sein Kopf in ihren Armen. Die rhythmischen Bewegungen ihres Zwerchfells beim Weinen spürte er deutlich. Er verharrte in dieser äußerst unbequemen Stellung. Er spürte, das seine Anwesendheit jetzt wichtig für sie war.
Es dauerten noch weitere fünf Minuten, bis sich ihre kräftige Umarmung um seinem Hals lockerte.
Jetzt schon unter bessere Kontrolle sagte sie schniefend:
„Es tut mir leid! Aber ich konnte eben nicht anders!“
Alexander rieb sich unbewusst seinen leicht schmerzenden Nacken.
„Willst du es mir erzählen? Weißt du noch? Ich meine, wie damals in unserem Baumhaus! Als wir noch Kinder waren!“
Sie erinnerte sich sehr gut an die vielen gemeinsamen Stunden mit Alex, hoch oben in dem von ihrem Vater erbauten Baumhaus.
Sie erzählten sich immer alles. Sie waren wie Bruder und Schwester, vertrauten sich seit jeher.
„Ja, das waren schöne Zeiten, was Alex?“
Nun lächelte sie sogar etwas.
Christin fiel nicht auf, das ihre Hand auf einem seiner Schenkel ruhte, und sanft mit dem Daumen darüber streichelte, als sie erzählte.
Er ließ es verwirrt geschehen, aber hörte ihr aufmerksam zu.
Zwei Stunden später begleitete er sie bis vor ihre Haustür. Sie strich ihm liebevoll durchs Haar, als sie sich dankend und zaghaft lächelnd von ihm verabschiedete.
Auf seinem Heimweg dachte er an diese für ihn verworrene Situation und obwohl er sich darüber freuen müsste, das dieser Popanz aus der Stadt offensichtlich hier nicht mehr aufkreuzen würde, waren seine Gedanken bei ihr.
Er bemerkte nicht die eine kleine Träne, die an seiner Wange hinunterlief.
3
Bei Norbert in der einzigen Kneipe des Dorfes war es für viele wie ein Wohnzimmer. Hier wurden Meinungen und Erfahrungen ausgetauscht, und hin und wieder auch mal über die Strenge geschlagen, wenn die Wirkung des Alkohols sein Werk vollbrachte.
Aber es kam nie zu einer Schlägerei, denn Norbert wachte immer aufmerksam über seinen „Palast“, wie er seine Wirtschaft immer nannte. Sehr wahrscheinlich auch deshalb der Name Bier-Palast.
Sicher, nur mit weit hergebrachter Phantasie könnte man diese Bierstube mit einem Palast assoziieren. Aber das spielte hier im Ort keine Rolle.
Wenn man sich treffen wollte, war es halt immer der Palast, der in aller Munde war. Selbst der Pastor kehrte hier dann und wann ein.
Klaus und Thorsten saßen an der Theke, und unterhielten sich mit Norbert.
„Ehrlich? Das kann ich mir gar nicht bei diesem Jungen vorstellen! Im Chor hört er sich zwar gut an, wenn er singt. Aber wie ich finde, nicht besser oder schlechter, als andere auch!“
Norbert ging wieder zum Zapfhahn, um nachzuschenken.
„Ne wirklich, du hättest dabei sein müssen! Dann würdest du besser verstehen!“, sagte Klaus.
„Mag sein, wenn ihr meint? Ich gönne es dem Alex, ist ein symphatischer Junge. Ich mag ihn!“
„Vielleicht hätte er Sänger werden sollen, anstelle Klempner! Oder was meint ihr?“, frötzelte Thorsten in einem etwas abwertenden Ton.
In seiner Stimme ließ sich Neid vermuten.
„Ne lass mal, es ist schon gut, wie es ist. Keine Starallüren oder so. Er ist so, wie er ist, schon ganz in Ordnung.“
Norbert kam mit einer Flasche Weinbrand wieder zu den beiden, und füllte ihre Glaser auf.
„Na ich weiß nicht recht. Ist es nicht ein vergeudetes Talent, welches hier im Ort bei Klempnerarbeiten versauert? Ich meine, stellt euch doch mal vor, wir hätten hier im Dorf eine berühmte Persönlichkeit!? Das wäre doch für uns alle gut, oder?“, raunte Norbert mit seiner tiefen Stimme.
„Ja klar, aber Berühmtheiten wachsen ja nicht auf den Bäumen, habe ich recht?“
Da waren sich alle wieder einig. Jeder dachte einen kurzen Moment für sich nach, bis Thorsten, der jüngste von den dreien begann:
„Bald fangen wieder diese Castingshows im Fernsehen an! Ihr wisst schon, StarWorld oder wie die heißt! Ich schaue mir das ganz gerne an, wenn ich ehrlich bin!“
„Meinst du diese Show, wo immer die sogenannten jungen Gesangstalente verhunzt und verheizt werden?“
Alle drei grübelten, bis noch weitere Leute hinzu kamen.
Zwei Stunden später wurde immer noch eifrig diskutiert, bis sich der Pulk langsam auflöste. Schließlich war morgen ein ganz normaler Arbeitstag.
Am Ende waren sich alle einig. Warum sollte man es nicht versuchen? Fragen kostet ja nichts!
Das Thema dieser lebhaften Diskussion bei Norbert im Palast sprach sich in den darauffolgenden Tagen sehr schnell im Dorf herum. Viele Skeptiker, aber auch viele Befürworter.
Nur Alex wusste von alledem nichts. Ihm fiel nur auf, das sich seine Kollegen und andere ihm gegenüber anders verhielten, als sonst. Fast schon überfreundlich und zuvorkommend.
Er konnte sich keinen Reim darauf machen, aber er dachte sich nichts weiter dabei. Schließlich war es kein unangenehmes Gefühl!
Familie Tessin saßen wie immer abends gemütlich beim Abendbrot beisammen.
„Habt ihr mitbekommen, worüber im Dorf gesprochen wird?“, fragte die Mutter.
Ihr Mann legte sein Besteck zur Seite, trank ein Schluck Rotwein aus seinem Glas, und erwiderte schließlich mit leerem Mund:
„Ich bin zwar meistens arbeitstechnisch in Hamburg wie ihr wisst, aber einiges für mich nicht ganz verständliches über Alex kam mir zu Ohren! Worum geht es denn da genau?“
„Und du, Christin? Weißt du mehr?“
Christin tupfte sich mit der Serviette den Mund ab.
„Ja, im Laden sprachen einige von Alexanders Gesangsvorstellung in seiner Firma. Und von seiner guten Stimme. Aber das ist ja eigentlich nichts neues, oder Mama?“
„Nein, eigentlich nicht. Aber ich hörte auch etwas über die Castingshow StarWorld, die jetzt bald wieder beginnen soll. Einige hier im Dorfe sind der festen Meinung, das Alex gute Chancen dort hätte, wenn er sich dort bewerben würde!“
„Wie bitte, was? Wie können sie die das beurteilen, wenn sie ihn außer im Chor noch nie singen hörten?“, wunderte sich der Vater.
Frau Tessin schwieg. Sie alleine wusste wohl am besten über das außergewöhnliche Talent von Alex Bescheid. Sie konnte sich sehr gut vorstellen, das sein Solo Auftritt mit Gitarre in seiner Firma ein Erfolg war.
Und sie konnte es sich ferner gut vorstellen, das dieses Talent Alexander Strohm große Chancen hätte bei einem dieser sogenannten Castings. Aber sie war auch bestens informiert über die Vorgehensweise der Macher dieser Show. Und genau das würde sie keinem jungen Menschen wünschen.
Sie schob ihren geleerten Teller von sich, bevor sie fortfuhr:
„Wir schauen ja auch oft diese Castingshows an, ich besonders wegen der vielen jungen Gesangstalente in dieser Show. Natürlich bin ich als Gesangsausbilderin daran interessiert.!“
Sie nahm ebenfalls einen kleinen Schluck Rotwein.
„Nur was letztendlich mit vielen diesen jungen Leuten angestellt wird, wie sehr ihre Persönlichkeiten und ihre Leben ungekrempelt werden, nein, das passt mir ganz und gar nicht! Dabei geht es den Verantwortlichen doch nur um den schnellen, finanziellen Erfolg mit ihren sogenannten Schützlingen, oder? In den Medien wird ja auch genug darüber berichtet.“
Jetzt verstand auch Christin, worum es eigentlich bei diesem Thema ging. Soweit wurde es ihr noch nicht zugetragen. Oder sie hatte nicht richtig hingehört.
„Wie, Alex soll dort vorsingen?“
„Ja mein Liebes, das wünschen sich anscheinend einige Menschen hier im Ort.“
Dieser Gedanke ließ bei Christin einen nicht zu definierenden Schauer den Rücken hinunter laufen.
Jetzt lösten sich die ernsten angespannten Gesichtszüge der drei wieder, alle lachten plötzlich.
„Nein im Ernst, meine Lieben, aber auch wenn Alex das allergrößte Gesangstalent hätte, in diese „Kommerz-Grube“ zu den hungrigen Geldschein-Wölfen würde ich ihn nie hineinwerfen!“
Sie lachte bei ihrem gerade selbst kreierten Beispiel. Alle erhoben sich schließlich und jeder ging im Haus seiner Wege.
Christin schloss ihre Zimmertür hinter sich. Sie würde sehr gerne mal Alex alleine mit seiner Gitarre zuhören. Warum ihr das bloß bisher nie in den Sinn kam?
Sie wusste von seiner ausgereiften Stimme, schließlich stand er im Chor nur eine Reihe hinter ihr. Aber alleine hatte sie ihn noch nie singen gehört. Erst recht nicht einen modernen Song, und dann noch auf seiner Gitarre.
Sie dachte öfter an ihn, besonders nach dem für sie schwierigen Abend, an dem er für sie da war. Sein Verständnis und seine Anwesendheit taten ihr gut. Sie fühlte sich sehr wohl und geborgen bei ihm. Diese Tatsache ist ihr noch nie aufgefallen, gestand sie sich ein.
Christin schaltete den Fernseher ein, doch sie nahm das laufende Programm nicht richtig wahr. Sie dachte nur nach, und träumte vor sich hin.
Das war alles noch zu viel für sie, mit ihrer Beziehung, die sich unaufhaltsam dem Ende näherte.
Ihre Mailbox war voll, stellte sie fest. Er war es, bestimmt zwanzig Mal. Sie sah seine Nummer auf dem Display, aber sie würde mit Sicherheit heute nicht mehr zurückrufen.
Erst Morgen will sie eine letzte Aussprache mit ihm.
Für heute hatte sie genug!
Kleine Tränen bahnten sich in ihrem Gesicht den Weg bis zum Kinn hinunter.
4
„Moin Alex! Na, alles klar? Bin wieder im Lande. Vielleicht können wir uns ja später treffen, oder was meinst du?“
Alexander hörte gerade seine Mailbox ab. Auf Arbeit hatte er sein Handy immer leise gestellt. Er wurde sowieso nicht sehr oft angerufen, nur meistens von Bernd.
Wie oft hätte er es sich gewünscht, das sein Handy klingelte, und sie wäre am anderen Ende der Leitung... Christin!
Na prima, ist der Bernd also wieder zu Hause.
Alex freute sich, seinen Kumpel nach zwei Wochen wiederzusehen. Er machte Urlaub in Spanien. Bestimmt hatte er eine Menge erlebt, vielleicht sogar ein hübsches Mädchen dort kennengelernt.
Aber das würde er ja sehr bald erfahren. Jetzt hatte er Mittagspause, da konnte er ihn anrufen.
Er tippte auf seinen Namen im Telefonbuch des Handys, es tutete nur kurz, dann:
„Hey Alex, alter Lümmel! Geht’s gut?“, unkte es aus dem Hörer.
Das war seine Art, und Alex lachte laut auf.
„Alles normal hier! Willkommen zurück!“
Nach nur einem kurzen Gespräch verabredeten sich für den Abend bei Norbert im Palast.
Thorsten fluchte laut vor sich hin auf dem Bau, wo er gerade mit Klaus eine Wasserleitung verlegte.
„Heiliger Bimbam, ich hasse Altbauten!“
Klaus war eher der ruhigere Typ.
„Ja stimmt, hier gibt´s leider eine Menge massive Wände. Aber hilft ja nix, da müssen wir durch!“
Thorsten war ungefähr ein Jahr älter, als Alex.
Klaus war der älteste Mitarbeiter der Firma, aber nicht mehr lange, dann winkte seine heiß ersehnte Pensionierung.
Jeder hatte vor ihm mindestens genauso viel Respekt, wie vor dem Chef, der selber einige Jahre jünger war, als Klaus.
„Du, ich habe noch mal darüber nachgedacht! Ich meine, über unser Gespräch gestern mit Norbert im Palast.“
Klaus schnaufte leise vor sich hin, als er versuchte, zwei Kupferrohre zusammenzustecken.
„So? Na dann erzähl mal!“
„Was meinst du, wollen wir eben eine kurze Zigarettenpause einlegen?“
Klaus hatte nichts dagegen einzuwenden.
Sie saßen noch nicht mal, als Thorsten schon loslegte:
„Ich meine, wenn Thorsten so ein großes Talent ist, wie allgemein behauptet wird, dann wäre es doch genial, wenn er dort bei StarWorld vorsingen würde, was Klaus?“
Er steckte sich eine Zigarette an, dann:
„Mehr als blamieren kann er sich ja schließlich nicht, oder?“
Klaus steckte sich ebenfalls eine an, und zog den Rauch tief in seine Lungen.
„Ich weiß nicht so recht! Ich habe mal in so einem Bericht gelesen, das sich einige junge Leute, die da mal mitgemacht haben, sich fast alles in ihrem privaten Umfeld versaut haben, nachdem sie rausgeflogen sind! Entweder, sie waren zu peinlich, und keiner wollte hinterher mehr etwas mit ihnen zu tun haben, oder sie machten sich selbst das Leben schwer, mit Drogen und so´n Zeugs!“
Er nahm sich einen Schluck Kaffee aus seiner Thermosflasche.
„Ne, ich weiß es wirklich nicht! Alex ist so ein prima Kerl, es wäre sehr schade, wenn er durch irgendetwas seine ehrliche, aufrichtige Art... und vor allen Dingen seinen Spaß verlieren würde. Der Preis ist einfach zu hoch! Es sollte in meinen Augen lieber alles so bleiben, wie es ist! StarWorld hin oder her!“
Thorsten wartete brav, bis er sicher war, das er nun reden konnte. Niemand unterbrach Klaus so ohne weiteres.
„Ja, aber hör mal! Wäre doch nicht schlecht, wenn unser Dorf durch Fernsehen und so bekannt im übrigen Deutschland werden würde, oder?“
Jetzt beugte er sich leicht nach vorne, um besser in das Gesicht von Klaus blicken zu können, als er schon fortfuhr:
„All die ganzen Presseleute hier, Kameras, Interviews und so weiter. Vielleicht siehst du dich dann auch im Fernsehen, oder was meinst du?“
Klaus drehte seinen Kopf langsam zu Thorsten, der schon auf die Antwort gespannt wartete. Schließlich war das ein gewichtiges Argument, wenn man mal die Chance bekam, ins Fernsehen zu kommen.
Die Antwort von Klaus kam prompt und überraschend:
„Sage mal Thorsten, könnte es vielleicht sein, das du bei dieser Geschichte nur an dich selbst und deine Vorteile denkst? Ist dir der Alexander und was mit ihm geschehen könnte, völlig egal? Oder sollte ich mich da täuschen, und du bist einfach noch zu jung und zu grün hinter den Ohren, um die Zusammenhänge zu begreifen!?“
Das kam unerwartet für Thorsten! Damit hätte er jetzt nicht gerechnet. Er lehnte sich wieder langsam zurück, und nahm mit etwas zittrigen Fingern einen weiteren Zug von seiner Kippe.
„Ich, und andere übrigens auch, habe das Gefühl, es liegt etwas im Argen mit dir und Alex! Habt ihr euch mal gestritten oder so etwas ähnliches?“
Es dauerte einen kleinen Moment, aber dann ließ Thorsten seinen Kopf etwas nach unten fallen, als er zögerlich und leise antwortete:
„Nein, das nicht! Aber...“.
Er schluckte, dann stand er auf, und lief unruhig einen Meter vor und zurück. Immer wieder, so das es Klaus schon nervös machte, aber er merkte, das dem Jungen etwas auf der Seele lag, und ließ ihn gewähren.
„Es geht um sein Gesangstalent und auch um Christin Tessin, du weißt schon, die Verkäuferin vom Bäcker!“
„Hübsches Mädel! Ja, und weiter?“
Thorsten begann zuerst zögerlich, aber dann wurde er etwas lauter und seine Sätze kamen jetzt sehr fließend. Er redete ohne Pause, sein Gestikulieren mit Armen und Fäusten deuteten auf sehr viel Wut hin.
Klaus hörte sich seine Geschichte an, ohne ihn auch nur ein einziges Mal zu unterbrechen. Nachdem Thorsten in seinem Monolog endete, ließ er sich auf die Fensterbank plumpsen. Es schien, als bereute er gerade seine Offenherzigkeit dem Klaus gegenüber. Vielleicht schämte er sich auch.
„Mit anderen Worten, dir wäre es ganz recht so, wenn Alex sich blamieren würde, oder sogar Schwierigkeiten deswegen bekäme?“
Er nahm noch einen kräftigen Schluck mittlerweile kalten Kaffee aus seinem Thermosbecher.
„Denke noch einmal darüber nach, aber das es so schlimm bei dir ist, wusste ich nicht. Bedenke aber, das so etwas kein Mensch verdient hat und man sollte nicht einmal den Hauch von einem Moment an so etwas denken.“
Er schraubte seinen Becher wieder auf die Flasche.
„So, nun aber wieder an die Arbeit!“
5
Es war noch leer im Palast, als er zu Norbert an den Tresen ging.
„Hey Alex, n´Abend! Wie geht’s, alles klar bei dir?”
„Ja danke, gleich kommt Bernd noch. Er ist wieder aus dem Urlaub zurück!“
Wenn man vom Teufel spricht...
„Hallo Norbert, hey Alex!”
Die beiden bestellten sich sofort zwei Bierchen, und gingen hinüber zum kleinen Tisch am Fenster.
„Mensch Meier, du bist ja vielleicht braun geworden! Alter Schwede!“
„Ich kann dir sagen... nur Sonnenschein und schöne Frauen! Und das zwei Wochen lang, geil oder?“
Norbert brachte den beiden die bestellten Biere.
„Es war echt der Hammer, Alex! Nächstes Jahr machen wir beide gemeinsam Urlaub dort, oder was meinst du?“
„Ja klar, ich hoffe, das es dann besser klappt mit unserer gemeinsamen Urlaubszeit! Ging ja dieses Jahr leider nicht!“
Bernd war Koch, und arbeitete drei Dörfer weiter in einem kleinen Restaurant. Sein Traum ist ein bekanntes, großes Hotel in Hamburg. Und von da aus 1-2 Jahre später hinaus in die große, weite Welt.
„Ich habe gehört, du willst dich bei StarWorld bewerben?“
„Wie bitte??? Wer erzählt denn so was?“
Vollkommen erstaunt und überrascht verzog er fragend seine Mine zu einer hässlichen Grimasse.
„Das pfeifen hier doch an jeder Ecke die Spatzen vom Dach! Wie, stimmt das etwa nicht?“
„Hey Bernd, mal im Ernst... so´n Quatsch habe ich selten gehört!“
Jetzt griff Alex grinsend sein Bier, und nahm einen kräftigen Schluck.
„Dachte ich es mir doch! Alles nur das übliche Dorfgequatsche.“
Bernd erzählte die nächste Stunde und vier Biere später immer noch von seinem Urlaub, und auch von Tina, dem hübschen Mädel vom Strand, die zufällig im selben Hotel, zwei Zimmer weiter, wohnte. Wenn er ihren Namen erwähnte, und das war gerade jetzt in dieser Gesprächsphase sehr häufig, lag ein untrüglicher Glanz in seinen Augen.
Alex kannte seinen Freund sehr gut. Für ihn war sicher... Bernd war bis über beide Ohren verknallt.
„Da ist ja unser Stimmwunder! Hey ihr beiden, was geht?“
Thorsten und zwei seiner Mannschaftskameraden schlichen wie lauernde Raubtiere um den Tisch herum.
„Was dagegen, wenn wir uns zu euch setzen?“
Die Stimmung verbesserte sich von Bier zu Bier. Es wurde viel gelacht, besonders bei den Urlaubserzählungen von Bernd, der allgemein großen Respekt von allen hier im Dorf genoss.
„Wo wohnt diese Tina?“, wollte Thorsten wissen.
„Das ist ja der Hammer schlechthin! Keine hundert Kilometer von hier!“
„Siehst du sie wieder?“
Das Gesicht von Bernd verdunkelte sich leicht.
„Ich würde gerne! Aber sie ist in einer Beziehung, leider! Aber wir haben schon telefoniert, und nächste Woche werde ich ihr einen Brief schreiben!“, seufzte Bernd.
Dieses verschmitzte, linkische Lächeln von Thorsten wird Alex noch länger in Erinnerung behalten, als dieser sich ihm zuwendete.
„Das war ja eine bühnenreife Vorstellung bei unserem Chef im Büro, Alex! Wusste gar nicht, das du so schön singen kannst!“
Alex dankte für dieses Kompliment, obwohl ihn dieser fast schnippische, leicht verächtliche Ton in der Stimme von Thorsten alarmierend aufhorchen ließ.
Überschwängliche Worte, verfeinert mit feinen Nuancen des Hohnes, gar des Spottes, hinterließen deutliche Spuren in der Umkleidung seines hochsensiblen Emotionengewandes.
Die drei Jungs lächelten, jedoch ohne wirkliche und spürbare Fröhlichkeit. Das fiel selbst Bernd auf, sollte er später erfahren.
„Ne Alex, mal ehrlich! Wir finden, du solltest dich bei der diesjährigen Staffel von StarWorld bewerben! Du hättest echte Chancen, darüber sind wir uns doch alle einig, oder Jungs?“
Die Freunde von Thorsten nickten eifrig.
Alex schaute fragend zu Bernd.
Woher sollten seine Freunde über seine gesanglichen Qualitäten Bescheid wissen, wenn sie ihn noch nie singen gehört hatten?
„Danke, aber das ist nichts für mich!“
„Ach komm´ Alex, du bist viel besser, als die meisten Schwachköppe dort! Die singst du doch mit links von der Bühne, was Leute?“
Anscheinend stetig auf der Suche nach Anerkennung und Zustimmung, hinterfragte er fast jeden ausgesprochenen Satz bei seinen Freunden, die ihm immer wieder recht gaben.
„Tut mir leid Leute, aber ich muss jetzt los! Morgen früh ist wieder viel Arbeit angesagt!“
„Ey Alex, entspann dich! Du hast doch morgen beim ollen Meyer nur Restarbeiten mit Klaus zu schaffen, oder? Ist doch absolut easy! Noch ein Bierchen, ok?“
Verdammt, Thorsten wusste als sein Kollege natürlich Bescheid über seine Arbeit. Das hatte er vergessen!
„Stimmt, aber ich habe auch noch etwas zu Hause zu erledigen! Sorry, aber wat mutt, dat mutt!“
Er klang wenig glaubwürdig, und Alex spürte das. Er wollte nur diesen Platz der für ihn unangenehmen Stimmung schleunigst verlassen.
„Ok Alex, ich trinke noch in Ruhe mein Bier aus! Wir sehen uns ja morgen, oder?“, sagte Bernd zum Abschied.
„Geht klar, ich komme nach der Arbeit mal bei dir vorbei, einverstanden?“
Alex ging zu Norbert an die Theke, und zahlte etwas verwirrt seine Zeche. Er winkte noch einmal kurz zu Bernd, dann verließ er die Gaststätte.
„Sag mal Thorsten, was sollte das denn eben? Du schleimst hier mit lockerer Zunge bei Alex rum! Das hatte doch einen Grund, oder? Oder was sollte diese Show eben?“
„Wieso Show? Das meinte ich ernsthaft mit dem Casting! Das wäre doch was für ihn, oder was meint ihr?“
Nickende Zustimmung bei seinen Freunden.
„Na ja Thorsten, wie auch immer! Aber das eben gefiel mir überhaupt nicht! Verarschen lässt sich der Alex auch nicht, das hast du ja sicherlich eben gemerkt!“
Bernd mochte die großkotzige Art von Thorsten nicht. Es war schon mal hart an der Grenze einer saftigen Schlägerei der beiden und nur das Einschreiten von einigen Leuten einschließlich Alex verhinderte übleres.
„Wieso? Was denn? Versteh ich nicht! Habe ich etwas falsches gesagt? Oder Jungs?“
Dieses mal war es anders herum, und seine Freunde schüttelten wie einstudiert verneinend ihre Köpfe.
Bernd war schon im Begriff, zur Theke zu gehen, als er sich noch einmal umdrehte:
„Nicht, was du sagtest, war großer Mist, sondern wie du es sagtest! Denke mal darüber nach!“
Aufgebracht und verärgert ging er zu Theke, zahlte, und verschwand.
Thorsten fing plötzlich an, laut zu lachen. Er war nicht sonderlich beliebt bei vielen, eben wegen seiner schnöseligen, aalglatten Art. Aber es gab ein paar Leute wie seine Vereinskameraden vom Fußball, die ihn fast abgöttisch bewunderten. Wahrscheinlich wegen seiner großen Klappe und den meist miesen und herablassenden Sprüche aus der untersten Schublade.
„Habt ihr gesehen, wie beide davon trottelten? Wie getretene Hunde! Vielleicht bringen wir ihn ja doch noch dazu, sich zu bewerben, oder? Dann kann sich dieser Sängerknabe ja mal richtig zum Deppen machen, oder nicht?
Aus welchen Motiven heraus er so sprach, behielt er für sich. Das brauchte auch keiner zu wissen!
Alle lachten und sie bestellten eine weitere Runde Bier.
Alex zupfte melancholische Klänge auf den Seiten seiner neuen Gitarre, als sein Telefon läutete. Bestimmt Bernd, dachte er sofort, und legte die Gitarre sanft auf sein Bett.
„Alex?“
Mit einem Ruck erhob er sich aus seiner fletzenden Position auf seiner Couch, und saß plötzlich kerzengerade. Er glaubte seinen Ohren nicht trauen zu können.
„Hallo Christin!“, stammelte er etwas unbeholfen und vollkommen überrascht.
„Störe ich dich?“
„Nein, natürlich störst du nicht! Ich spielte nur gerade Gitarre.“
Das Gespräch dauerte mittlerweile 2 Stunden. Alex hatte längst seine Verkrampftheit gelockert, und saß fröhlich plaudernd und bequem auf seinem bunten Sessel.
Seine Stimme wurde leiser, fast flüsternd, als er sich nach dem Gespräch verabschiedete.
Nachdem er den Hörer auf die Gabel gleiten ließ, lehnte er sich mit einem Lächeln auf den Lippen sanft zurück. Er musste erst einmal verarbeiten, was gerade geschah. Noch nie hatte sie bei ihm angerufen. Wie schön und sanft ihre Stimme auch im Telefon klang.
Er dachte über ihre Einladung nächsten Samstag nach. Sie veranstaltet eine Gartenparty, es sollte gegrillt und getanzt werden, etwa 20 Gäste seien eingeladen, sagte sie. Und... sie bat ihn, wenn er dazu Lust hätte, doch seine Gitarre mitzubringen.
Er sagte ohne nachzudenken der Einladung zu.
Vergnügt und bestens gelaunt trällerte er ein Lied nach dem anderen. Auch Bernd wollte sie einladen. Nicht weil sie einen besonderen Kontakt zu ihm gehabt hätte, aber sie wusste, das Bernd der beste Freund von Alex ist.
Er stand heute lange vor dem Spiegel, seine Haare saßen nicht so, wie er es gern gehabt hätte. Er kramte ungeduldig suchend in dem Spiegelschrank nach der Dose Haar-Gel.
Nach einer weiteren halben Stunde warf er noch einmal einen prüfenden Blick in den Spiegel, dann verließ er gutgelaunt das Badezimmer.
Hastig griff Alex nach dem Telefon, und wählte Bernds Nummer.
„Wie sieht es aus? Bist du fertig?“
„Ja, mit den Nerven! Aber sonst bin ich soweit abmarschbereit! Ich hole dich gleich ab, OK?“
Der warme und milde Abend war ideal für eine Grillparty im Garten. Die beiden hörten schon von weitem die Musik, vermischt mit fröhlichem und lachendem Stimmengemurmel.
Sie durchschritten die Gartenpforte, als sie schon Christin entdeckten, die umringt von einigen Leuten auf der Terrasse stand.
Einen kurzen Moment später bemerkte auch sie die beiden, besonders Alexander war kaum zu übersehen mit seinem schwarzen Gitarrenkoffer. Sie entschuldigte sich bei ihren Leuten, um ihnen entgegenzueilen.
„Na toll, das ihr da seid. Schön! Wie ihr seht, ist die Party schon in vollem Gange!“
Alex überreichte ich lächelnd das kleine, niedliche Päckchen mit einer kleinen Aufmerksamkeit.
„Vielen Dank für die Einladung!“, erwiderte Alex.
Nachdem sie sich langsam in die Partygemeinschaft eingefunden haben, fühlten sie sich bald sehr wohl und das aufgeregte Magenkribbeln war längst verschwunden. Ungefähr die Hälfte der Gäste kamen aus dem Dorf, den anderen wurden sie von Christin vorgestellt.
Zu späterer Stunde wurde die Stimmung ausgelassen, und alle haben sich mittlerweile bei zunehmender Dunkelheit um das lodernde Lagerfeuer herumgesetzt.
Es wurden aktuelle Themen diskutiert, meistens ging es dabei um den Beruf oder um Partnerschaften.
Bernd und Alex hörten mehr zu, als das sie sich am Gespräch beteiligten. Sie hatten Respekt vor den Gästen aus der Stadt, die sich scheinbar gebildet, aber auch abgehoben ausdrückten, umhüllt von ihrer teuren Garderobe und die einen Hauch von Arroganz zutage legen ließen.
Alex und Bernd mochte das blasierte und aufgedunsene Verhalten dieser Leute überhaupt nicht. Aber gemessen an dem bis jetzt angenehmen Abend war dieses Übel zu ertragen.
Plötzlich tippte jemand von hinten auf Alexanders Schulter.
„Sage mal, würdest du uns etwas auf deiner Gitarre vorspielen? Ich glaube, das wäre jetzt ein toller Moment!“, bat Christin freundlich.
Alex stand auf, und holte seinen Gitarrenkoffer von der Terrasse. Als er wieder zum Feuer kam, sah er die abschätzenden Blicke der Jungs von außerhalb, die ihn von oben bis unten musterten.
Sofort machte sich das mulmige Gefühl im Bauch wieder bemerkbar. Bernd zwinkerte ihm aufmunternd zu.
Alex überhörte einige leise schnippische Bemerkungen, er setzte sich, stimmte die Saiten seiner Gitarre nach, und räusperte sich kurz, dann begann er mit einer sehr harmonischen Ballade.
Das eben noch angeregte Stimmengemurmel verebbte sofort, alle Blicke fokussierten sich auf Alexander.
Als er nach dem instrumentalen Vorspiel zu singen begann, war kein anderer Laut mehr zu hören, nur das Knistern der Flammen, die sich gierig durch das Holz fraßen.
Es herrschte Schweigen, als Alex den letzten Akkord erklingen ließ. Bernd registrierte sofort die angenehm entspannten und verwunderten Gesichter der etwas 20 Leute.
Alex begann ohne lange Pause mit dem nächsten Lied.
Etwa eine dreiviertel Stunde dauerte es, dann legte er seine Gitarre wieder in den Koffer zurück, um eine kleine Pause einzulegen. Er nahm noch nicht so richtig die Stimmung um ihn herum wahr, erst als einige mit dem Klatschen begannen, welches immer lauter wurde, begleitet von Bravo Rufen, registrierte er es.
Bernd zupfte ihn kaum merklich am Ärmel:
„Mensch Alter, ich wusste gar nicht, das du so irre-geil singen und spielen kannst! Boah, das war ja der helle Wahnsinn!“, flüsterte er ihm zu.
Alex bemerkte die freudigen und lobende Blicke von Christin, die ihn von der gegenüberliegenden Seite der Sitzrunde anlächelte.
Der Abend neigte sich dem Ende entgegen, viele Gäste waren schon gegangen. Eine halbe Stunde später saßen nur noch Christin und Alex am mittlerweile weit heruntergebrannten Feuer. Auch Bernd hatte sich kurz vorher verabschiedet, leicht wankend durch den Alkohol.
„Du kannst wirklich wunderschön singen und Gitarre spielen! Ganz anders, als in unserem Chor! Und viel schöner! Großes Kompliment!“
Christin stützte ihr Kinn auf die zusammengezogenen Beinen.
In ihrem bezaubernden roten Kleid und dem schwarzen, breiten Gürtel um ihre Taille, sah sie fantastisch aus.
Sie fühlte sich wohl in seiner Nähe, umgeben von dem romantischem Ambiente der knisternden Glut des Lagerfeuers.
Man konnte in dem fahlen Licht sogar noch die Silhouette des dicken Baumes erkennen, auf dem sie einst in der Hütte zusammen hockten.
Alex schaute glücklich und zufrieden in das matte Licht des Feuers, eine angenehme Spannung umgab die beiden.
Plötzlich spürte er, wie sie ihren Kopf an seine Schulter schmiegte. Sein Herz schlug daraufhin plötzlich deutlich schneller, verlegen traute er nicht, sich zu bewegen.
Er vernahm einen leisen und wohligen Seufzer von ihr, sie sprachen schon fast eine viertel Stunde kein Wort mehr miteinander.
Kurz darauf umgriff sie seinen Oberarm, und ließ ihre Hand dort ruhen.
Die darauffolgenden Tage begegnete er ihr nicht. Seine neue Baustelle war 2 Orte weiter, so das er nicht seine Frühstücksbrötchen in der Bäckerei kaufen konnte, in der sie arbeitete.
Christin ging ihm einfach nicht aus dem Kopf. So nahe war er ihr noch nie, wie auf der Party.
Der wunderschöne, süßliche Geruch ihres Parfums lag ihm immer noch in der Nase.
Bernd genoss seinen wohlverdienten Feierabend
Entspannt döste er auf seiner Couch, der Fernseher lief nebenher, ohne das er dem laufendem Programm Beachtung schenkte.
Durch eine bekannte Melodie fixierte sich sein Augenmerk auf die Mattscheibe. Der bekannte Musikproduzent und Musiker Uwe Holt machte, wie fast täglich, Werbung für seine kommende Show, wobei er junge Talente immer wieder dazu aufrief, bei den Castings teilzunehmen.
Bernd war plötzlich hellwach. Er erinnerte sich sofort an Alexanders grandiose Gesangsvorstellung auf der Party.
Ohne lange nachzudenken, griff er nach dem Telefonhörer auf dem Tisch, und tippte Alexanders Nummer ein... besetzt!
Er versuchte es per Wahlwiederholung noch etliche Male, doch jedes Mal mit dem gleichen Ergebnis.
Fluchend ging er in die Küche, um sich ein Brot zu schmieren. Er würde es später noch einmal versuchen.
Kaum hatte Alex den Hörer aufgelegt, klingelte es erneut. Schon bereits zum sechsten Male hob er ab, wohl ahnend, um was es sich handeln könnte.
„Na endlich! Telefoniertest du mit deiner Oma? Mann, ich habe es bestimmt schon dreißig Mal versucht!“
Es war Bernd. Er klang leicht außer Atem.
„Nicht die Oma! Freunde oder Bekannte riefen hier permanent an, ob ich mich nicht bei der Castingshow StarWorld vorstellen wollte!? So ein Unsinn, was soll ich da?“
„Was du da sollst? Vorsingen natürlich! Was ich auf der Party von dir musikalisch gehört habe, war der Kracher, weißt du das eigentlich? Mit deiner Stimme kommst du bestimmt weit, wenn nicht ins Finale!“
Alexander grinste belustigt.
„Mensch Kerle, nun komm mal wieder runter! Entspann dich, schön locker bleiben!“
„Wie locker bleiben? Du bist besser als all diese komischen Minnesänger aus den Shows zuvor, die ich sah!“
Frau Tessin faltete ihre Serviette zusammen, und schob ihren Teller etwas von sich. Fast wie einchoreographiert folgte ihr Mann ihrem Beispiel, nur Christin aß noch an ihrem Brot.
„Ja mein Engel, wir hörten ihn auch singen, als ihr unten am Feuer gesessen habt!“
„Und? Wie fandet ihr es? Hättest du das gedacht, Mama?“
Es war, als hätte sie diese Frage erwartet, denn die Antwort kam sofort:
„Ja Kleines, wie ich euch ja schon mal erzählte, bin ich von seinem ungeheuren Talent überzeugt! Du fragst aber nicht ohne Grund, richtig?“
Frau Tessin ist es natürlich nicht entgangen, worüber man im Dorf sprach.
„Nein Mama, aber meinst du nicht auch, das er sich nicht vielleicht doch mal bei StarWorld vorstellen sollte? Er würde bestimmt weit kommen, wenn nicht sogar...“
„Stopp Christin!“, warf die Mutter dazwischen.
„Ja, ich bin der Meinung, das Alex durchaus das Zeug dazu hätte, da mitzuwirken! Aber ich würde niemals wollen, das der Junge sich ins Unglück stürzt! Du kennst meine Meinung ja bereits!“
„Aber es heißt doch noch lange nicht, das so etwas jemals passieren könnte, oder?“, erwiderte Christin fast trotzig.
Im „Palast“ war es heute gut gefüllt, stellten Bernd und Alexander fest, als sie die Eingangstür durchschritten. Nachdem sie einige Grüße erwiderten, ließen sie sich auf Barhockern am Tresen nieder.
Es dauerte nur einen kurzen Moment, und es gesellten sich immer mehr Leute um die beiden herum. Auch Thorsten mit seinen Freunden kamen hinzu.
„Nur noch vier Tage bis Anmeldeschluss!“, lallte eine Stimme.
Norbert polierte gerade ein Glas, als er sich leicht über den Tresen beugte:
„Alex, die Jungs und ich haben eine Überraschung für dich!“
Er schob eine große Spardose aus Metall über das lackierte Holz. Alexander schaute verwundert zu Bernd.
„Eine Überraschung? Womit habe ich denn das verdient?“
Thorsten zwängte sich durch die Menschenmenge, als er schon vor Alex stand. Mit seinem gewohnten, leicht arrogantem Gesichtsausdruck verkündete er seinem Arbeitskollegen:
„Alle Gäste hier haben für dich gesammelt!“
„Gesammelt? Ja wofür denn?“, antwortete er verwundert. Bernd gluckste leise vor Vergnügen, denn er war der eigentliche Urheber dieser Aktion.
„Ist doch ganz einfach, alter Freund. Hiermit spendieren wir dir eine Zugfahrt hin und zurück nach München, einschließlich Kost und Logis, weil wir der Meinung sind, das du noch ein paar Tage länger dort verweilen wirst, bis die letzten 40 Kandidaten der endgültigen Live-Shows feststehen.“
Der nächste Morgen begann so, wie es sich wohl keiner wünschte. Als Alexander seine verklebten Augen aufschlug, hinderte ihn der heftige Schmerz im Kopf daran, ruckartige Bewegungen zu machen. Er versuchte, sich an die Einzelheiten des gestrigen Abends zu erinnern. Vorsichtig richtete er sich auf, bis er auf seiner Bettkante saß. Je mehr Erinnerungen frei wurden, desto mehr Unbehagen bereitete es ihm.
Es war wie ein schwerer Hieb in der Magengrube, als er sie dort auf dem Schreibtisch stehen sah. Langsam kamen die Erinnerungen wieder, Stückchen für Stückchen.
Mit stechendem Schmerz im Schädel wankte er zum Tisch, und nahm die Spardose in seine Hände.
Verdammt! Ich Idiot! Warum passiert das gerade mir?
Er kramte in seinen Hosentaschen nach dem Schlüssel, den er zur Spardose hinzu bekam.
Als er sie öffnete, quollen lauter Euro-Scheine heraus. Er leerte die Dose, bis er einen Zettel in der Hand hielt mit den Namen sämtlicher Spender.
Er brauchte an diesem Morgen ziemlich lange, um die Scheine zu glätten, um sie hinterher zählen zu können.
Nach einigen missglückten Zählversuchen hatte er endlich das Ergebnis. Insgesamt waren es 580 Euro.
Die spinnen doch alle! Warum habe ich diese Dose nur angenommen?
Er hatte bestimmt alle Schimpfwörter und Flüche in seinen Gedanken ausgesprochen, die er kannte, doch dann gab er es auf.
Fast schleichend entschwand er zum Badezimmer, um nach einer Kopfschmerztablette zu suchen.
Am nächsten Morgen in seiner Firma war er der einzige Gesprächsstoff, wie es schien. Alexander wurde zu seinem Chef ins Büro gerufen.
„Moin Alex, setzt dich! Ich habe ein paar Dinge mit dir zu besprechen.“, sagte er freundlich, leicht belustigt.
Alexander nahm auf diesem nicht wirklich bequemen Stuhl vor dem großen Schreibtisch Platz.
„Ich komme gleich zum Punkt, da gleich noch einiges an Arbeit auf dich wartet. Morgen fährst du ja nach München und wir rechnen mit deiner Abwesenheit für, sagen wir mal, 3 Tage. Da die Arbeiten bei zwei meiner Kunden diese Woche fertig sein müssen, wirst du natürlich sehr fehlen!“, sagte er mit ernster Mine.
Alexander rutsche unruhig und nervös auf seinem Stuhl hin und her. Die ganze Idee mit dem Casting gefiel ihm gar nicht. Die Erwartungen vieler Leute hier aus dem Ort lasteten zentnerschwer auf seinen Schultern. Er fühlte sich unwohl in seiner Haut.
Wenige Sekunden später entwich die Ernsthaftigkeit aus dem Gesicht des Chefs, und verwandelte sich rasch zu einem Lächeln.
„Aber keine Bange, für alles ist gesorgt. Klaus, Thorsten und die anderen Jungs werden Überstunden machen, das boten sie von selbst und auch gerne an. Aber glaube mir, auch wenn es nicht so wäre, ich würde, und zwar ohne groß darüber nach zu denken, die Kunden vertrösten, um dich dort hinzuschicken! Wir hier wissen alle, das du es kannst“
Er zwinkerte gutgelaunt mit seinem Auge.
Am Nachmittag des nächsten Tages saß Alex mit seiner Gitarre auf dem Bett, und übte drei seiner Favoriten-Songs, von dem er eines am morgigen Nachmittag der Jury beim Casting vortragen wird. Er war sich noch nicht schlüssig, welcher Song es sein wird. Die Texte saßen, die Melodien spielte er gewohnt sicher. Er mochte nicht daran denken.
Was ist, wenn er versagt? Wie würden sie hier im kleinen Ort über ihn reden? Und Christin? Wie würde sie sich ihm gegenüber verhalten?
Er schaute auf das Display seines stumm geschalteten Handys. Mittlerweile waren es vierzehn Anrufe seit seinem Feierabend. Und der war erst vor einer Stunde.
Er wollte mit sich alleine sein, und niemanden mehr sprechen. Aber als er die Nummern seiner Anrufe kontrollierte, entdeckte er, das auch Christin zweimal versucht hatte. ihn zu erreichen.
Sogleich legte er das Instrument zur Seite, und wählte ihre Nummer.
„Hallo Christin, du hattest bei mir angerufen?“
6
Es war ein warmer, sonnenreicher Morgen. Alexander saß auf seinen Zug wartend auf einer Bank am Bahnsteig, sein Gitarrenkoffer und eine Reisetasche standen wohlbehütet auf dem Boden neben ihm.
Plötzlich vernahm er eine ihm bekannte Stimme:
„Ist hier noch Platz?“
Es war Christin, die sich, ohne auf Antwort zu warten, neben ihn setzte.
„Nanu? Müsstest du jetzt nicht in der Bäckerei sein und Brötchen verkaufen?“, wunderte er sich erfreut.
„Mein Chef hat mir eine Stunde freigegeben, um dir mit einem weißen Taschentuch hinterher zu winken, wenn du abfährst!“, ulkte sie mit fröhlicher Ironie in ihrer Stimme.
Sie unterhielten sich noch ungefähr zehn Minuten, dann rollte auch schon der IC nach München ein.
Nachdem er sein Gepäck im Abteil verstaut hatte, zog er das große Fenster herunter. Der Blick in den Augen von Christin wird ihn noch die nächsten Stunden begleiten. Er war sich sicher, eine Mischung aus Sehnsucht und Verlangen in ihnen gesehen zu haben.
Als der Zug anrollte, lief sie noch einige Meter winkend neben her.
„Viel Glück!“
Dann entschwand sie und er setzte sich auf den bequemen Sitz. Er musste an sie denken, während er seine Augen schloss.
Als Alexander verschlafen seine Augen rieb, kam der Zug langsam auf dem Münchener Hauptbahnhof zum Stehen. Er holte, noch etwas schlaftrunken, sein Zeugs aus den obigen Ablagefächern herunter, dann stand er auch schon auf dem Bahnsteig. Während er sich zu orientieren versuchte, fielen ihm noch mehrere junge Leute auf, die sich genau wie er selbst suchend herumschauten.
Einige hatten auch Instrumentenkoffer bei sich, er vermutete, das sie sich ebenfalls beim Casting vorstellen wollten.
Als er sich in Richtung Treppe in Bewegung setzen wollte, hörte er eine hohe, liebliche Stimme hinter sich:
„Willst du auch beim Casting vorsingen?“
Als er sich daraufhin umdrehte, erblickte er ein hübsches, brünettes Mädchen.
„Ja, wenn ich irgendwann die Adresse finden sollte, und unterwegs nicht verhungern sollte?“, entgegnete er scherzend.
„Wollen wir uns zusammentun?“
Beide schlenderten Richtung Ausgang. Sie mussten einige Leute fragen, bevor sie im vermeidlich richtigen Bus saßen, der sie zur angegebenen Adresse bringen sollte. Endlich dort angekommen, standen sie vor diesem riesigen Gebäude, vor dem schon viele junge Menschen warteten. Es dauerte fast eine halbe Stunde, bis sie endlich drinnen an einer Art Rezeption einen Linealgroßen Aufkleber mit einer Nummer drauf ergatterten. Jetzt hieß es, in der großen, von ebenfalls jungen Menschen gefüllten Halle zu warten.
„Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt, ich bin der Alex!“, begann er, als sie einen freien Platz fanden.
„Freut mich, ich bin die Jaqi, also richtig wäre Jaqueline!“
Beide plauderten fröhlich, aber auch sehr angespannt miteinander, während sie immer wieder beobachteten, das entweder traurige oder auch fröhliche Gesichter aus der schweren Tür herauskamen, hinter der sich augenscheinlich der Raum befand, in dem die Castings abgehalten wurden.
„Was für ein Lied singst du?“, fragte sie neugierig.
„Hotel California von THE EAGLES. Das gefällt mir sehr gut! Und du?“
„Ich werde von PINK Dear Mr. President singen. Das habe ich einstudiert bis ich es fast selbst nicht mehr hören konnte!“, feixte sie belustigt.
Sie verstanden sich beide prächtig miteinander, trotz der unangenehmen, nervenaufreibenden Angespanntheit.
Mehrere im Raum verteilte Monitore ließen das interessierte Publikum daran teilhaben am Geschehen hinter der schweren, weißen Tür. Schon alleine der Gedanke, bald selbst vor der hochkarätigen Jury zu stehen, ließ viele Kandidaten nervös entweder hin und her gehen, oder sie zappelten unruhig auf ihren Sitzgelegenheiten.
Die beiden vernahmen aus allen Ecken und Winkeln des saalähnlichen, großen Raumes Gesangsfetzen von Kandidaten, die sich einzusingen versuchten.
„Vielleicht sollte ich das auch machen, bevor ich an der Reihe sind!?“, sagte sie etwas nachdenklich.
„Och, ich glaube, das kann ich mir sparen. Damit hatte ich eigentlich noch nie Probleme, meine Stimme war bisher immer sofort da!“
„Ich bin gleich wieder da!“
Sie erhob sich, und verschwand hinter dem Pulk einer Menschenmenge. Es war offensichtlich, was sie beabsichtigte.
Alexander beobachtete seine potentiellen Mitstreiter, er versuchte sie abzuschätzen. Schließlich erhob auch er sich, und suchte den nächsten Monitor, um einen kleinen Eindruck zu bekommen, was sich in dem Castingraum abspielte. Dort saß er hinterm Pult der drei Jurymitglieder... Musikproduzent, Musiker und Chef dieser Show. Uwe Holt!
Er galt als absolut unbestechlich, seine oftmals sehr direkte, fast erniedrigende Kommentare und Bewertungen der Kandidaten gegenüber entlockte schon vielen Teilnehmern in den insgesamt bisher vier Shows dicke Tränen. So manch einer brach nach seinem Vorsingen innerlich vollkommen zusammen, und verließ mit Schamgefühl und hängendem Kopf den Raum, um gleich hinter der dicken Tür in tiefes Schluchzen zu verfallen. Viele von ihnen wurden begleitet von ihrer Familie oder Freunden, die dann sofort tröstend und mitfühlend herbeieilten.
Uwe Holt in seiner groben Art nahm offenbar niemals Rücksicht auf etwaige Gefühle dieser jungen Menschen. Jeder kannte ihn, so wie er sich am liebsten darstellte. Er wurde von vielen Deutschen gehasst, aber zugleich auch bewundert.
Es glich einem Ritterschlag, wenn er sich mal lobend einem Kandidaten gegenüber äußerte, und ihm einen Zettel für den Recall in die Hand drückte. Dieser allgemein heiß ersehnte Zettel nämlich garantierte dafür, das der Empfänger eine Runde weiter ist, und wiederkommen durfte.
Auch Alex mit seinem Gitarrenkoffer wurde öfter argwöhnisch begutachtet. Er spürte förmlich diese Blicke, die ihn nicht loszulassen schienen.
Neben Holt saßen noch zwei bekannte Stars in der Jury. Einmal war es der bekannte Pop-Sänger Mike Larsson , und die wunderhübsche Sängerin und Tänzerin Nancy de la Charlet, die mit ihrem langem schwarzen Haar und dem schokoladenbraunen Teint ihrer Haut ihre südländischen Wurzeln kaum verbergen konnte.
Sie galt als liebevolles, mitfühlendes Wesen, das genaue Gegenteil von Uwe Holt.
Mike Larsson stand augenscheinlich genau dazwischen. Seine meist milden, aber besonders seine strengen Äußerungen galten als authentische und glaubwürdige, aber nicht verletzende Kritik. So wie die des Uwe Holt. Die unterschiedliche Konstellation dieser Charaktere versprach Spannung. Genau das wollte man sehen.
Sie waren ein eingespieltes Team in ihrer mittlerweile dritten gemeinsamen Castingshow.
Die Gewinner der letzten beiden Jahre von StarWorld verschwanden ziemlich schnell aus den Erinnerungen der Deutschen, beide hatten jeweils noch ein- zwei Songs veröffentlicht, danach jedoch wurde es ruhig um beide.
Es mangelte nie an jungen Talenten, die äußerst gewinnbringend für volle Kassen sorgten.
Die frisch gekürten Gewinner dieser Shows waren meist schon gleich nach der Siegerehrung uninteressant geworden. Und wer wollte sie dann noch promoten und fördern?
Das gelang bisher nur wenigen. Aber das war den Verantwortlichen egal, Hauptsache, die Quote der Sendungen stimmte immer.
Jaqueline und Alexander saßen wieder nebeneinander auf ihren Stühlen, sie sprachen noch kaum miteinander, jeder von den beiden vertiefte sich in seiner Konzentration. Beide waren sich sicher darüber, das die Texte saßen, und in ihren Köpfen gespeichert waren. Beide gingen gedanklich immer und immer wieder den Ablauf durch, wie sie ihren Song performen und vortragen wollen.
Ihnen wurde es fast unerträglich heiß, kleine Schweißperlen sammelten sich auf seiner Stirn, ohne das er es in seiner Konzentration bemerkte. Erst als sich ein kleiner Tropfen löste, und auf seine zusammengefalteten Hände fiel, zückte er ein Taschentuch aus seiner Tasche, und wischte sich über die Stirn.
„Meine Güte, diese Hitze ist wirklich unerträglich! Wir können noch nicht mal rausgehen an die frische Luft!“, hauchte Alex fast flüsternd. Sie mussten ja die Anzeigetafel im Auge behalten, damit sie sich sofort auf den Weg in den Castingraum machen konnten, sobald ihre Nummer dort aufblinkte.
„Und das dauert...!“, erwiderte sie unruhig mit ihren Füßen wippend.
Der Saal lichtete sich allmählich, jetzt dürfte es nicht mehr allzu lange dauern, bis sie endlich an der Reihe waren. Viele waren schon nach ihren Vorträgen gegangen, tanzend und kreischend, oder eben mit hängendem Kopf.
Sie hielten sich mittlerweile auch schon über 4 Stunden an diesem mit geballter Spannung gefülltem Ort auf.
Plötzlich sprang Jaqueline hektisch auf, sie verglich noch einmal die Nummer vom Display mit der ihres Aufklebers, den sie auch sogleich gut sichtbar an ihrer Jacke befestigte.
„Du Alex, ich bin dran! Drücke mir die Daumen, ja?“
Als sie fast laufend Richtung Castingraum eilte, drehte sie sich noch einmal zu Alex um, der ihr ein letztes Mal zuzwinkerte. Er beeilte sich, einem Monitor möglichst nahe zu sein, um das Geschehen genau beobachten zu können.
Da erschien sie auch schon, etwas unsicher blieb sie auf dem markierten Kreis, etwa drei Meter vom Jurypult stehen. Die Lautsprecher neben den Monitoren waren zwar nicht sehr laut, aber einigermaßen gut hörbar, Alex versuchte, das Stimmengemurmel um ihn herum aus seinem Gehör zu filtern, um besser, möglichst ungestört zuhören zu können.
Sie wurde augenscheinlich von der Jury befragt, einiges konnte er nur mit Mühe verstehen, anderes wiederum nicht.
Dann begann sie zu singen, die Kamera wechselte ständig die Perspektiven, mal eine Nahaufnahme ihres hübschen Gesichts, dann wieder die Mimiken der Juroren.
Ausgerechnet in diesem Moment machte sich eine Gruppe von fünf jungen Leuten lautstark bemerkbar, so das er nur noch Bruchstücke ihres Gesangs mitbekam.
Kurze Zeit später sah er auf dem Monitor, wie sie mit strahlenden Augen an das Pult heran schritt, um diesen gelben Zettel in Empfang zu nehmen, der ihr gereicht wurde. Alle lächelten, dann schüttelte sie noch die Hände, bevor sie den Raum verließ.
Als die weiße Tür sich öffnete, kam ihm ein freudestrahlendes, wunderhübsches Wesen entgegengelaufen, um ihm nur eine Sekunde später euphorisch um den Hals zu fallen. Er freute sich sehr, obwohl diese plötzliche Nähe befremdlich, jedoch äußerst prickelnd auf ihn wirkte.
„Siehst du das? Siehst du, was ich hier in der Hand halte?“
Sie verhaspelte sich, ihre Stimme überschlug sich in ihrem Freudentaumel.
„Ich kann es noch gar nicht glauben! Hast du das mitbekommen auf dem Bildschirm? Selbst Herr Holt lobte mich! Wow, das ist Wahnsinn! Ich muss sofort zu Hause anrufen, das ich eine Runde weiter bin!“
Sie hatte ihren Satz noch gar nicht zu Ende gesprochen, als sie schon auf ihrem Handy eine Nummer tippte.
Im selben Moment blinkte seine Nummer im Display über der Tür auf. Er griff sich seinen Gitarrenkoffer, und bat Jaqueline mit einer Geste, auf seine Tasche aufzupassen, während sie, immer noch aufgeregt telefonierend, nickte.
Als er die Tür öffnete, spürte er ein enormes Drücken in seinem Bauch, seine Knie zitterten und er musste aufpassen, das er nicht stolperte oder ausrutschte auf dem glänzenden PVC-Boden.
Verdammt, ich habe vergessen, mich und mein Outfit vor dem Spiegel im Klo zu kontrollieren.
Er ging zielstrebig, aber immer noch unsicher zu dem markierten Kreis, und blieb dort stehen. So nahe wie jetzt war er noch nie einem dieser drei Prominenten, die man aus dem Fernsehen oder den Zeitungen jeden Tag aufs neue präsentiert bekam. Gerade Uwe Holt füllte mehr als häufig ganze Titelseiten sämtlicher Zeitschriften mit seinem übertrieben gestelltem Lächeln.
„Hallo!“, begrüßte er seine sitzenden Gegenüber.
Die Sängerin Nancy sah in ihrer Natürlichkeit noch viel schöner aus, als Alexander sie von den Fotos aus der Presse kannte. Selbst auf den Hochglanzbildern war sie schon eine Augenweide. Oft wurde in seinem Dorf über sie gesprochen. Besonders im Palast war Nancy de la Charlet sehr häufig Gesprächsthema, und gab dadurch viel Anlass für Spekulationen in Bezug auf ihr Liebesleben. Sie war Single, und ließ deshalb so manchen Mann in aufregende Träume verfallen.
Bevor er eine Antwort bekam, wurde er von allen drei von oben bis unten gemustert. Ein unbehagliches Gefühl durchschlich ihn bei dieser Prozedur. Schließlich:
„Hallo“. Wer bist du, was machst du, wie alt bist du und woher kommst du?“, erklang es nüchtern, fast so automatisiert, wie die Anmeldung bei einem Arzt, aus dem Mund von Uwe Holt, der arrogant wirkend leicht vorgebeugt auf seinen Ellenbögen stützend am Pult saß.
„Ich heiße Alexander Strohm, ich bin Klempner von Beruf, bin 20 Jahre alt, und komme aus der Nähe von Hamburg!“, antwortete er mit leicht wackeliger Stimme.
„Ok, was willst du uns vorsingen?“
Er nannte den Titel, und Holt nickte kurz, während er skeptisch nuschelte:
„Anspruchsvoller Titel! Hast du dir das auch gut überlegt? Na dann leg mal los!“
Alexander schob sich einen an der Wand stehenden Barhocker in den Kreis, entnahm dem Koffer seine Gitarre, und platzierte sich auf die Sitzfläche.
„Donnerwetter!“, bemerkte Holt erstaunt. „Tolle Klampfe, die du da hast! Ich habe auch so eine. Eine bessere gibt´s nicht!“
Alex überhörte in seiner Konzentration den Kommentar. Er schloss die Augen, dann begann er die ersten Töne zu spielen. Die Akustik in dem Raum war wunderbar, obwohl er recht groß war. Ein paar Meter weiter entfernt standen mehrere Leute vom Filmteam, Tontechniker, zwei Männer mit ihren Kameras, Beleuchter bis hin zum Kabelträger. Ein Kameramann machte Alex etwas nervös, weil er permanent um ihn herumschlich, das Objektiv immer auf ihn gerichtet. Doch er konzentrierte sich nur an den Gesangsauftakt der ersten Strophe, der jetzt unmittelbar folgen würde.
Er öffnete die Augen, als er den Einstieg gefunden hatte. Er traf den ersten Ton auf Anhieb, vollkommen synchron mit seinem anspruchsvollen Gezupfe, oder auch Picking seines Plektrums auf den Stahlsaiten.
Er bemerkte sofort die verwunderten Jurymitglieder, die ihm plötzlich die volle Aufmerksamkeit zu schenken schienen. Holts Mund war leicht geöffnet beim Betrachten und Zuhören des jungen Mannes ihm gegenüber. Nancy de la Charlet knabberte am Bügel ihrer modischen Sonnenbrille, während sie entspannt den Tönen lauschte.
Nach ungefähr fünf Minuten beendete er mit einem sanften Akkord das Lied. Alexander atmete entspannt aus, dann erst fiel ihm auf, das er seinen Vortrag ungewöhnlicher Weise bis zu Ende leisten durfte.
Ungewöhnlich deshalb, weil er es aus den Castings in den vorherigen TV-Shows kannte, das die Kandidaten fast immer schon sehr frühzeitig unterbrochen wurden.
Die spektakulärsten Vorträge, im Guten wie im Schlechten, wurden jeweils immer ein paar Tage später im Fernsehen ausgestrahlt, wo er vielleicht auch bald zu sehen sein könnte, dachte er.
Es herrschte Stille im Raum, sogar die vielen anderen Mitarbeiter verharrten geräuschlos in ihren Positionen.
Die drei in der Jury wechselten Blicke, mittlerweile saßen alle drei aufrecht.
Dieses Schweigen war kaum auszuhalten, Alex versuchte verzweifelt, irgendwelche Anhaltspunkte in ihren Gesichtern zu erkennen.
Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor, als endlich Holt mit für seine Verhältnisse leiser Stimme begann:
„Sage mal, hattest oder hast du Gesangsunterricht?“
Alexander schüttelt verneinend seinen Kopf.
Wieder Pause.
„Ich will dir eines sagen, mein Lieber! Das was wir eben hier hörten, war bisher für mein Empfinden der allerbeste Vortrag! In dir steckt eine Menge Potential. Das hast du gut gemacht!“
Auch die anderen beiden stimmten sofort mit ein in den ungewohnten, und seltenen Lobesgesang von Uwe Holt über die ihnen gebotene musikalische Leistung von Alexander Strohm.
„Deine Leistung können und wollen wir natürlich nicht ignorieren, deshalb freuen wir uns, dich morgen im Recall begrüßen zu können!“
Holt wedelte mit einem dieser begehrten Zettel, den Alex sich sofort abholte. Er bedankte sich überglücklich und unglaublich erleichtert bei den dreien, packte sein geliebtes Instrument schnell, aber sorgfältig in den Koffer zurück, und verschwand zur Tür, durch die er gekommen war.
„Mensch, ich wundere mich immer wieder über diese großartigen Talente hier in Deutschland, oder meinetwegen auch auf der ganzen Welt, die bisher noch nicht entdeckt wurden. Ich fand, er sang und spielte es besser, als das Original! Oder was meint ihr? Auch ein hübscher Bursche ist er, mit bescheidener Zurückhaltung. Ich glaube, er wird es mit seinem Talent in dieser Show weit bringen können! Da bin ich eigentlich sicher! Einfach unglaublich, ich bin gespannt auf morgen!“
Holt lehnte sich nachdenklich nach seinem Monolog in seinen Sessel zurück, dann wurde noch kurz weiterdiskutiert, bis sie den nächsten Kandidaten hereinriefen.
Jaqueline erwartete ihn schon ungeduldig an der Tür. Sie konnte, im Gegensatz zu ihm, alles von seiner Vorstellung und der Bewertung mitbekommen, und zwar relativ ungestört. Sie war so schlau, den Monitor im Toilettengang aufzusuchen, wo es wesentlich stiller als in der Halle war.
Beeindruckt kam sie ihm entgegen.
„Das war toll, Alex! Ich habe alles mit angesehen. Ich glaube, das dein Vortrag am Wochenende im Fernsehen ist, sicher sogar!“
„Ja, es lief ganz gut, ich bin zufrieden!, erwiderte er lächelnd.
„Zufrieden? Das war super!“
Sie gingen gemeinsam zum Ausgang, auf der großen, steinernen Treppe machten sie kurz Halt.
„Wo übernachtest du heute? Morgen Nachmittag werden wir ja noch mal hier sein.“, fragte sie ihn.
„Tja, ich kenne mich hier in München nicht aus, da werde ich mir wohl irgendwo hier in der Nähe eine Pension suchen! Und du?“
„Ich habe es da besser. Ich wohne am Starnberger See, also nicht weit.“
„Warum bist du dann alleine hier? Viele haben doch ihre Eltern oder Freunde dabei, die kommen bestimmt auch alle hier aus der Umgebung.“
„Meine Eltern hatten beide keine Zeit, ihr Geschäft muss ja weiterlaufen. Und jetzt, beim ersten Casting war es ja noch nicht so wichtig. Aber sie werden morgen mit dabei sein, erzählten sie vorhin am Telefon!“
Alex wusste, das es um den Starnberger See bei München herum eine noble und teure Wohngegend war.
„Was für ein Geschäft haben denn deine Eltern?“
„Ein größeres Frisörgeschäft haben wir. Da gehen einige Promis ein und aus. Habe schon welche kennen gelernt, aber das sind auch nur Menschen wie du und ich. Also nichts besonderes!“
Sie wirkte überhaupt nicht abgehoben. Ihr bescheidenes und aufrichtiges Wesen verlieh ihr ein sehr interessantes Gesamtbild, von dem Alexander sogleich im Stillen begeistert war.
Trotzdem dachte er kurze Zeit später an Christin, seinen Chef, seine Mutter und auch Bernd, die er allesamt anrufen wollte, um ihnen das erfreuliche Ergebnis mitzuteilen.
„Du kannst, wenn du möchtest, vielleicht ja auch bei uns übernachten! Dann müsste ich eben noch mal telefonieren.“, sagte sie lächelnd.
Dem stand eigentlich nichts im Wege, dachte er sich. Sie kannte sich obendrein hier aus und er würde morgen jemanden Vertrautes an seiner Seite haben, wenn sie hier wieder erscheinen würden.
„Ja, das würde ich gerne, wenn es keine Umstände bereitet!?“
„Ach woher denn, unser Haus ist groß genug. Es sind sogar zwei Gästezimmer vorhanden. Ich telefoniere noch mal eben kurz!“, sagte sie erfreut, und tippte schon auf ihrem Handy.
Eine viertel Stunde später saßen sie schon in einem Bus, und unterhielten sich aufgeregt über die Erlebnisse und Eindrücke des Castings.
Als sie schließlich vor deren Haus standen, starrte er verblüfft hinüber. Es war prunkvoll und schneeweiß, zwei dicke Steinsäulen stützten eine große Terrasse über der breiten Steintreppe, die hinauf führte zu einem kunstvoll verzierten, großen Eingangstor.
„Oha, euer Geschäft scheint ja gut zu laufen!“, scherzte er.
Kurz darauf saßen sie schon in der großen, modern eingerichteten Küche am riesigen Tisch, an dem gut und gerne eine komplette Fußballmannschaft Platz gefunden hätte.
„Möchtest du eine Cola, oder lieber etwas anderes?“
Nach der Hausbesichtigung zeigte sie ihm im ersten Stock sein Zimmer. Auch dieses war sehr modern eingerichtet. Ein großes Fenster gab dem Zimmer nicht nur viel Licht, sondern erlaubte auch einen wunderschönen Panoramablick auf den Starnberger See.
„Ich habe im Keller einen Raum, wo ich ungestört Musik hören und machen kann. Wollen wir mal runter gehen?“
Es wurde schon dunkel, als ihre Eltern nach Hause kamen. Jaqueline stellte ihnen Alexander vor, kurz danach saßen alle am ebenfalls großen Wohnzimmertisch. Jaqueline erzählte aufgeregt, vergaß auch nicht, von Alexanders gesanglichen Qualitäten zu berichten.
Es wurde noch lange debattiert, bis die Eltern sich höflich verabschiedeten. Morgen wird es ein anstrengender Tag, versicherte der Vater. Und natürlich würden sie morgen mitkommen zum Recall, vergaß der Vater nicht zu erwähnen. Dann saßen die beiden auch schon wieder alleine auf dem breiten Sofa, und unterhielten sich noch angeregt, bis auch sie den Abend langsam ausklingen ließen.
Sie brachte ihn noch bis vors Gästezimmer, erklärte noch mal kurz, wo sich das Badezimmer befand, dann verabschiedete sie sich mit einem warmen Lächeln.
Als er später mit seinem Slip und T-Shirt bekleidet auf dem Bett lag, ließ er den Tag noch einmal in seinen Gedanken Resümee passieren, bis auch er friedlich einschlief.
7
Es saß sich in diesem neuen Mercedes wie auf einem gemütlichen Sofa. Beeindruck von dem Komfort beobachtete Alex das Geschehen draußen auf den Strassen, während die Nervosität der beiden durch ihr Schweigen deutlich wurde. Auch dem Vater, der diesen Wagen fuhr, war seine Angespanntheit anzumerken.
Dann waren sie auch schon da.
„Wir suchen eben einen Parkplatz, ihr geht schon mal hoch! Mama und ich kommen gleich nach, ja mein Engel?“
Alex und Jaqueline erklommen die Stufen, dann standen sie schon in der Halle. Heute waren es deutlich weniger Leute, die ein Bild der totalen Konzentration boten. Es wurde gesungen, Texte gelernt und Gitarren gestimmt.
Beide holten sich eine Nummer ab, dann kamen auch schon die Eltern.
„Ich glaube, heute werden wir mir Musik begleitet, oder? Ich finde, das macht es einfacher! Sitzt dein Stück, Alex?“
„Ja, ich habe zwar gestern nicht mehr geübt, aber es müsste reichen!“
Jaqueline rutschte unruhig auf ihrem Stuhl hin und her.
„Mensch, wenn wir das heute hier schaffen sollten, haben wir es schon fast in die Liveshows geschafft! Aber daran denke ich lieber nicht, es scheinen ziemlich viele gute Sänger dabei zu sein, was man so hören kann!?“ Sie nahm einen Schluck aus ihrer mitgebrachten Wasserflasche, bevor sie sich wieder dem Zettel mit dem Text zuwendete.
Alex brauchte keinen Textzettel, er hatte ihn tief im Kopf gespeichert... dachte er.
Sie mussten nur knapp eine Stunde warten, dieses mal wurde Alexander zuerst aufgerufen.
Heute war das Gefühl in seinem Bauch noch wesentlich gewichtiger, als am Tag zuvor. Auf dem Weg zum Castingraum kamen urplötzlich ungewohnte Zweifel in seinen Gedanken zum Vorschein, denn er war sich auf einmal mit einer Passage des Textes unsicher.
Komm, denke nach! Wie war noch gleich die zweite Strophe hinter dem Refrain? Verdammt, du Esel, du hättest gestern doch noch üben sollen! Jetzt ist es zu spät! Denke nach...!
Als er im Raum war, und die Tür hinter sich schloss, fiel es ihm wieder ein. Erleichtert darüber begrüßte er die Jury mit einem von ihm gewohnt freundlichen Ton.
„Hallo Alex, schön dich zu sehen! Was hast du heute vorbereitet?“, erklang es dieses Mal aus Nancys Mund.
Obwohl sie es wussten, was die Kandidaten singen werden, weil es in ihren Unterlagen stand, zwecks der musikalischen Organisation der Background-Musik.
Alexander sagte es ihnen, während er angestrengt an den Text dachte.
„Ok, wenn du soweit bist, nicke mit dem Kopf, damit wir die Musik laufen lassen können!“
Draußen in der Halle wurde es schlagartig leiser, denn jeder wollte sehen und hören, wie er den Rivalen, der jetzt dran war, einschätzen musste. Die allermeisten versammelten sich um sämtliche Monitore herum, denn sie würden die nächsten sein können, die vor dem Pult der Jury stehen werden.
Auch Jaqueline, zusammen mit ihren Eltern standen an einem der Bildschirme. Sie drückte beide Daumen ganz fest in ihren Handflächen. Noch war er ja kein unmittelbarer Konkurrent.
Als Alexander den Kopf mit geschlossenen Augen nickte, begann im Hintergrund das kurze musikalische Entree des rhythmischen und populären Songs, den er sich ausgewählt hatte.
Es war ungewohnt für ihn, ganz ohne Gitarre einen Popsong zu singen, nur mit einem Mikrofon in der Hand. Im Chor war es ganz anders. Er war verunsichert, als er die erste Zeile zu singen begann.
Jaqueline und ihre Eltern sahen dieses Dilemma mit bestürzten Augen auf dem Bildschirm, als sich Alex gleich zu Anfang des Liedes verhaspelte. Die Musik wurde unterbrochen, und den Minen der Juroren konnte man nichts Positives entnehmen.
„Hast du dich nicht vernünftig vorbereitet, oder was ist los mit dir?“
Holt sortierte umständlich mehrere Blätter Papier, die vor ihm lagen, als er mit skeptischem Blick fortfuhr:
„Menschenskinder, gestern noch hätte ich meine Hand für dich ins Feuer gelegt, und heute lieferst du hier so einen Mist ab! Bist du nicht mal in der Lage, dir einen simplen, wie ich finde, ziemlich bekloppten Text zu merken? Du vergeudest unsere Zeit!“
Die Schamesröte stieg Alexander ins Gesicht. Das verbale Gewitter sollte noch nicht vorbei sein, und mit jedem Satz, den Holt immer aufgebrachter herausbrachte, kam er den Tränen näher.
Es ist vorbei, bevor ich zeigen konnte, was ich kann. Ich Idiot!
„Was machen wir jetzt mit dir? Normalerweise schicken wir solche Leute ohne lange Diskussion ab nach Hause!“
Er drehte sich zu seinem Team zur Seite.
„Was meint ihr? Soll er noch mal eine Chance bekommen?“
Beide nickten etwas verhalten. Die Verwunderung über den Vorfall eben stand auch ihnen ins Gesicht geschrieben. Ein Junge mit so einer außerordentlichen Stimme?!
„OK, aber jetzt konzentriere dich gefälligst! Enttäusche uns nicht ein weiteres Mal! Also los jetzt!“
Jaqueline draußen merkte nicht, das ihre Daumen mittlerweile blau anliefen, sosehr quetschte sie die Finger in der Hand.
„Los Alex, zeige es ihnen, du kannst es!“
Selbst beide Eltern wünschten dem Jungen Glück, obwohl sie ihn nur flüchtig kannten.
Seltsamer Weise hatte Alexander in diesem Moment keinerlei Zweifel mehr, obwohl er unter enormen Druck stand. Er spürte es genau, das ihm so ein Patzer heute nicht noch ein weiteres Mal passieren darf und würde. Er wusste es bereits, als er wieder wegen der Musik nickte.
Dieses mal legte er seine ganzen Emotionen in das Lied. Er entdeckte sich gerade selbst, eine völlig neue Erfahrung. Alles um ihn herum war für dieses einen Moment vergessen. Vollkommen befreit lag der Text und die Melodie seiner Stimme im Kopf und in seinem Herzen offen vor ihm.
In der Halle draußen hörte man keinen Mucks mehr. Die Spannung, die dort eben auf den Monitoren geboten wurde mit der Kritik von Holt und dem anschließenden, fehlerlosen und harmonischem Gesang mit dieser grandiosen Stimme, glich einem spannenden Krimi, und fand sämtliche Beachtung und Aufmerksamkeit unter fast all den Anwesenden.
Noch wusste keiner von den Kandidaten nach seinem Auftritt, ob er eine Runde weitergekommen war. Die Ergebnisse wurden erst genannt, als alle 92 verbleibende jungen Musikern dieses heutigen Tages ihren Beitrag geliefert hatten. Letztendlich werden dann morgen die zehn Besten ermittelt, die dann sehr bald gegen die Gewinner anderer Städte antreten werden.
Jaqueline trug ihren musikalischen Beitrag einer melodiösen Ballade fehlerfrei und sehr abgeklärt vor. Die Eltern und auch Alex waren begeistert.
„Darf Alex heute auch noch einmal bei uns übernachten?“, fragte sie später lächelnd ihren Vater.
„Natürlich darf er!“
Er grinste, zugleich mit einer ordentlichen Portion Respekt Alex gegenüber.
„Ihr beide habt wirklich tolle Stimmen, hoffentlich seid ihr morgen unter den Auserwählten!“, warf die Mutter ein.
Alexander rief Bernd an, der sofort neugierig fast in den Hörer brüllte:
„Und? Wie war es? Bist du weiter?“
Das Gespräch schien kein Ende zu nehmen, Alex erklärte alles genau, er betonte, das erst morgen entschieden wird und das er jetzt noch überhaupt nichts dazu sagen könnte.
„Ok alter Freund, sobald du es weißt, rufe mich auf dem Handy an!“
Spät, mitten in der Nacht hörte er ein leises Klopfen an seiner Tür. Er war kurz davor, einzuschlafen.
„Ja?“, flüsterte er.
Die Tür wurde leise geöffnet, und Jaqueline stand im halbdunklen Raum.
„Störe ich?“
„Nein, ich konnte sowieso noch nicht einschlafen.“, log er
Sie setzte sich auf seine Bettkante, fahles Mondlicht ließ die Konturen der beiden deutlich hervorheben.
Es sollte zwei weiter Stunden dauern, bis er völlig ermattet seine Augen schloss, als schon die Tür hinter ihr ins Schloss fiel, woraufhin er dann sogleich in einen tiefen Schlaf fiel.
Christin füllte gerade den Korb mit den Mohnbrötchen hinter der großen Glasvitrine auf, als die Chefin mit einem weiteren Backblech frischer und duftender Backware erschien.
„Du bist heute so still, Christin! Ist irgendetwas?“
„Nein Chefin, ich dachte nur gerade an Alex. Er kommt ja in einer Stunde wieder. Ich bin neugierig auf seine Erlebnisse in München!“
Die Bäckersfrau überprüfte die Ladenkasse, als sie fragte:
„Weißt du was? Ich gebe dir heute mal ausnahmsweise frei für den Rest des Tages! Ich glaube, das schaffe ich hier alleine! Was hältst du davon?“
Sie lächelte schmunzelnd, denn sie wusste, das Christin seit noch nicht all zu langer Zeit häufig den Alex im Kopf hatte. Sie mochte das Mädchen gerne, sie gehörte schon fast zur Familie, so herzlich und persönlich war das Verhältnis zwischen ihnen.
„Wirklich? Aber es ist doch noch so viel Arbeit zu erledigen!?“. antwortete sie freudig überrascht.
Die Frau lächelte nur, während sie abwinkte. Eine halbe Stunde später stand Christin bereits ungeduldig wartend am Bahnsteig, als der Zug schon einrollte, indem Alexander mitfuhr.
Als Thorsten umständlich in seiner Werkzeugkiste nach der Rohrzange suchte, hatte er nur das Bild von Christin vor seinen Augen. Er war schon lange in sie verliebt, doch sie gab ihm bisher nie einen Grund der Hoffnung. Nur einmal, bei einem Fest im Dorf, erhaschte er einen kurzen Blick von ihr, den er seitdem als unbedingte Interesse ihrerseits deutete. Ja, es musste so sein, sie war ja wieder ein Single, und bestimmt auf der Suche nach einem neuen Partner, redete er sich immer wieder ein. Und er war ja durchaus keine schlechte Partie, da war er sich ganz sicher.
Klaus kam in den Raum, zufrieden über Thorstens bisherige Arbeit setzte er sich auf einen herum liegenden Holzbalken, und öffnete seine Brotbox.
„Morgen Abend beginnt die neue, diesjährige Staffel von StarWorld. Die zeigen ja die ersten zwei Wochen die Castingauftritte, bevor die Themen-Liveshows beginnen. Ob Alexanders Vorsingen auch gezeigt wird?“, spekulierte Thorsten laut.
„Da bin ich ja auch mal gespannt. Bisher interessierte mich diese Sendung nicht besonders, aber seitdem unser Alex da mitmacht, werde ich natürlich zuschauen.“
„Ja klar, ich denke, das alle hier im Ort am Samstag vor dem Flimmerkasten sitzen! Jeder hofft doch, das der tolle Alex weiterkommt!“, bemerkte Thorsten in einem abfälligen Ton.
Als er aber den strafenden Blick von Klaus sah, versuchte er das Ruder noch einmal herum zu reißen:
„Er singt schon nicht schlecht, muss ich ja zugeben!“
Klaus schüttelte nur leicht den Kopf, dann biss er in sein Pausenbrot.
Samstagabend war es gerammelt voll im Palast. Sämtliche Plätze waren besetzt und diejenigen, die keinen Platz mehr fanden, standen am Tresen. Norbert hatte heute sogar alle beide Aushilfskräfte engagiert, denn alleine würde er diese viele Arbeit nicht bewältigen können. Er kam ja kaum mit dem Bierzapfen hinterher.
Sein teurer Fernseher mit dem großen Bildschirm hatte sich allemal bezahlt gemacht, den er sich eigentlich für Fußball Übertragungen angeschafft hatte.
Auch Bernd und Alex waren schon da, und staunten nicht schlecht, als Klaus und Herr Teschen den Raum betraten. Sie waren sonst nie hier aufzufinden.
Frau Tessin saß gemeinsam mit ihrem Mann gemütlich auf ihrer Couch. Beide hatten ihre Weingläser gefüllt, eine Schale mit Salzstangen stand in der Mitte.
Christin schaute noch mal kurz ins Wohnzimmer, um sich zu verabschieden. Sie wollte ebenfalls in den Palast. Sie hatte sich dort mit einigen Freundinnen verabredet. Auch die Mädchen waren sehr selten in der hiesigen Kneipe, aber heute war es eine besonderer Anlass.
Alexanders Mutter hatte zwei befreundete Pärchen eingeladen zum heutigen Abend. Zuvor hatte sie etwas leckeres gekocht und die Stimmung war sehr ausgewogen, dennoch sehr angespannt, als sie den Fernseher einschaltete. In zehn Minuten, nach den Nachrichten, würde es losgehen.
Bernd bestellte sich bereits sein zweites, großes Pils, als er im Augenwinkel das Erscheinen von Thorsten und seinen Kumpels bemerkte. Nachdem sie sich durch die Menschmasse gezwängt hatten, standen sie auch schon unmittelbar vor Bernd und Alex.
„Na Kollege, schon etwas aufgeregt?“, setzte er sich mit etwas lauteren Stimme dem allgemeinen Tumult durch.
Bernd wollte etwaigen Streit vermeiden, denn er bemerkte sofort den zynischen Ton in seiner Stimme. Seit der letzten Begegnung hier mit ihm und seinen Leuten hatte er sein gesamtes Augenmerk auf Thorsten gelegt, wenn er sich in seiner unmittelbaren Umgebung befand. Seine linkische Art gefiel ihm ganz und gar nicht.
„Norbert, schenke uns doch mal eine Runde Kurzen ein, den Jungs hier auch! Schreibste auf meinen Zettel, ok?“, und deutete mit dem Zeigefinger auf Thorsten und seine Kumpanen.
Alexander bekam von all dem nichts mit, er unterhielt sich gerade mit zwei anderen Jungs.
Dann aber wurde er schlagartig ruhig, denn Christin und ihre Freundinnen kamen gerade durch den Eingang. Als sie Alex sah, steuerte sie geradewegs in seine Richtung auf ihn zu. Sie ließ ihre strahlend weißen Zähne sehen, als sie lächelte.
Alles seinetwegen? Alex war es fast peinlich, außerdem wusste er auch gar nicht, ob er überhaupt heute im Fernsehen gezeigt wurde, und wenn ja, wie lange? Er selbst war sehr aufgeregt, obwohl er es geschafft hatte, in die enge Auswahl der Kandidaten zu kommen.
Dann wurde es plötzlich ruhiger, Norbert drehte mit seiner Fernbedienung den Ton des Fernsehers lauter. Die Sendung begann.
Es war kurz nach Mitternacht, als Norbert die Ladentür hinter seinem letzten Gast verschloss. Alex tat ihm etwas leid, aber zumindest war dieser Abend außergewöhnlich lukrativ für ihn, wie seit langem nicht mehr.
Die Erwartungen aller Anwesenden wurden nicht erfüllt, denn der Vortrag von Alexander wurde an diesem Abend nicht ausgestrahlt.
Dieser selbst ging mit flauem Gefühl im Bauch zu Bett, nachdem er sich noch lange mit seiner Mutter unten in der Küche unterhielt. Sie versuchte ihn vergebens zu trösten, er tat ihr leid.
Diese enorme Last der vielen Erwartungen von all den Menschen hier wogen mittlerweile geschätzte Tonnen. Alexander fühlte sich restlos überfordert. Er beobachtete traurig die enttäuschten Gesichter der Leute, besonders die Mine von Christin, als die Sendung im Fernsehen ihr Ende fand, ohne das der musikalische Auftritt von Alex gezeigt wurde.
8
Die Zugfahrt nach Berlin war weniger strapaziös und zeitintensiv, als die Fahrt zuvor nach München. Mit leerem Blick schaute er aus dem Fenster, die Aufregung fraß ihn innerlich fast auf. Heute würde es darauf ankommen, ob er sich durchsetzen würde gegen die anderen Konkurrenten. Er selbst hegte keine besonders große Hoffnung, zu den letztlich zehn endgültig feststehenden Kandidaten zu gehören, die bei den gewaltigen, bis ins kleinste Detail ausgeklügelten und sehr beliebten Themen-Liveshows im Gesangswettstreit gegeneinander antreten werden.
Es waren dieses Jahr insgesamt über 40 000 Bewerber bei den Castings und er gehört jetzt zu den letzten vierzig Auserwählten. Schon alleine diese Tatsache ist für ihn persönlich ein gewaltiger Erfolg. Wenn er ehrlich zu sich selbst war, würde ihm dieses Ergebnis eigentlich schon genügen. Er hatte noch überhaupt keine Ambitionen des Sieges. Dazu ging alles viel zu schnell, um alles verarbeitet haben zu können. Alexander war sich seines musikalischen Könnens bewusst, aber alleine die Vorstellung darüber, jemals ein populärer, erfolgreicher und bekannter Musiker sein zu können, fand noch keinen rechten Platz in seinem Kopf.
Jeden Tag lief innerlich derselbe Film vor seinen Augen ab, gespickt mit all den Ängsten des Versagens, Erfolgsdruck und die vielen Erwartungen, die man ihm abverlangte.
Er sehnte sich nach einem fernen Ort wo ihn keiner kannte, dort, wo er sicher von einem schützenden Kokon umgeben war, der belastende, schmerzliche Träume und Gedanken abhielt, die ihn seit München immer wieder verfolgten.
Er schloss seine Augen und er dachte sofort an Jaqueline und die wunderschöne, aber auch alles verändernde Nacht in Starnberg, die er schon in weniger als einer Stunde wiedersehen würde.
Alex versuchte sich, in der großen Halle zu orientieren. Es war gut gefüllt, von jungen, genau wie von älteren Menschen. Wahrscheinlich die Eltern der jungen Wettstreiter.
In Erinnerung an die letzten Worte der Entschuldigung seiner Mutter, die gerne mitgekommen wäre, aber berufsbedingt keine Möglichkeit besaß, ihren Sohn an diesem wichtigen Tag zu begleiten, suchten seine Augen aufgeregt nach Jaqueline, die er auch bald, in Begleitung ihrer Eltern, entdeckte. Sie bemerkte ihn ebenfalls, und eilte ihm entgegen.
„Hey Alex, schön das du da bist!“, rief sie ihm freudig schon aus einiger Entfernung entgegen.
Nun lächelte er auch, da fiel sie ihm auch schon um den Hals.
Er zögerte einen kurzen Moment, dann erwiderte er ihre Umarmung, jedoch weitaus weniger leidenschaftlicher, als sie es bei ihm tat.
Sie schien seine Zurückhaltung gar nicht bemerkt zu haben, denn schon empfing er von ihr einen zärtlichen Kuss auf seine Wange.
„Bist du aufgeregt? Ich konnte gestern die halbe Nacht nicht schlafen. Die Uhr lief immer schneller bis zum Morgen, hatte ich den Eindruck. Ich habe irgendwie echt Schiss vor nachher!“.
Während sie redete, musste er immer wieder an die leidenschaftlichen Momente der gemeinsamen Nacht mit ihr denken, aber schon beim Erwachen am nächsten Morgen belastete ihn ein nicht zu definierendes, schlechtes Gewissen, welches er eigentlich nicht haben müsste.
Jaqueline war das Mädchen in seinem Leben, mit der er seine erste sexuelle Erfahrung im Leben machte. Und genau diese Tatsache war ein Problem für ihn. Sein Selbstversprechen, dieses mit seiner großen Liebe im Leben, nämlich Christin, teilen zu wollen, wurde null und nichtig.
Ihre Anwesendheit hier in Berlin gab ihm zwar Sicherheit inmitten der vielen fremden Menschen hier, aber sie versprach sich augenscheinlich viel mehr von ihm, als nur eine einmalige nächtliche Romanze.
Nun kamen auch noch ihre Eltern hinzu und Alexander hätte wetten mögen, das sie Bescheid wussten über das Geschehene jener Nacht. Ihr freudiges und herzliches Lächeln in ihren Gesichtern beim Näherkommen glich dem einer familiären Vertrautheit.
Seine Wette galt als bereits gewonnen, als der Vater ihn zur Begrüßung in seine Arme schloss, was ihm die Mutter danach sofort gleich tat.
Vielleicht war es auch diese berühmte und warme französische Herzlichkeit, die der Familie im Blut lag, deren Wurzeln in diesem Land gallischen Ursprungs verankert waren.
An diesem Tage wurde das Warten noch quälender, eine ganz besondere, knisternde Stimmung war deutlich wahrzunehmen. Heute werden Träume in Erfüllung gehen, und Träume werden wie leere Seifenblasen zerplatzen. Der Grad zwischen Glück und Trauer lag sehr eng beieinander.
Es dauerte den gesamten Nachmittag bis in den frühen Abend hinein, als endlich der letzte Kandidat den Raum nach seinem Vortrag verließ.
Keiner der jungen Wettbewerber wusste darüber Bescheid, ob er es geschafft hatte, oder ob nicht. Die Ergebnisse würden hoffentlich bald verkündet, denn die Geduld aller Teilnehmer war bis aufs äußerste strapaziert.
Nach einer schier endlosen Zeit wurde das Jurorenpult in die große Halle geschoben, Scheinwerfer und Kameras platziert, und viele Ton, Licht- und Filmtechniker liefen hektisch umher, und kontrollierten akribisch sämtliche Details. Alles hatte genau seinen Platz, nichts durfte übersehen werden.
Schließlich wurden per Lautsprecher alle begleitenden Personen der Kandidaten gebeten, die Halle zu verlassen. Eine weitere viertel Stunde später erschien das Jurorenteam mit ihren Unterlagen in den Händen, und suchten ihre Plätze hinter dem Pult auf.
Die Wettbewerber wurden schließlich gebeten, sich in dem großen Raum in einigem Abstand vor das Pult zu formieren. Bei den vielen Leuten sollte man denken, das ein heilloses Chaos und Durcheinander entstehen würde, aber dem war nicht so, sondern es lief relativ ruhig und überschaubar ab.
Uwe Holt nickte, als er das OK von der Regie bekam. Dann begann er:
„So, liebe Kandidaten...“
Er räusperte sich, beugte sich vor, und faltete seine manikürten Hände auf dem Pult, bevor er fortfuhr:
„Ihr seid die letzten von über 40 000 Bewerbern, nun werden wir verkünden, wer von euch es geschafft hat, und zu den zehn besten Sängern der Castingshow dieses Jahr gehört! Ich werde jeden einzelnen nacheinander aufrufen, wobei derjenige dann bitte vortreten möge!“
Er nahm einen Schluck Wasser, besprach sich noch einmal kurz mit seinen beiden Kollegen, dann nahm er seine Liste in die Hände, und begann mit dem Aufrufen der Namen.
Die ersten bekamen bereits ihre Absagen, und verließen tief betroffen und enttäuscht den Raum.
Immer wieder schauten sich Alex und Jaqueline an, dann plötzlich erklang ihr Name.
Sie trat vor, und stand in drei Meter Entfernung vor dem Pult.
„Jaqueline Toujon. Du hast in deinen Castings kontinuierlich gute Leistungen gebracht. Aber reicht uns das? Ist deine Stimme entwicklungsfähig? Wir berieten uns lange in deinem Fall!“
Er liebte es, Spannungen aufzubauen. Es war mittlerweile ein Erfolgskonzept dieser Show, das wirklich bis zur letzten Sekunde mit dem definitiven Verkünden eines „Ja, du bist dabei!“ oder „Nein, es reichte leider nicht!“ gewartet wurde. Schließlich wurden diese Momente in voller Länge im Fernsehen übertragen, da musste den Zuschauern zu Hause an ihren Bildschirmen etwas geboten werden.
Jaquelines Knie wurden butterweich, sie hätte sich gerne irgendwo angelehnt. Holt und die anderen beiden Juroren starrten sie an, im Raum war es mucksmäuschenstill.
„Und schließlich kamen wir bei dir zum Entschluss...“
Wieder ein endloses Warten.
„... das du...“
Ihr Herz klopfte so schnell, wie nie zuvor. Ihr wurde heiß, kaum fähig, sich einigermaßen aufrecht im Gleichgewicht zu halten, jeden Moment konnte ihr schwarz vor Augen werden, die Sekunden wurden zu Stunden.
Aber Holt war ein Profi, er konnte gut einschätzen, wo seine Grenzen lagen, bevor es zu einem Problem werden könnte bei einem der jungen Talente. Er besaß dieses Feingefühl, genau bis zu diesem Zeitpunkt auszureizen, bis er das Ergebnis präsentieren musste.
„...mit dabei bist! Herzlichen Glückwunsch!“
Eine erlösende Tränenflut erfüllte ihre Augen, sie bedeckte mit ihren Handflächen ihr hübsches Gesicht, dann versagten die Beine, und sie ließ sich langsam auf die Knie fallen. Sie nahm den Applaus um sie herum nicht wahr, sie spürte nur ihre unendliche Erleichterung, gepaart mit einer enormen Freude und großem Stolz.
Alle freuten sich für Jaqueline, auch die noch wartenden Mitbewerber, obwohl nur noch sieben Plätze im Team der Gewinner frei waren. Bei jedem Weitergekommenen sank die Wahrscheinlichkeit für den Rest der Leute, die ihr Urteil noch erwarteten.
Jetzt stieg auch langsam der Spannungspegel bei Alexander, obwohl es ihm vorher nicht so wichtig erschien, hier weiter zu kommen. Es verblieben mit ihm noch etwa dreißig Mitstreiter, die auf ihr Ergebnis warteten. Er bemerkte die neidvollen Blicke zu den Kandidaten, die es geschafft hatten. Jeder verarbeitete seine Nervosität anders, Alexander hingegen blieb ruhig. Die Spannung hielt sich bei ihm in Grenzen. Das sollte sich aber schlagartig ändern, als schließlich sein Name aufgerufen wurde.
„Alexander Strohm, unser Norddeutscher Fischkopf!“, scherzte Holt hinterm Pult.
Alex trat hervor, und stand nun aufrecht und mit geraden Schultern vor der Jury.
„Du hast eine gute Stimme, aber dein Texthänger beim Recall war großer Mist! Da hätten wir eigentlich mehr erwartet von dir!“
Pause...
„Deine Stimme finden wir gut, sie hat etwas eigenes, besonderes.“
Längere Pause...
„Aber die Frage, die wir uns immer wieder stellten war, ob es reichen würde bei der diesjährigen Vielfalt an guten Stimmen!?“
Alexanders Sinne waren geschärft in diesem Moment, aber dennoch kontrolliert. Er stand ruhig und abwartend auf seinem Platz, seine Atmung war gleichmäßig und ausgewogen. Er wusste in diesem Moment nicht wirklich, welches Urteil ihn mehr freuen würde.
Das bemerkte auch Holt und die anderen beiden Juroren, die sich über die gefasste, beinahe gleichgültige Erwartungshaltung von Alex zu wundern schienen. Entweder ist dieser Alexander Strohm ein ganz cooler und ausgebuffter Junge, dem alles egal schien, oder er war ein hervorragender Schauspieler, dem es gelang, Emotionen zu vertuschen und vorzuenthalten.
Schließlich kam dann die Antwort, wegen der er hier letztendlich war:
„Und genau diese Frage konnten wir einstimmig mit einem glasklaren Ja beantworten! Du bist auch dabei! Herzlichen Glückwunsch!“
Als er das sagte, war nicht zu verkennen, das Holt große Sympathien für Alexander hegte.
In seiner ruhigen Art bedankte er sich mit einem Lächeln, und verließ ebenfalls wie die anderen bereits bewerteten Talente den Raum.
Draußen erwartete ihn schon Jaqueline.
„Und? Hast du es auch geschafft? Bist du dabei?“
Alex versuchte es genauso spannend zu machen, wir Holt. Er beließ seine Mimik in einem neutralen Zustand, während er sie schweigend anschaute.
„Nun sag schon!“, drängelte sie ungeduldig.
„Ja, ich bin mit dabei!“
Jetzt erst wurde ihm deutlich bewusst, was er da eigentlich erreicht hat.
Er musste zuerst an Christin denken, wie sie wohl reagieren würde, wenn sie es erfährt!?
In zwei Tagen würde der heutige Tag im Fernsehen zu sehen sein, ab dann beginnt der pompöse Wettkampf in den Liveshows, bei denen es nichts mehr herauszuschneiden oder zu verstecken gab. Jedes Fehlverhalten, jeder Patzer wird von Millionen Zuschauern in Deutschland, der Schweiz und in Österreich live auf ihre Mattscheiben übertragen.
Und auch die Privatsphären der Kandidaten würden für die nächsten Wochen der Öffentlichkeit zuteil gemacht und offenbart.
Ein unvorstellbarer Druck lastete von nun ab auf die zehn jungen Teilnehmer.
Er verabschiedete sich höflich von Jaqueline und ihren Eltern, er war in seinen Gedanken schon in seinem Dorf, deshalb registrierte er nur mit geschmälerter Aufmerksamkeit ihren Kuss. Genau wie ihre letzten Worte, bevor sie sich trennten.
Alexander beließ sein Handy in seiner Jacke, er wollte keinen anrufen, sondern abwarten, bis er wieder zu Hause war. Sie würden es schon alle früh genug erfahren, dachte er sich.
Während der Bahnfahrt und in seiner Ruhe wurde ihm stetig immer deutlicher, das er bald kein Unbekannter weder im Dorf, noch in den deutschsprachigen Ländern mehr sein würde. Einerseits für ihn ein äußerst behagliches Gefühl, auf der anderen Seite jedoch wurde diese Faszination überschattet von einer undefinierbaren Angst, die ständig da war.
Es war schon später Abend, als endlich nach diesem langen und ereignisreichen Tag die Bahnfahrt ihr Ende fand. Er war der einzige Fahrgast, der den Wagons entstieg. Erst jetzt spürte er die Erschöpfung seines Körpers. Müde wie er war, freute er sich auf sein Bett. Die vielen Anrufe, die in seinem Handy gespeichert waren, würde er erst am nächsten Morgen bearbeiten. Er würde ohnehin viele Fragen beantworten müssen. Aber eben nicht mehr heute, schwor er sich.
Als er vor der Hautür stand, und gerade aufschließen wollte, wurde sie schon von innen geöffnet. Lächelnd und sichtbar neugierig stand seine Mutter vor ihm, die ihn sogleich in ihre Arme schloss.
Sie saßen noch ungefähr eine Stunde gemeinsam im Wohnzimmer, und plauderten ausgiebig. Natürlich freute die Mutter sich sehr, aber ihre Euphorie war nicht überdreht. Sie konnte ihren Stolz gegenüber ihrem Sohn zwar kaum verbergen, aber sie merkte sofort, das der Junge müde und ausgebrannt war. Sie verabschiedeten sich herzlich, dann ging jeder in der Wohnung seiner Wege.
9
Alexander war das große und aktuelle Gesprächsthema der darauffolgenden Zeit im Ort.
Am Wochenende veranstaltete Norbert wieder eine gewaltige Veranstaltung in seiner Kneipe, als die Endausscheidung im Fernsehen gezeigt wurden, dieses mal allerdings ohne Alex. Der bereitete sich seit zwei Tagen schon auf die bevorstehende Abreise in das Haus in Berlin vor, wo die Kandidaten die nächsten Wochen gemeinsam leben und wohnen werden.
„Ich bin so stolz auf Alex! Ich kann es mit Worten kaum beschreiben“, sagte Christin zu ihrer Mutter, die das Mittagessen in der Küche zubereitete.
„Ja mein Kind, das hätte wohl kaum jemand erwartet, das sich das Leben hier im bisher stillen, idyllischen und beschaulichen Örtchen so verändern würde!“
Sie meinte damit die Hektik auf den Strassen.
Hier und dort wurde schon so manches Fernsehteam in ihren großen, mit Werbungen des Senders beklebten Autos im Ort gesichtet. Einige Einwohner brüsteten sich ungeniert damit, wie nahe sie dem Alex doch standen, oder das man ihn schon seit seinem Babyalter kannte. Auf einmal hatte Alexander unglaublich viele Freunde, es entstanden Geschichten oder gemeinsame Erlebnisse mit Alex, die es nie gab, und nur in den Fantasien der Verfasser dieser Storys existierten.
Es war schon ein sehr merkwürdiges Gefühl für Alexander, als er mit Bernd vor dem Eingang von Palast standen. Es war wieder sehr voll und so würde es die nächsten Wochen auch bleiben.
Der Wirt Norbert freute sich sehr, denn die Geschäfte liefen schon seit längerer Zeit sehr bescheiden und er hatte schon öfter in Gedanken damit spekuliert, seine Kneipe aufzugeben. Zu groß waren die finanziellen und dadurch die psychischen Belastungen.
Während Bernd unbedingt sofort hinein wollte, zögerte Alex noch.
Er war in seiner natürlichen Bescheidenheit nicht der Mensch, der sich gerne in der Menschenmenge tummelte.
Noch lag es ihm fern, das dieses nur der Anfang sein sollte und das sich bereits sein Leben von Grund auf verändert hat seit dem bewussten Tag der Entscheidung in Berlin. Nichts würde mehr so sein, wie es ein Mal war.
Alex schmiss sich ermattet auf sein Bett, es war schon der zweite Tag schierer Erschöpfung. Er war selbst zum Gitarrespielen zu müde, das ist ihm vorher in dieser Form noch nicht passiert. Ein Abschlussliedchen war immer drin, bevor er schlafen ging.
Er dachte mit immer größer werdendem Unbehagen an die letzten Stunden bei Norbert. Jeder wollte mit ihm reden, jeder suchte seine Nähe, er musste permanent Fragen beantworten und diese teilweise schmerzhaften Klapser auf Rücken oder Schultern konnte er gar nicht mehr zählen.
War das ein kleiner Vorgeschmack des Ruhmes?
Plötzlich klopfte es an der Tür. Als er sie öffnete, stand Christin davor. Vollkommen freudig überrascht ließ er sie eintreten.
„Deine Mutter hat mich zu dir geschickt, als ich unten klingelte. Sie meinte, du würdest dich freuen! Störe ich?“
Etwas peinlich berührt über sein unaufgeräumtes Zimmer erwiderte er:
„Stören? Nein, ganz bestimmt nicht! Ich bin auch erst vor kurzem hier eingetrudelt, wir waren noch im Palast , Bernd und ich!“
Er bat sie herein.
„Du bist ja eine regelrechte Berühmtheit geworden hier im Dorf!“, stellte sie ohne Umschweife fest.
Beide setzten sich auf das kleine Sofa am Fenster.
„Na ja, das ist wohl übertrieben. Aber es war schon ganz schön anstrengend die letzten Tage!“
„Das glaube ich gerne, aber trotzdem... alle reden nur von dir!“
Alexander war wieder hellwach. Das Gespräch wurde intensiver und er war sehr froh, das er nicht mehr nur das vorherrschende Thema war. Sie unterhielten sich über dieses und jenes, über ihre Arbeit und über allgemeines.
Christin beobachtete Alex ganz genau, sie fühlte sich sehr wohl in seiner Nähe, wie schon die letzten Male zuvor. Er war für sie nicht mehr der kleine Junge, mit dem sie einst fast täglich ihren Baum erklomm, hinauf ins wackelige, aber sichere Baumhäuschen. Sie ertappte sich dabei, als begehrende Gefühle in ihr aufstiegen und sich bemerkbar machten. Er war ein hübscher junger Mann geworden und sie wunderte sich darüber, warum ihr das nicht schon viel früher aufgefallen war.
Es war schon spät geworden. Alex begleitete sie zum Abschied noch nach unten zu Haustür, und schaute ihr hinterher, bis sie hinter einer Hausecke verschwand. Gedankenverloren ging er wieder die Treppe hinauf, bis er schließlich wieder auf seinem Bett saß.
Seine Gedanken kreisten nur noch um Christin, während er sich zum schlafen gehen zurecht machte.
Es kam dennoch manchmal vor, das er ungewollt an Jaqueline denken musste, doch diese Gedanken empfand er mittlerweile als störend.
Er schlief ein und wenig später ließen ihn seine Träume im Bett beweglich werden. Unruhig wackelte sein Kopf hin und her, er wechselte ständig seine Schlafposition. Seine Schweißdrüsen der Stirn produzierten nun unentwegt zuerst kleine, dann immer größer werdende Perlen, die ihren Weg über verschiedene Wege bis zum Kopfkissen fanden.
Der Moment der Abreise nach Berlin stand nun unmittelbar bevor. Alexander war sicher, nichts vergessen zu haben von den Dingen, die er mitnehmen wollte.
Seine Mutter holte schon ihren Wagen aus dem Carport, während er die beiden schweren Koffer zum Bürgersteig wuchtete. Es war eine ungünstige Zeit, denn seine Freunde und auch Christin mussten arbeiten, und konnten somit nicht mit zum Bahnhof kommen, um ihn zu verabschieden, dachte er etwas wehmütig.
Aber es war wohl nicht zu ändern.
Der Parkplatz des kleinen Bahnhofes war heute im Gegensatz zu anderen Tagen voll. Etwas verwundert schaute er zum Bahnsteig, als er schon Klaus erkannte. Beim Aussteigen fielen ihm schlagartig weitere bekannte Gesichter auf. Was war hier los?
Aber Alex ahnte schon etwas. Als er mit seiner Mutter das kleine Tor zu den Gleisen passierte, entdeckte er den Grund der vielen Autos vorne. Alle seine Freunde, Arbeitskollegen, sein Chef und auch Christin waren da! Einige eilten ihm entgegen, um ihm die Koffer abzunehmen. Als er zur Menge kam, wurde er sogleich umrundet von den Leuten. Er bekam Glückwünsche von allen Seiten, die Leute lobten ihn, und jeder drückte ihm die Daumen.
Er bedankte sich so gut er konnte, dann ging er zu Christin, die sich gewollt zurückhielt. Sie stand etwas abseits, als er zu ihr hinüberschaute, kam sie ihm näher. Beide lächelten sich an. Jeder lächelte in dieser Volksfestähnlichen Stimmung, alle freuten sich, nur einer nicht! Und dieser stand etwas Abseits vom Tumult, mit düsterem Blick... Thorsten!
Keiner bemerkte und beachtete ihn, den hektisch Kaugummikauenden Arbeitskollegen von Alexander, der mit unmerklich geballten Fäusten am Zaun stand.
Seine brodelnde Wut schien immer mehr Druck in seinem Kopf zu bilden, denn seine Venen an den Schläfen quollen langsam unter der mittlerweile geröteten Gesichtsfarbe hervor.
Er beobachtete ihre begehrende Blicke, die sie Alexander entgegen warf.
Klaus nahm dieses Szenario nur flüchtig wahr, als er sich zu Thorsten umdrehte, doch er wurde sofort wieder aus seinen Gedanken herausgerissen, als der Zug einrollte.
Alexander saß nervös in einem leeren Abteil. Permanent klopften seine Finger auf das Sitzpolster, während er mit abwesenden Blick zum Fenster hinausschaute.
Was erwartet mich dort im Haus mit den anderen Kandidaten? Mit wem werde ich mein Zimmer teilen? Wie wird Jaqueline sich mir gegenüber verhalten? Welche Anforderungen werden an mich gestellt?
Fragen über Fragen marterten seinen Kopf, begleitet von einem fast schmerzhaften Bauchdrücken. Er schaute oft zur Uhr am Handgelenk, und subtrahierte die noch verbleibende Zeit bis zur Ankunft in Berlin.
Seine Gedanken verloren sich irgendwo auf dem Weg der realen Ebene, schwankend in seiner Definition der wahren Begebenheiten bis hin zu selbst konstruierten Fiktionen.
Dieser für ihn verwirrende Zustand belastete ihn schwer, unfähig für klare Reflexionen.
Am Ziel angekommen, entstieg er dem Taxi, bezahlte, nahm sein Gepäck, und betrachtete die große, weiße Villa, in der er planmäßig die nächste Zeit verbringen würde, je nachdem, wie lange er sich im Wettbewerb befand.
Die Villa lag nahe am Wannsee, ein wunderschöner Ausblick, wie er jetzt schon von der Strasse erkennen konnte.
Drei von den Wettbewerbern mit ihren Koffern und Taschen standen draußen rauchend am Baum vor dem gepflegten und großen Vorgarten, deren Aufmerksamkeit sich sofort auf ihn richtete.
Etwas unsicher ging er zu den Jungs am Baum, und begrüßte sie. Die Stimmung war zwar freundlich, aber trotzdem verhalten, bemerkte Alex sofort.
Er stellte sich mit seinem Namen vor und nach kurzem Geplaudere wurde schon herzhaft gelacht. Sie alle kannten sich bisher nur vom Sehen in der Entscheidung.
Da hielt schon der nächste Wagen auf der Strasse direkt vor ihrem Gebäude. Alexander erkannte sofort den Mercedes, der dem Vater von Jaqueline aus Starnberg bei München gehörte. Adrett gekleidet stand sie wenige Minuten später mit ihrem Gepäck vor den vieren, und stellte sich ebenfalls kurz vor. Ihre Eltern fuhren wieder davon.
Da erschien auch schon ein Angestellter der Produktionsfirma dieser Musikshow in der Tür des Hauses, und bat die fünf Wartenden ins Haus hinein.
Das ließ sich keiner zweimal sagen, zu groß war die Neugier auf ihren zukünftigen Lebensraum.
Das Foyer schien riesig, eine breite Marmortreppe führte hinauf zu den späteren Wohnräumen der jungen Leute.
Pompös, hell und geschmackvoll eingerichtet glänzte die medienwirksame Kulisse in all seinen kleinen und großen Details.
Sie wurden unten in ein großen Raum geführt, ausgestattet mit einer riesigen Couch, einem großen und rechteckigen Tisch, der eher einer Tafel glich, umgeben von zwölf Stühlen, zählte Alexander. Es gab auch einen schönen, mit Naturstein gemauerten Kamin, neben dem gespaltenes Brennholz fein säuberlich gestapelt lag.
Ein leises Staunen und Worte der Anerkennung des ihnen Dargebotene erfüllte den Raum.
Die verliebte Jaqueline zwinkerte Alex zu, vielleicht in Gedanken an einen romantischen Abend mit ihm alleine vor dem knisternden Feuer im Kamin, dachte er sich mit einem etwas flauen Gefühl.
Er hatte aber keine Zeit zum Nachdenken, denn schon trudelte der nächste Kandidat ein.
Abends, nachdem alle zehn Teilnehmer erschienen waren, saßen sie vollzählig versammelt auf der großen Couch. Sie hatten sich längst miteinander bekannt gemacht. Es herrschte ein reges und fröhliches Durcheinander, es wurde diskutiert und herumgealbert, fast so, als würden sie sich schon eine halbe Ewigkeit kennen. Jetzt kristallisierten sich schon die ersten Charaktere heraus. Die einen waren witzig, selbstdarstellerisch, lauter und einer erweckte sogar einen durchtriebenen Eindruck, während andere wiederum zurückhaltend, hintergründig und abwartend waren.
Zu den letzteren gehörte auch Alex, der sich vom ersten Moment an sehr gut mit Lukas verstand. Sie schienen sich sehr ähnlich, hatten schon sehr früh einige Gemeinsamkeiten erkannt.
Der allgemeine Tumult verebbte aber sofort, denn es erschienen Holt mit seinen beiden Kollegen.
Sie blieben nebeneinander an der Tür stehen, Uwe Holt lächelte, als er insgeheim und schnell die Reihe der Talente durchzählte.
Zufrieden entledigte er sich seiner Jacke, und warf diese über einen Stuhl.
„Herzlich Willkommen im Show-Haus, inmitten von Berlin. Wir hoffen, das ihr euch wohlfühlen werdet in der Zeit, die jeder von euch hier verbringen wird! Wir haben einiges zu besprechen, aber zuerst werdet ihr bitte gleich hinauf gehen, und die Zimmerverteilung vornehmen. Ihr wohnt immer zu zweit, und habt die Wahl, wer mit wem ein Zimmer teilen möchte, natürlich nach Geschlechtern getrennt. Vier Mädchen und sechs Jungs. OK Leute, ich würde vorschlagen, das ihr eure Klamotten nehmt, und nach oben geht, um eure Zimmer klarzumachen, Klamotten auspacken und so weiter. In einer Stunde treffen wir uns hier unten in der Lounge wieder! Also, bis nachher!“
Sofort nach der Ansprache konnte es keinem schnell genug gehen, hastig wurden die Koffer und Taschen zusammengesucht und jeder drängelte sich im Laufschritt zur Marmortreppe, die hinauf zu dem Schlafbereich führte.
Alexander und Lukas jedoch ließen sich etwas mehr Zeit, für sie stand fest, das sie sich ein Zimmer zusammen teilen wollten.
Es war ihnen auch völlig egal, welches Zimmer besser oder schlechter war, denn sie würden sich wohl kaum in der Qualität unterscheiden. Darüber waren sich beide einig.
Als sie das letzte, freie Zimmer begutachteten, waren beide begeistert. Alex nahm sich das Bett am Fenster mit Ausblick auf den großen Wannsee.
Nachdem die Sachen in die vorhandenen Schränke eingeordnet waren, gingen sie wieder hinunter in die Lounge, wo die Juroren bereits warteten.
Nachdem alle wieder vollzählig versammelt waren, konnte die Besprechung beginnen.
„Du Alex?“
Lukas drehte sich auf dem Bett in die Richtung seines Zimmernachbarn, der lesend, auf dem Rücken liegend entspannte.
„Weißt du, wer das hübsche Mädel mit der roten Jacke ist? Hast du sie schon irgendwie kennen gelernt?“
Alex drehte seinen Kopf zu Lukas.
„Rote Jacke? Ach so, ich glaube, du meinst Jaqueline.“
„Ja, kann sein. Jedenfalls hat es mich fast umgehauen, als ich sie das erste Mal in München sah!“
Alex legte sein Buch daraufhin zur Seite, und begann über sein Erlebnis mit Jaqueline zu erzählen, ohne darüber nachzudenken, welche späteren Folgen dieses Gespräch für ihn haben könnte.
Lukas hörte staunend zu, ohne ihn zu unterbrechen. Als Alexander schließlich mit seiner Geschichte endete, widmete er sich wieder seinem Buch.
Lukas war deutlich verwundert über diese emotionslose Erzählung, sie ähnelte einem Referat in der Schule. Er musste kurz überlegen, dann:
„Seid ihr denn nun zusammen? Ich meine, war das alles? Nur Sex?“
Alex legte jetzt etwas genervt, ein weiteres Mal sein Buch zur Seite, dessen Sinn und Inhalt des letzten Kapitels sowieso nicht in seinem Kopf hängen blieb. Er überflog die Zeilen nur, während er ständig an Christin dachte.
„Na ja, ich wollte es eigentlich gar nicht, es kam einfach so, ehe ich mich versah, war es passiert!“
Es klang so, als wenn Alex aus viel Erfahrung sprechen würde. Er verschwieg, das es das erste Mal für ihn war.
Lukas nickte verblüfft mit offenem Mund , aber verwundert mit dem Kopf.
„Das hätte ich jetzt nicht gedacht!“
„Wieso, was meinst du?“
„Na ja, das sie so drauf ist. So für eine Nacht und so...!“
Erst jetzt begriff Alex, das er sich anscheinend irgendwie falsch artikuliert hatte. Schnell versuchte er, diesen Fehler zu korrigieren.
„Nein Quatsch, nicht so, wie du jetzt denkst!“
Er richtete sich im Bett auf, als er begann, den wahren Hergang jener Nacht zu schildern. Und das er glaube, das Jaqueline sich in ihn verliebt habe.
Alex erzählte auch von seinen Gefühlen Christin gegenüber, damit Lukas besser verstehen konnte.
„Oha, das kann ja heiter werden! Was machst du jetzt?“
Alex schüttelte den Kopf, während er ins Leere zu starren schien.
„Ich habe keine Ahnung! Am liebsten würde ich alles mit Jaqueline ungeschehen machen! Ist ´ne verzwickte, blöde Situation!“
Das Gesprächsthema wechselte dann ziemlich schnell zu den morgigen Aktivitäten. Sie bekamen alle so eine Art Stundenplan, auf dem die einzelnen Programme des Tages notiert waren. Und die waren nicht ohne.
Die Tage begannen schon früh morgens mit einem gemeinsamen Fitness-Parcours, wo sich alle dran beteiligten mussten.. Es gab Gesangs-Coachings und Choreographie-Kurse. Darüber hinaus mussten die Gesangstalente ihre Texte auswendig lernen, und ihren Song einstudieren. Da blieb kaum Zeit für persönliche Interessen.
Die erste große Liveshow würde in knapp einer Woche beginnen, und da durfte nach Möglichkeiten nichts schiefgehen. Solche Shows kosteten den Veranstaltern einen Haufen Geld, da wurde nichts dem Zufall überlassen.
10
Thorsten besuchte jetzt fast jeden Tag die Bäckerei, in der Christin arbeitete. Sie bemerkte es zwar, dachte sich aber nichts besonderes dabei. Er holte sich dort neuerdings jeden Morgen vor seiner Arbeit beschmierte Brötchen, genau wie Alexander, der nun natürlich nicht da war.
Sie musste oft an ihn denken. Sie vermisste ihn regelrecht.
„Guten Morgen Christin!“
Thorsten stand gutgelaunt vor dem Verkaufstresen. Der Geruch seines intensiven Rasierwasser stieg ihr sofort in die Nase, von dem er extra ausgiebig auftrug an diesem Morgen.
„Moin Thorsten, wie immer?“, fragte sie lächelnd.
Es entging ihm nicht, das sie an diesem Morgen etwas betrübt schien.. Er ahnte, das ihr momentaner Zustand eng in Verbindung mit Alexander stand. Obwohl leichte Wut in ihm emporstieg, blieb er freundlich. Er versuchte mit aller Konsequenz, dem Thema Alexander Strohm auszuweichen, was ihm schwerlich gelingen wollte, denn es gab seit Tagen hier im Dorf kein anderes Thema, über welches gesprochen wurde.
Er bemerkte schnell, das Christin heute schlecht ansprechbar war, aber er versuchte es trotzdem mit der nötigen Vorsicht:
„Sage mal, wie würden meine Chancen stehen, wenn ich dich mal abends gemütlich in ein gutes, italienisches Restaurant in der Stadt zum Essen einladen wollte?“
Es dauerte etwas, bis er bei ihr eine Reaktion wahrnahm. Sie schüttelte plötzlich kurz mit dem Kopf, aus ihren Gedanken herausgerissen:
„Bitte entschuldige, was hast du gefragt? Ich war eben etwas abwesend!“
Das bemerkte er auch leicht säuerlich. Er riss sich aber zusammen, und wiederholte seine Frage erneut in einem freundlichen Ton.
Diese wenigen Worte kosteten ihn viel Mut und Überwindung. Wie oft hatte er in seinem Kopf immer wieder diese Frage wiederholt und geübt, um sie fehlerlos und männlich-souverän hervorbringen zu können. Davon würde seiner Meinung nach eine Menge abhängen.
Damit hätte sie jetzt überhaupt nicht gerechnet! Nicht, das er ihr unsympathisch wäre und er sah auch gut aus, aber schlagartig wurde ihr bewusst, das Thorsten offensichtlich mehr für sie empfand, als ihr lieb war.
Sie war verliebt in Alex, das spürte sie seit Tagen. Seit ihrem Abschied auf dem Bahnhof.
Nach einer kurzen Weile, als sie seine Frage verinnerlicht hatte, antwortete sie schließlich:
„Äh, sorry Thorsten, aber ich habe kaum Zeit! Es ist jeden Tag immer etwas zu erledigen! Tut mir echt leid!“
Doch so schnell ließ er sich nicht abwimmeln, schnell versuchte er es mit etwas anderem:
„Wir könnten uns ja auch nur auf ein Glas Wein bei Norbert im Palast verabreden. Das würde ja nicht so lange dauern!“
Jetzt wurde es langsam unangenehm für Christin, wie konnte sie ihm zu erklären, das sie keine Lust auf eine Verabredung mit ihm hatte, ohne seine Gefühle zu verletzen!? Nach einer weiteren Ausrede suchend, hantierte sie nervös am Kuchenblech herum.
„Oder wir könnten ja auch mal telefonieren, wenn deine Zeit so knapp ist!“
Thorsten stellte enttäuscht fest, das er heute von ihr keine Zusage mehr erwarten könnte, da schraubte er schnell seine Ansprüche auf das letzte Fitzelchen Hoffnung herunter, um zumindest etwas ihre Nähe zu finden.
Sie war froh darüber, das er diese Möglichkeit vorschlug, das war unverbindlich und sie konnte jederzeit und unkompliziert die Kommunikation unterbrechen, wenn sie es wollte.
Außerdem hatte sie keine weiteren Argumente mehr, jedenfalls nicht jetzt so spontan.
„Ja, das ist OK. Du kannst ja mal anrufen!“
Nachdem Thorsten kleinmütig und etwas niedergeschlagen den Laden verließ, war sie in Gedanken schon längst wieder bei Alex.
Wie mag es ihm nur gehen? Er fehlt mir....!
Sie blickte auf die drei extra dick belegten Brötchen, die sie automatisch jeden Morgen schmierte, und sie etwas zur Seite legte, da diese nur für Alex bestimmt waren. Sie seufzte leise, als sie schließlich wieder ihrer Arbeit nachging.
Norbert bestellte dieses mal bei seinem Getränkelieferanten einige Fässer Bier mehr, als sonst. In ein paar Tagen würde die erste Liveshow im Fernsehen beginnen und alle Sitzplätze waren bereits reserviert. Eine restlose Überfüllung in seiner Kneipe kündigte sich an und im kleinen Getränkekeller war schon ohnehin kein Platz mehr. Norbert musste penibel organisieren, während in seinem Kopf die voraussichtlichen Umsätze nur so umher sprangen. Von Glücksgefühlen gepackt, trällerte er laute Lieder beim Einräumen der Getränke.
Alexanders Mutter konnte sich kaum retten vor Telefonanrufen. Was sie aber richtig aus der Bahn warf, war der Anruf ihres Ex-Mannes gestern abend. Sie glaubte ihn schon bewältigt und verarbeitet zu haben, aber dem war noch lange nicht so.
Bereits als er seine Stimme im Hörer vernahm, wurde ihr schwindelig, sie musste sich sofort setzen, versuchte aber, sich nichts anmerken zu lassen.
Er wollte sie besuchen und fragte an, ob sie nicht vielleicht ihrem Sohn zusammen im Fernsehen zuschauen wollten?
Er und seine neue Freundin hätten sich getrennt, aus disharmonischen Gründen, so erklärte er.
Frau Strohm war völlig durcheinander, ein Stakkato voller Fausthiebe schienen sich ihr immer wieder in ihren Bauch zu bohren. Er, der sie bis ins tiefste verletzte und den sie abgrundtief zu hassen glaubte, war noch lange nicht aus ihrem Herzen verbannt.
Ihr Gespräch dauerte noch lange an diesem Abend, die meisten Lichter in den Häusern waren schon längst erloschen.
Frau Tessin diskutierte eifrig nach den Proben mit einigen Chormitgliedern, die noch dageblieben waren.
„Es ist schon ein komisches Gefühl, unseren Alex bald im Fernsehen singen zu hören, oder was meint ihr?“
Allgemeine Zustimmung.
„Ich habe alle Termine abgesagt, das Telefon wird ausgeschaltet und nichts wird mich daran hindern können, Samstag die Show zu sehen! Wisst ihr schon näheres?“
Die Stimmen und Meinungen überschlugen sich, es würde noch ein Weilchen dauern, bis Frau Tessin die Tür hinter sich zuschließen würde.
Alexander und Lukas waren noch in tiefem Schlaf, als sie von dem Sporttrainer geweckt wurden. Mit gerunzelter Stirn und zerwühlten Haaren blinzelte Alex zur Uhr auf dem Nachttisch. 5.30 Uhr!
Draußen auf dem großen Flur waren schon die ersten Stimmen zu hören.
Beide richteten sich umständlich auf. Es wurde spät gestern, sie diskutierten noch lange bis in die Nacht hinein.
Nach einer halben Stunde trafen sich alle unten vor dem Portal des Gebäudes.
Die Joggingtour am Wannsee dauerte etwa eine dreiviertel Stunde, dann wurden auf der großen Wiese gymnastische Übungen abgehalten.
Durchgeschwitzt und außer Atem drängelten sich die männlichen Kandidaten oben vor den zwei Duschen des Badezimmers. Die vier Mädchen hatten ein eigenes Bad.
Nach der Morgentoilette fanden sich alle im Gruppenraum mit dem großen Spiegel an der Wand ein. Alle setzten sich auf die lange Bank, als Uwe Holt den Raum betrat.
„Guten Morgen, haben alle ausgeschlafen? Wäre ganz gut, denn heute wird es ein sehr anstrengender Tag für euch. Wie sowieso alle Tage hier, das kann ich jetzt schon sagen!“
Es ist keinem entgangen, das Holt heute Morgen wesentlich ernsthafter war, fast schon streng. Er setzte sich auf einen Stuhl, den er vor seinen Schützlingen aufstellte.
„Also Leute, ihr habt noch eine Menge zu tun! In ein paar Tagen singt ihr vor Millionen Zuschauern an ihren Fernsehern, und das Publikum im Saal besteht aus ungefähr 1500 Menschen. Damit ihr nicht eure Auftritte verkackt, wird geprobt und wieder geprobt. Es steht euch genügend Hilfe zur Seite, Coaches, Lehrer, ja selbst einen Psychologen haben wir hier! Also, ich verlange die absolute Konzentration und Arbeitsbereitschaft von jedem einzelnen!“
Aufmerksam wurde jedes Wort mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Jedem der jungen Sänger wurde plötzlich die Ernsthaftigkeit der Anforderungen und Verantwortungen bewusst, die von ihnen ab jetzt verlangt werden wird.
Manch einer von ihnen zählte insgeheim die noch verbleibenden Tage bis zu diesem ersten großen Tag, während sich auch schon das erste Lampenfieber bei einigen bemerkbar machte.
„Das Thema der ersten Show ist, jeder von euch darf seinen Lieblingssong performen! Ihr geht anschließend sofort runter in die Lounge, und gebt dem Michael eure Wunschtitel, damit wir die jeweiligen Texte und die Musik dafür organisieren können. Unsere, hauseigene Musikband muss ebenfalls schnellstens die Stücke proben, damit alles glatt läuft! Noch irgendwelche Fragen?“
Alex fiel auf, das Jaqueline sich immer in seiner unmittelbaren Nähe aufhielt, wenn es nur irgend möglich war. Sie lächelte ihn oft an, worauf er jedes Mal unterschiedlich reagierte. Das eine Mal erwiderte er ihr Lächeln, oder er zwinkerte kurz mit einem Auge und manchmal ignorierte er es auch, so, als wenn er es gar nicht bemerkt hätte.
Ihre scheinbaren Avancen störten ihn und er hoffte, das sich dieser hinderliche Zustand bald von selber in Luft auflösen würde. Es waren einige hübsche Jungs hier, vielleicht und hoffentlich würde einer von ihnen bald die Gunst von Jaqueline erlangen, oder sie fände einen von ihnen interessant. Das wäre der einfachste Weg.
Dieses Problem allerdings würde sich für ihn später auf ganz unliebsame Weise klären, davon ahnte er jedoch noch nichts.
Er überlegte nicht lange, sein Titel sollte eine wunderschöne, gefühlvolle Ballade eines sehr bekannten Künstlers sein, welcher zwar vom Gesang her sehr anspruchsvoll war, aber den er sich durchaus zutraute. Das einzige Problem war nur nach wie vor, das er ohne Gitarre, von der Band begleitet, singen würde. Das war er nicht gewohnt, das merkte er bei dem Recall, was ja dann auch mit einem Texthänger quittiert wurde.
Später, am Nachmittag, bekam jeder seinen Text und einen Rekorder samt CD mit der Musik des gewünschten Titels.
Die Wettbewerber zerstreuten sich daraufhin in verschieden Räume, um ungestört ihr Lied proben zu können.
Sie trafen irgendwann abends zum Essen wieder zusammen, die Müdigkeit und Erschöpfung dieses ersten Tages im Show-Haus war jedem einzelnen von ihnen anzumerken.
„Du Alex?“
Er drehte seinen Kopf zu Jaqueline, die links neben ihm am Tisch saß.
„Ich habe nur eine Frage!?“
Sie flüsterte fast, damit es die anderen nicht mitbekamen, was wohl wenig wahrscheinlich schien, denn alle unterhielten sich trotz Müdigkeit relativ laut und ausgiebig.
Alex ahnte schon, was sie ihn jetzt fragen würde.
„Du bist so abweisend zu mir! Hat dir unsere gemeinsame Nacht denn nicht gefallen?“
Gemeinsame Nacht? Sie meint wohl eher die zwei Stunden!
„Doch, natürlich fand ich es sehr schön! Aber das ist alles so neu hier, da muss ich mich total konzentrieren, sonst packe ich meinen Auftritt am Sonnabend nicht!“, antwortete er ebenso leise.
Ihr schien diese Antwort nicht auszureichen, denn sie gab nicht nach:
„Ja schon, aber hast du denn gar nichts empfunden? Ich meine, denkst du an mich, wenn du alleine mit deinen Gedanken bist?“
Da war sie, diese verdammte und ungewollte Zwickmühle!
Was sollte er jetzt antworten? Das was er jetzt überhaupt nicht brauchen konnte, war ein persönlicher Stress mit einem Konkurrenten. Er konnte und wollte sich jetzt auch nicht noch damit belasten!
„Doch, manchmal denke ich an dich! Aber wie gesagt, mein Kopf ist sehr voll von alldem hier! Verstehst du?“
Sie schien es nicht zu verstehen, denn ihr Blick trübte sich schlagartig. Sie schob übellaunig ihren vollen Teller mit Nudeln von sich, erhob sich, und ging wortlos hinaus ins Foyer.
11
Die Tage vergingen wie im Flug, am morgigen Abend war es dann schon soweit. Alle waren versammelt in dieser gewaltigen Halle, befüllt mit sehr vielen Sitzreihen, die sich alle irgendwo im Nichts zu verlieren schienen. Sie glich fast einem Fussballstadion, und vorne diese unglaubliche Bühne, auf der jeder von ihnen morgen sein Bestes geben musste.
Überall wurde gearbeitet, Sound- und Lichtproben gemacht.
Alle waren schwer beeindruckt, aus Achtung und Respekt wurden ihre Stimmen immer kleinlauter. Manch einer vergaß sogar, seinen Mund vor lauter Staunen zu schließen.
Es war ein gewaltiges Panorama.
Später musste jeder von ihnen alleine auf die gewaltige Bühne, um einen Soundcheck zu machen. Alles wurde genauestens eingestellt, an unzähligen Knöpfen gedreht und Notizen gemacht, bis letztlich alles perfekt eingestellt war. Und das alles für jeden einzelnen von ihnen.
Alex stand nach der aufreibenden Prozedur auf der Bühne, und stellte sich vor, wie es sein würde, wenn alle Plätze mit Menschen besetzt waren, die von ihm eine gute Performance erwarteten.
Alle Augen von Millionen Menschen wären nur auf ihn gerichtet, während er ganz alleine dort oben steht, und in seinem ausgesuchten Outfit singen würde.
Es schauderte ihn bei dem Gedanken, er würde sich versingen, oder gar völlig versagen! Er bemerkte vorhin beim Soundcheck diese enorme Kraft der gewaltigen Soundanlage im Saal, die frei wurde, als er in das Mikrofon sang. Er setzte sich auf den Rand des Podiums der Jury, wo er in seinen Gedanken verweilte. Erst ein Klapser auf seiner Schulter holte ihn wieder in die Wirklichkeit zurück.
„Komm Alex, wir müssen los. Ich bin aufgeregt, wie noch nie im Leben. Ich glaube, ich kann heute Nacht kein Auge zudrücken! So mussten sich wohl damals die Gladiatoren gefühlt haben, einen Tag vor ihrem großen Kampf in der Arena!“, bemerkte Lukas etwas niedergedrückt.
Alexander erhob sich schwermütig, streckte sich, und verließ neben seinem neuen Freund die Halle.
Norberts Palast war schon am Nachmittag gut gefüllt, immer wieder testete er seinen Fernseher mit seinem übergroßen Bildschirm. Heute würden vier Mitarbeiterinnen da sein, die ihn unterstützen werden. Auch ein Freund von ihm hielt sich bereit, um die schweren Fässer Bier im Keller zu wechseln, denn Norbert würde sich wohl kaum von den Zapfhähnen lösen können.
Sämtliche Kollegen von Alexander, einschließlich Herrn Teschen, sein Chef, waren heute dabei. Sie reservierten den großen Clubtisch für sich.
Es füllte sich zunehmend, lautes Stimmengemurmel und Gelächter war zu hören, Stühle und Tische wurden verschoben, jeder bemühte sich um freie Sicht zum Bildschirm.
In zwei Stunden würde die Show beginnen, die Aufregung und die Spannung waren kaum aufzuhalten.
Alexanders Mutter hörte ein Auto bei den Garagen vorfahren, sie eilte zum Fenster um zu schauen, als sie schon ihren Exmann sah, einen großen Blumenstrauß in den Händen. Flüchtig kontrollierte sie noch mal mit einem kurzen Blick das Wohnzimmer, bevor sie innerlich aufgeregt die Haustür öffnete, und ihn nach einer vorsichtigen, etwas distanzierten, aber freundlichen Begrüßung herein bat. Unsicherheiten in ihren Stimmen verrieten, das beide aufgeregt waren. Das letzte mal sahen sie sich bei ihrer Scheidung. Und das lag schon viele Monate zurück.
Familie Tessin saßen mit ihrem Besuch aufgeregt im Wohnzimmer. Christin hatte auch ihre beste Freundin eingeladen. Es waren insgesamt 10 Leute, die immer nervöser wurden, je näher der Zeitpunkt vom Beginn der Show rückte. Frau Tessin verteilte kleine Schüsseln mit Knabbereien, Gläser wurden aufgefüllt, dann nahm auch sie Platz neben ihrem Mann auf der großen Couch.
Dann plötzlich war deutlich die bekannte Anfangsmelodie der Show zu hören. Es ging los!
Auf den Strassen des kleinen Ortes war niemand mehr zu entdecken, alle befanden sich augenscheinlich in ihren Wohnungen, nur hier und dort waren Fenster geöffnet, und man konnte deutlich die bekannte Stimme des Moderators dieser großen Musikshow hören.
Die Aufregung unter den Kandidaten war kaum mit Worten zu beschreiben, diese besondere, spannungsgeladen Stimmung im großen und abgeschirmten Aufenthaltsraum war außerordentlich, die einen lasen noch in ihren Textblättern, die anderen liefen unruhig hin und her.
Alexander hingegen saß hoch konzentriert in seinem schwarzen, engen Overall mit dem breiten Gürtel um die Taille, ganz im Stil der 80 iger Jahre auf einem Stuhl nahe der Tür. Seine Ellenbögen stützten sich auf die Oberschenkel und seine beiden Hände stützten wiederum seinen Kopf.
Er hatte unglaubliches Lampenfieber, sosehr, das er in kurzen Momenten sogar seinen Text vergaß. Sein Körper zitterte leicht, ihm war schlecht und er überlegt, ob er nicht noch einmal die Toilette aufsuchen sollte. Er musste erst als vierter heute singen, da hätte er noch Zeit.
Hektisch wurde die Tür geöffnet, ein Mitarbeiter kam herein, und gab Christian mit lauter, deutlicher Stimme zu verstehen, das er mitkommen soll zum Vorraum der Bühne. Er würde jeden Moment für ihn losgehen.
Es wurde absichtlich kein Monitor hier im Raum aufgestellt, um die Kandidaten nicht noch mehr zu beunruhigen, die nacheinander an die Reihe kamen.
Christian verschwand unter den aufmunternden Worten der anderen Mitstreiter durch die Tür. Es wurde leise im Raum. Dann hörten alle, wie der Moderator seine Stimme erhob, um den ersten Kandidat anzusagen. Ein tobender Applaus, dann begann die Musik.
Jeder vertiefte sich beim Zuhören in sich selber, es wurden Daumen gedrückt, obwohl Christian ein Rivale dieses Wettbewerbes war, bei dem ab jetzt aber nicht mehr die Jury darüber urteilte, wer weiterkam, oder wer gehen musste.
Die Abstimmung würde durch ein Telefonvoting erfolgen, bei dem die Millionen von Zuschauer für ihre Lieblingskandidaten anrufen konnten. Derjenige mit den wenigsten Stimmen konnte noch am selben Abend seine Sachen zusammenpacken, um das Show-Haus zu verlassen.
Mit Verlierern wurde nicht lange gehadert, die waren nichts mehr wert und somit hatten sie auch nichts mehr hier verloren.
Die Stimmung bei Norbert war sehr fröhlich, aber auch sehr angespannt. Jeder wusste, das ihr ernannter Held als übernächstes singen würde.
Norbert kam an seine Grenzen mit dem Zapfen der bernsteinfarbenen Getränke. Auf der großen Abtropffläche unter den Zapfhähnen standen sämtliche Biergläser, die er zur Verfügung hatte. Es war so sehr gefüllt, das einige Leute sogar außerhalb der Kneipe verweilen mussten und denen nichts anderes übrigblieb, als das Spektakel im Fernsehen durch die Fenster zu beobachteten. Aber auch diese wurden mit Getränken versorgt.
Frau Strohm konnte diese Spannung kaum mehr ertragen, Alexanders Vater legte vorsichtig seinen Arm um ihre Schultern, sie ließ es geschehen, kuschelte sich sogar tiefer in seinen Arm. Sie war jetzt froh, das er heute da war. Sie drehte ihren Kopf leicht zu ihm, er schaute ihr lächelnd, aber auch mit einem Hauch von Sehnsucht in die Augen.
Die Kerzen auf dem Tisch flackerten etwas, im Hintergrund sang ein junges und hübsches Mädchen im Fernsehgerät, mit einer wunderschönen Stimme. Frau Strohm war sehr aufgeregt, aber sie fühlte sich wohl, wie lange schon nicht mehr.
„Achtung, liebe Freunde, gleich kommt Alex an die Reihe!“
Es wurde augenblicklich still im Wohnzimmer der Familie Tessin! Der Fernseher wurde lauter gestellt, als der Moderator auf der Bühne erschien, um den nächsten Kandidaten anzusagen.
Christin war erfüllt von Stolz, sie beugte sich vor, um ja nichts zu verpassen, kein Detail. Alles um sie herum geriet ins Unterbewusstsein, einzig nur fokussiert auf das Geschehen auf dem Monitor. Gleich würde sie ihn sehen und hören können, ihren Alex.
Alexander stand an der Tür, die mechanisch aufgehen würde, wenn der Augenblick gekommen war.
Er atmete tief ein, jede quälende Sekunde, die es dauerte, bis er endlich auf der Bühne stehen würde, war der Rand des Wahnsinns.
Jeden Moment wird der Moderator seinen Namen aussprechen, dann öffnete sich diese Tür und er würde langsam hinaus gehen, dem klatschenden Publikum entgegen.
Er versuchte, sich an seinen Text zu erinnern.
Doch alles war plötzlich aus seinem Kopf verschwunden!
Alexander erschrak, so wie noch nie im Leben zuvor. In einigen Momenten hatte er sogar das Lied vergessen, welches er gleich singen wollte.
Er schaute sich in seiner unerträglichen Panik um, bereit, wegzulaufen. In seinem Kopf hämmerte es, das gab es doch nicht... alles war weg, sein Kopf war vollständig leer!
Was sollte er jetzt tun? Was um Himmelswillen sollte er jetzt bloß tun?
Seine Gedanken überschlugen sich, ihm wurde schwindelig, er taumelte etwas, als er plötzlich laut seinen Namen hörte.
Die Tür unmittelbar vor ihm öffnete sich, und die Band begann mit einem melodiösen, harmonischen Vorspiel seines Liedes. Jetzt gab es kein Entkommen mehr.
Laut Schätzungen würden jetzt in diesem Moment ungefähr 9 Millionen Menschen alleine in Deutschland zuschauen. Es war für ihn wie ein böser Traum.
Doch dann, ganz plötzlich, war alles wieder da!
Auch diese grenzenlose Angstgefühl des enormen Lampenfiebers verschwand schlagartig.
Genau wie beim Recall. Beim zweiten Versuch öffnete sich auf einmal ein Tor in seinem Kopf, das ihm wieder den Zugang zu den eben noch eingesperrten Informationen gewährte.
Alles lag so glasklar vor ihm, das er sich gar nicht mehr auf den Text konzentrieren brauchte, sondern nur noch auf die Musik.
Er nahm das Publikum und die Kameras nicht wirklich wahr, während Alex sich langsam auf der Bühne Richtung Jurypult bewegte.
Die Scheinwerfer waren abgedunkelt, es waren nur noch drei Töne, bis sein Gesangseinsatz beginnen würde.
Die Schwierigkeit war bei diesem Lied, genau den richtigen Ton im richtigen Moment zu finden, denn die instrumentale Musik würde nach einer kurzen Pause erst ein paar Sekunden nach dem Gesang einsetzen. Das hatte Alexander etliche Male geübt.
Anfänglich bei seinen Proben gab es immer an der gleichen Stelle des Songs Probleme mit der Tonlage und seinem Einstieg. Es war wesentlich einfacher, wenn er sich selbst beim Singen mit seiner Gitarre begleitete.
Alex stand mittlerweile im Zentrum der Bühne, er führte langsam das Mikrofon zum Mund, der sich leicht öffnete.
Jetzt kam es drauf an.
Er holte unmerklich tief Luft, die sogleich wieder gefühlvoll aus den Lungen gepresst wurde. Seine Stimmbänder gerieten in Vibration, zuerst ganz sanft, bis schließlich der erste Ton erklang.
Es war ganz still im Saal, die Spannung war zum zerreißen, jeder kannte das Original mit der Stimme eines außerordentlichen Sängers.
Butterweich und mit sehr viel Gefühl begann er ohne Begleitung die erste Strophe zu singen, bis dann sanft die Musiker mit in die Harmonie einstimmten.
Es passte alles, die Töne, der Rhythmus und letztlich das wichtigste Instrument... seine Stimme. Genauso, wie es sein sollte!
Das Besondere an dem sehr anspruchsvollen Lied war, das es sich zunehmend in sich selbst steigerte. Nach der ersten Strophe kam die Gitarre hinzu, dann die Geigen und schließlich setzte leise das Schlagzeug ein. Der Chor im Refrain intensivierte dann diese wunderschöne Harmonie.
Alexander verschmolz jetzt perfekt und makellos mit dem Lied, er wurde ein Teil von ihm. Die englischen Worte des Textes wurde präzise und sehr gefühlvoll eingebunden, seine Stimme war unglaublich sanft und weich. Es passte alles!
Die Tontechniker in der Kabine hinter dem Publikum waren allesamt Profis, die dem Refrain die nötigen Effekte beim Sound hinzu fügten.
Die Zuschauer sahen einen hübschen, jungen Mann, der sich bedächtig und geschmeidig auf der Bühne bewegte, einzelne Passagen mit dem freien Arm wie ein Bühnenprofi seinen Gesang gestikulierend unterstrich.
In der Mitte des Liedes erreichte seine Stimme in seiner Kraft das erforderte Volumen, doch jetzt musste er sich besonders anstrengen, da ab jetzt eine Oktave höher gesungen wurde.
Aber auch diese schwierig zu singenden Töne traf er absolut fehlerfrei, seine Stimme behielt seine Stärke und er hielt die Töne, ohne von ihnen abzurutschen.
Das Ende näherte sich langsam, die Instrumente und der Chor wurden leiser, bis Alexander das Lied mit der letzten Strophe wieder ohne musikalische Begleitung mit sanfter Stimme ausklingen ließ .
Nach dem letzten Ton verharrte er noch einen kurzen Moment in seiner Position, dann vernahm er einen plötzlichen, tobenden Applaus!
Er öffnete seine Augen, das Licht wurde wieder grell.
Während des Gesangsvortrages befand er sich in einer Art Trance, aus der er jetzt wieder erwacht ist.
Das Publikum klatschte immer noch, als dann schon der Moderator auf der Bühne neben Alexander erschien.
Jetzt würde wie immer die Jury ihre Einschätzung und Meinung abgeben, ohne ein Stimmrecht zwar, aber trotzdem waren ihre Urteile ein wichtiger Bestandteil. Diese könnten die Telefonanrufer in ihren Entscheidungen beeinflussen.
Mike Larsson begann, als der lange und laute Applaus etwas abgeklungen war:
„Donnerwetter! Ich bin schwer beeindruckt! Das hat mir fast besser als das Original gefallen! Ich bin sicher, dich nach dieser grandiosen Leistung nächste Woche hier wiederzusehen! Danke!“
Nancy de la Charlet schien immer noch gerührt und ergriffen von dem eben gehörten zu sein. Ihre Meinung war sehr emotional und ebenfalls positiv.
Die Bewertungen aus dem Mund von Uwe Holt kamen oft grob, hart und abwertend. Er war bekannt für seine schnörkellosen, oft verletzenden Kommentare. Auch in den vorigen Shows der letzten Jahre zitterte so mancher Kandidat vor seinen Äußerungen, dabei spielten eine positive Bewertung der anderen beiden Jurymitglieder keine Rolle für ihn. Er sagte immer das, was er sagen wollte. Allerdings mit seiner ganz speziellen Art und Weise.
An diesem Abend ließ er sich etwas länger Zeit, als er endlich leise begann:
„Tja, Alexander! Was soll ich nur sagen?“
Wieder eine seiner berühmten Pausen, um die Spannung aufrecht zu erhalten.
„Ich war schon heute Nachmittag, als ich erfuhr, welches Lied du singen würdest, sehr skeptisch! Denn es ist eines meiner persönlichen Lieblingsongs!“
Er verzog keine Mine, sein Gesicht wirkte streng und wie versteinert.
„Der eigentliche Sänger hat eine ganz besondere, sehr schwer zu imitierende Stimme... Problem Nummer eins!
Problem Nummer zwei ist, dieses Gefühl zu vermitteln, was dieser beim Singen empfindet!“
Es war jetzt fast jedem Zuschauer klar, das die Beurteilung negativ werden würde! Wenn er schon so anfing!?
Es könnte aber auch eine von seinen berühmt-berüchtigten, aber seltenen verbalen Finten sein. Das Publikum wurde mucksmäuschenstill. Holt ließ sich Zeit, dann endlich:
„Aber ich sehe heute keine Probleme, was du, und vor allen Dingen, wie du es gesungen hast, war bemerkenswert. Ich meine damit, absolut bemerkenswert gut! Kompliment! Es würde mich schwer wundern, wenn du heute nicht in die nächste Runde kommen würdest!“
Das Publikum tobte, es erhoben sich immer mehr Menschen begeistert von ihren Sitzen, und gaben ein Standing Ovation.
Aber nicht nur im Saal wurde laut und ausgiebig gejubelt, auch Alexanders Dorf verwandelte sich in ein Tollhaus. Und das, obwohl das nur die erste Show von insgesamt neun war.
Aber trotzdem... jeder war überzeugt, das Alexander Strohm bei seiner absolut überragenden Leistung mehr als genügend Anrufe für sich entscheiden würde.
12
Schon früh morgens beobachtete Christin, als ein großer Lieferwagen bei der Bäckerei vorfuhr, auf den in bunten Lettern der Name eines bekannten Fernsehsenders zu lesen war. Zwei Männer stiegen aus, und kamen zur Tür herein.
„Guten Morgen!“, sagte einer von ihnen lächelnd und im freundlichen Ton.
Kurz darauf kam auch ihre Chefin hinzu, die aus dem Fenster der Backstube den Wagen entdeckte.
Die beiden sportlich leger gekleideten Männer bestellten sich zwei Kaffee und belegte Brötchen, und gingen zum kleinen Stehtisch am Fenster hinüber.
Christin und ihre Chefin wirkten etwas nervös. Sie brachte die Bestellung an den Tisch, und wollte sich gerade umdrehen, um wieder hinter ihren Tresen zu gehen.
„Entschuldigung, junge Frau! Dürften wir sie etwas fragen?“
Christin schaute verlegen zu ihrer Chefin, die wie selbstverständlich nickte.
„Sagen sie, kennen sie Alexander Strohm?“
„Ja natürlich, er ist hier oft Kunde!“
Einer von den beiden zückte einen kleinen Schreibblock.
„Wenn es Ihnen nicht ausmacht, würde ich gerne ein paar Notizen machen!“
Das Gespräch dauerte vielleicht zwanzig Minuten, dann bezahlten und bedankten sich die beiden Männer, und verließen wieder das Geschäft.
In ihren Gedanken versunken räumte Christin wieder den Tisch ab. Es kam ihr alles so unwirklich vor. Sie würde es erst später durchschauen, das dieses nur der Anfang sein sollte.
Die nächsten Tage kamen immer mehr fremde Menschen in den bis dahin verschwiegene, von der Außenwelt abseits liegenden Ort.
Den mit großen Schriftzügen versehenen Autos zufolge waren einige viele Medienvertreter unterwegs, um mit ihren großen Kameras und Mikrofonen, die an langen Stangen befestigt waren, Gebäude zu filmen, oder Menschen zu befragen.
Jetzt hielten sich auch ungewohnt viele Einwohner auf den Strassen auf, allesamt in der Hoffnung, von den Reportern befragt zu werden, um vielleicht sogar im Fernsehen zu erscheinen.
Die Meinungen darüber waren sehr zwiespältig. Die älteren Einwohner sehnten sich bereits nach kurzer Zeit diesem neuentstandenen Trubel in ihre gewohnte Ruhe zurück. Die Jüngeren hingegen fühlten sich wohl, immer zu den Reportern blinzelnd, um ja nicht einem etwaigen Interview zu entgehen.
Thorsten brauchte seit Tagen schon etwas länger im Badezimmer. Ungewöhnlich penibel versuchte er, seine Frisur bis ins kleinste Detail zurecht zu föhnen. Jede Strähne musste perfekt sitzen, obwohl er nur zur Arbeit ging. Aber wie an jedem Morgen besuchte er vorher die Bäckerei und der Grund schien naheliegend, warum er das machte.
Er hielt sich neuerdings auch seinen Freunden fern, er hatte mal irgendwoher mitbekommen, das Christin sie nicht sonderlich mochte.
Am frühen Abend schwor er sich, sie anzurufen. Christin war zwar immer freundlich, aber trotzdem distanziert zu ihm, wenn er morgens bei ihr seine Brötchen kaufte.
Er ahnte, das sie sich in Alex verliebt hatte. Schon alleine der Gedanke an ihn wurde zur kontinuierlichen Belastung für Thorsten.
Der ganze Lärm hier, und das alles nur wegen ihm, dem einfachen Klempner, der den Superstar spielt!
Er konnte kaum noch schlafen, in stetigen Gedanken an sie.
Keiner beachtete ihn, nicht einmal seine Kollegen.
Alle redeten nur von Alexander Strohm, der es letztes Wochenende ohne Probleme in die nächste Runde der Show geschafft hatte. Er hasste ihn, und kalte Wut stieg in ihm auf, wenn er nur an ihn denken musste. Und das wurde immer häufiger, denn es war mittlerweile in Deutschland unmöglich geworden, Alexander Strohm zu übersehen.
Ein übler Plan verankerte sich immer fester in seinem Kopf, den es jetzt bis ins kleinste Detail auszutüfteln galt, um sich seinem Widersacher zu entledigen. Erst dann wäre für ihn die Chance gegeben, sein unbedingtes Ziel zu erreichen. Und das war für ihn jetzt das dringlichste Anliegen.
Die neun erfolgreichen Kandidaten hatten sich mittlerweile an den turbulenten Tagesablauf gewöhnt. Auch das Ausscheiden von Felix letzten Samstag war kein Gesprächsthema mehr. Jeder konzentrierte sich nur noch auf sein Lied, welches er in zwei Tagen vortragen würde.
Das Thema an diesem Abend waren die Nummer 1 Hits der 80er Jahre.
Dieses Mal wählte Alexander einen schnelleren, beliebten Popsong, der ein weiteres mal schwer zu singen war.
Nach Absprache mit Holt durfte er sich trotz der Musik von der Band mit seiner Gitarre begleiten. Deswegen suchte er den Proberaum der Musiker auf, um das mit ihnen zu üben. Das dauerte aber nur eine Stunde, dann saß auch das.
Er war unglaublich erleichtert darüber, das Zusammenspiel mit seiner Gitarre bedeutete ihm sehr viel und er würde sich nur verbessern können, zum ohnehin sehr gelungenen Auftritt letztes Wochenende.
Beim Abendbrot saßen wieder alle gemeinsam am Tisch. Jaqueline erschien heute etwas später, während die anderen schon aßen.
Sie würdigte Alex keines Blickes, ging an ihm vorbei, und setzte sich auf den freigewordenen Platz von Felix am anderen Ende des großen Tisches.
Obwohl alle sich unterhielten oder aßen, wurde diese Geste von ihnen wahrgenommen. Alle Augen blickten zuerst zu Alex, dann wieder zu Jaqueline.
Nach ein paar Sekunden war wieder alles beim alten, Späße wurden gemacht, es wurde gelacht und erzählt.
Nur Alex biss sich unbemerkt auf die Unterlippe. Er verspürte plötzlich keinen Appetit mehr, ein unangenehmes Magendrücken machte sich bei ihm bemerkbar.
Er schielte zu ihr rüber, sie unterhielt sich angeregt mit ihren beiden neuen Tischnachbarn. Keiner nahm besondere Notiz von Alex.
Am liebsten würde er jetzt aufstehen und gehen, doch ein Gefühl des nicht Auffallen wollen ließ ihn an seinem Platz sitzenbleiben. Erst als die ersten sich erhoben, folgte er deren Beispiel, und sucht ohne Umwege sein Zimmer auf.
Eine halbe Stunde später erschien auch Lukas, jedoch nur, um etwas zu holen. Dann verschwand er wieder wortlos.
Irgendwie spürte Alexander, das sich da etwas anbahnte. Allerdings gegen ihn selbst. Dieses bedrückende Gefühl bestätigte sich, als er das Badezimmer betrat, um sich die Hände zu waschen.
Lukas und Tobias diskutierten gerade über irgendetwas, als sie ihn eintreten sahen, hielten sie plötzlich den Mund, zwängten sich an Alex vorbei, und verließen den Raum.
Er war jetzt einem enormen Druck ausgesetzt, wie noch nie im Leben zuvor. Er ging wieder aufs Zimmer, um weiter zu üben.
Samstag morgen herrschte reges Treiben im Dorf. Überall waren Menschen damit beschäftigt, Autos und den einen Bus zu bepacken. Hektik und Aufregung lag in der Luft, bis die Fahrzeuge nach und nach den Ort verließen.
Eine seit Tagen ungewohnte und stoische Ruhe erfüllte wieder die Strassen, wie seit dem Trubel um Alex schon lange nicht mehr...
Trotz der neuen, für Alexander beschwerlichen Umstände im Show-Haus, hatte er seinen Song perfekt einstudieren können.
Nach den Proben am Nachmittag gaben noch einige Kandidaten Interviews, während sich der Saal langsam mit den ersten Besuchern füllte.
Auch er wurde befragt von der hübschen Backstage- Moderatorin. Er hielt seine Antworten kurz und knapp, das Lächeln fiel ihm schwer.
Alex wusste nicht, das heute viele Leute aus seinem Bekannten- und Freundeskreis dabei sein werden. Er hatte sein Handy seit gestern abend nicht mehr angeschaltet.
Langsam versammelten sich alle Kandidaten wieder in dem abgeschirmten Warteraum, Alex nahm wieder Platz auf dem Stuhl neben der Tür. Heute war er der erste, der raus auf die Bühne musste, um sein Lied zu singen.
Er beobachtete, das Lukas sich angeregt mit Jaqueline unterhielt, trotz Angespanntheit.
Dann fing er plötzlich einen Blick von ihr auf, der nicht unbedingt als verheißungsvoll zu deuten war. Mit der festen Absicht, sich nicht ablenken zu lassen, öffnete er seinen Gitarrenkoffer, um sein Instrument noch einmal zu stimmen, was er heute schon einige Male gemacht hatte. Es durfte nichts schiefgehen!
Als er den Deckel umklappte, sah Alexander sofort diese unglaubliche Sauerei... mindestens die Hälfte der zwölf Saiten waren gerissen, und wanden sich lasch und kräuselnd um den Gitarrenhals.
Er war entsetzt! Das konnte nicht sein! Selten, wenn überhaupt konnte es passieren, das mal eine Saite reißt, und dann auch nur aller meistens bei Gebrauch der Gitarre. Aber gleich mindestens sechs innerhalb nur knapp einer Stunde? Im gesicherten Koffer?
Nein, unmöglich!
Sofort blickte er zu den anderen acht Mitbewerber, konnte aber keinen Anhalt für seinen plötzlichen Verdacht finden.
Sein großes Problem war, das er nun keine Zeit mehr haben würde, neue Saiten auf die Gitarre aufzuziehen. Abgesehen davon hatte er auch keinen Ersatz. Eine unglaubliche Tragödie bahnte sich an.
Alex sprang sofort auf, um eilig die Band aufzusuchen. Auch da herrschte ein Durcheinander, jeder war mit seinem Instrument beschäftigt, oder hier und dort wurden noch am Equipment gebastelt.
Er suchte nach einem bestimmten Gitarristen, den er wenig später auch entdeckte. Eine Minute später hatte er ihm sein Problem erklärt. Dieser schüttelte ungläubig den Kopf, gab Alex einen Klaps, bevor er kurz hinter den Lautsprechern verschwand. Als er wieder erschien, hatte er eine Gitarre in der Hand, und überreichte sie Alex.
Seine Ersatzgitarre, erklärte der ausgebildete Studiomusiker.
Sie war zwar nur 6-saitig, aber für Alex überhaupt kein Problem. Er bedankte sich, und marschierte guter Dinge wieder Richtung Warteraum.
Als Alex die Tür hinter sich schloss, konnte er keine Auffälligkeiten in den Gesichtern der anderen entdecken, außer bei Lukas und Jaqueline, die sich verwundert anschauten, als Alex mit der fremden Gitarre im Raum erschien. Er flüsterte ihr irgendetwas ins Ohr, sie nickte.
Und für Alex stand somit augenblicklich die Verantwortlichen dieser Schweinerei fest. Er würde sich später darum kümmern, jetzt hieß es nur noch warten.
Sein Lampenfieber war so groß, wie das der letzten Woche. Doch dieses mal fühlte er mehr Sicherheit, alleine schon durch die Gitarre. Es kam zwar erschwerend hinzu, das er mit der Musik Band den Rhythmus synchron halten musste, während er sich auf Gesang und Text konzentrierte. Aber das stellte er sich trotzdem viel einfacher vor, als ohne Gitarre zu singen.
Wieder wurde hastig die Tür geöffnet, alle zuckten leicht zusammen, so groß war die Anspannung.
„So Alex, komme bitte mit, du bist jeden Moment an der Reihe!“
Nun stand er ein zweites Mal vor dieser Tür, er hörte die Worte des Moderators. Sein Text saß, als er sein Gedächtnis noch einmal kurz überprüfte. Da wurde Alexander Strohms Name auch schon angesagt.
Als die Tür sich öffnete, dunkelten sich die Scheinwerfer ab. Links neben ihm zischte leise eine Nebelmaschine, weißer, geruchsloser Dunst hüllte ihn vollkommen ein. Der Schlagzeuger zählte mit seinen Stöcken ein und bei Vier begann das Ensemble zu spielen.
Plötzlich blendeten zwei helle Spots neben ihm auf, dem Publikum bot sich ein fantastisches Bild, als Alex aus der hellen Rauchwolke zum Vorschein kam. Er ging langsam im Takte der Musik zur Mitte der großen Bühne, während sein Arm im Rhythmus die Gitarrensaiten bearbeitete. Dieses mal benutze er ein Bügelmikrofon, welches an seinem Hals angebracht war, um unabhängiger und beweglicher beim Singen auf der Bühne sein zu können.
Dann nach einem kurzen Schlagzeugwirbel begann er, die erste Strophe zu singen. Der Einstieg klappte ausgezeichnet, er war sofort verschmolzen mit dem Song, er wurde ein Teil von ihm. Das ist die ideale Voraussetzung für einen Sänger.
Als er flüchtig das Publikum wahrnahm, entdeckte er in rote T-Shirts gekleidete bekannte Gesichter. Beim näheren hinschauen, trotz grell blendenden Scheinwerfern, sah er Frau Tessin neben einigen Chormitgliedern. Vor lauter Freude ging er langsam in ihre Richtung, während er noch in seinem Gesang sicher war. Gleich würde der Refrain kommen, der ihm mehr Kraft in der Stimme abverlangen würde, da musste er sich ein wenig mehr konzentrieren. Doch unmittelbar vorher nahmen seine Augen in der zweiten Reihe neben seiner Mutter auch seinen Vater wahr.
Alex geriet kurz in Gefahr, den perfekten Einstieg in den Refrain zu verpassen, doch er schloss einen kurzen Moment die Augen, sammelte sich, und schließlich traf er den Ton, genau wie es sein sollte.
Er hatte jetzt keine Zeit, sich großartige Gedanken zu machen, doch diese Tatsache wurde in Frage gestellt, als seine Augen schließlich sie fanden... Christin!
Das gab ihm plötzlich einen unglaublichen Adrenalinstoß, auf einmal fühlte er sich unendlich stolz, der Gesang wurde kräftiger und er bewegte sich ab diesem Moment wie ein alter Hase des Showgeschäftes. Lächelnd singend, mit glasklaren Tönen seiner Gitarre, ging er zielstrebig zum Ausgangspunkt auf der Bühne zurück. Zwei Minuten später ließ er nach dem Schlussakkord seine Gitarre ausklingen, während sich das Licht langsam herunter dämmte.
Noch bevor sämtliche Töne verklangen, erhoben sich bereits die ersten Zuschauer, und quittierten diese Darbietung mit schallendem Applaus und Zugaberufen.
Alex verneigte sich zum Dank, schielte dabei kurz zu Christin, dann widmete er seine Aufmerksamkeit den Juroren.
Die Kommentare waren wieder positiv und Alex verließ gutgelaunt die Bühne. Er setzte sich in einen Nebenraum auf einen gemütlichen Sessel, direkt einem großen Monitor gegenüber. Er hatte es wieder hinter geschafft, nun hoffte er, das die Zuschauer wieder für ihn anrufen würden, so das er eine Runde weiterkam.
Er würde jetzt gerne hinaus gehen, um seine Leute, und besonders Christin zu begrüßen.
Hoffentlich habe ich ihr gefallen!?
Er beobachtete den Auftritt von Lukas haargenau, der sehr sicher und mit klarer Stimme seinen Song darbot. Auch er wurde mit Lob überschüttet, das Publikum war begeistert.
Genauso bei Jaqueline, die in ihrem engen, roten Kleid hervorragend aussah, musste er sich eingestehen.
Nur zwei der jungen Talente bekamen heftige Kritik. Man konnte es deutlich ihren mutlosen und desolaten Gesichtern ansehen, das die schwere Last ihrer eigenen Unzufriedenheit sie fast zu erdrücken drohte. Für die beide war das Warten nun besonders unangenehm, bis endlich die Entscheidung des heutigen Abends fiel, was noch gut zwei Stunden dauern würde.
Nachdem alle neun Kandidaten ihren Beitrag geleistet haben, herrschte im Raum eine fröhliche, aufgedrehte Stimmung. Jeder war froh, es endlich wieder einmal hinter sich zu haben. Zuerst wurden die beiden geknickten Sänger Mut zugesprochen:
Macht euch keine Sorgen, so schlecht wart ihr gar nicht!
Oder:
Erstmal abwarten, noch ist ja noch nix entschieden! Es kann uns alle treffen!
Dann wurde herumgealbert, einige Sprüche waren überheblich, protzig und abgehoben. Nur Alexander hielt sich zurück, der ruhig auf seinem Stuhl sitzen blieb. Keiner kümmerte sich um ihn, er bemerkte nur manchmal kurze, verächtliche Blicke. Von Jaqueline und Lukas.
Alex verließ den Raum, um sich eine Cola zu holen. Er blieb danach auf dem breiten Gang stehen, auf dem ein chaotischer Tumult herrschte. Lauter Mitarbeiter aller Kategorien hasteten hin und her. Jeder von ihnen hatte seine Aufgabe in dieser Show. Viele Menschen hinter den Kulissen, die dafür sorgten, das alles reibungslos funktionieren konnte.
Er sah die Backstage-Reporterin in der Tür zu den Anderen verschwinden. Nach etwas einer halben Stunde erschien sie wieder, schaute sich suchend um, bis sie Alexander entdeckte. Sie ging schnellen Schrittes auf ihn zu, im Schlepptau den Kameramann samt Tontechniker. Sie fingerte einen Taschenspiegel aus ihrer kleinen Handtasche, fuhr sich kurz mit den Fingern durchs Haar, und nickte dann zufrieden mit ihrem Aussehen dem Mann mit der großen Kamera auf den Schultern zu.
Wie auf Kommando verwandelte sich ihre Mimik plötzlich zu einem Lächeln.
„Alexander Strohm! Das war ja ein toller Auftritt, Kompliment! Wie würdest du dich einschätzen? Warst du selber zufrieden mit deiner Leistung?“
Die Befragung fand nach 3 Minuten ihr Ende. Ihm war durchaus klar, das er dabei vor Millionen Zuschauern live sein Statement abgab, aber das störte ihn in diesem Moment kaum.
Er würde sich später in Ruhe auf seinem Zimmer im Show-Haus die nächtliche Wiederholung anschauen.
Er hatte ein sicheres Gefühl im Bauch, weiter gewählt zu werden, und so kam es später auch.
Nur Peter, einer von den beiden Pechvögeln des Abends, würde seine Koffer packen können. Jetzt waren noch vier Jungs und vier Mädels übriggeblieben.
Nach der Entscheidung verließen alle Kandidaten im Laufschritt die Bühne, um ihre Liebsten zu begrüßen und umarmen, die geduldig auf diesen Moment gewartet hatten.
Es war schon tief in der Nacht, trotzdem wurde überall gelacht, beglückwünscht und liebkost.
Genauso bei Alex, der überschwänglich gefeiert wurde. Christin hielt sich etwas im Hintergrund, um ihm alleine ihren Glückwunsch kundzutun, wenn die Euphorie der anderen abgeklungen war.
Er löste sich schließlich sanft aus den vielen Armen, und ging drei Schritte zu Christin herüber. Die anderen ließen ihn gewähren, und feierten voller Freude und guter Laune lautstark untereinander.
„Du warst großartig, Alex! Live kommt das noch viel besser rüber, als im Fernsehen!“
Sie ließ ihren Blick fest auf seinen Augen haften.
„Dankeschön Christin, das ist lieb von dir! Ich wusste gar nicht, das ihr heute hier seid! War ´ne ziemliche Überraschung. Ich habe mich echt gefreut, als ich euch sah!“, erwiderte er mit einem Hauch Verlegenheit in seiner Stimme.
Sie starrte ihm immer noch in die Augen, es schien, als wäre sie unfähig, auch nur ein Wort auszusprechen. Sie war so unendlich fasziniert und beeindruckt von einem Mann, wie noch nie zuvor in ihrem Leben. Ja, er war ein Mann geworden... und was für einer!
Nachdem Alex sich von allen verabschiedet hatte, trafen sich die Wettbewerber am Ausgang, um endlich in die Villa am Wannsee zurückzukehren. Jetzt waren alle müde, Lukas schien bereits eingeschlafen zu sein, kurz nachdem der Bus sich in Bewegung setzte.
Auch er schloss seine müden Augen für einen Moment, um diesen glücklichen Augenblick der wunderschönen Gedanken an Christin zu genießen.
Morgens am großen Frühstückstisch wurde bereits ausgiebig diskutiert über den vergangenen Abend. Nur Jaqueline fehlte noch, die schließlich sichtlich gut gelaunt im Raum erschien.
Ohne Alex eines Blickes zu würdigen, ging sie demonstrativ an ihm vorbei, und setzte sich neben Lukas, der sie freudig lächelnd begrüßte.
Seit Tagen schon waren die beiden unzertrennlich, sie steckten häufig ihre Köpfe zusammen, und tuschelten ausgiebig. Meistens schauten sie dabei in Alexanders Richtung, worauf oft ein hämisches Grinsen oder auffälliges Lachen folgte. So auch an diesem Morgen.
An dieses beschämende Gefühl würde Alex sich nie gewöhnen. Das Brötchen schmeckte plötzlich nicht mehr, jeder Bissen blieb ihm im Halse stecken.
Jetzt beugte sich auch Tobias zu den beiden herüber, um an der beginnenden Lästerei teilzuhaben. Es wurde zwar geflüstert, doch immerhin noch so laut, das Alexander fast alles mitbekam.
Erniedrigt und gedemütigt schob er seinen Stuhl zurück, und verließ unter schmählichen Bemerkungen der drei den Raum.
Er konnte es noch nicht verstehen, das es manchmal nur wenige oder kurze Momente bedarf, um das normale und gewohnte Leben drastisch und unheilbringend zu verändern.
Dieses lernte er jetzt auf schmerzliche Weise.
Laura Strohm summte leise ein Lied, während sie beschaulich in der Küche das noch rohe Gemüse in dünne Scheiben schnitt.
Sie würde an diesem Tag etwas Asiatisches kochen, das liebte ihr Ex-Mann Jürgen doch so sehr.
„Bist du schon lange wach?“, fragte Jürgen, als er noch verschlafen die Küche betrat.
Sie legte ihr Messer zur Seite, und drehte sich zu ihm um:
„Ja natürlich, du Langschläfer! Ich dachte gerade an unseren Sohn. Ich bin so stolz auf ihn!“
„Das bin ich auch, Laura!“
Er machte eine Pause, während er bedächtig zu Boden schaute.
„Du, ich...“
Es war ihm deutlich anzusehen, wie sehr er nach den richtigen Worten suchte.
„... ich weiß nicht, wie es damals so weit kommen konnte! Ich...“
Sie legte ihren Zeigefinger auf seine Lippen, und deutete ihm an, nicht weiterzusprechen.
„Jürgen, es ist passiert, und lässt sich nicht mehr ändern! Es zählt für mich nicht, was war, sondern es zählt, was wird, verstehst du?“
Er liebte an ihr seit jeher diese direkte, manchmal nüchterne Art, wie sie die Dinge sah und aussprach.
„Ja, du hast recht! Aber wie wird Alexander auf diesen neuen Umstand reagieren?“
Ein reuiger Ausdruck stand in seinem Gesicht geschrieben..
„Ich Dummkopf war zu sehr mit mir selbst beschäftigt, als mich auch um ihn zu kümmern!“
Sie strich ihm eine Strähne Haar aus dem Gesicht, während sie antwortete:
„Ja, und er litt sehr darunter! Es war bestimmt nicht einfach für ihn, das kannst du glauben!“
„Ich Dummkopf, wenn ich doch alles rückgängig machen könnte...!“
Sie überlegte kurz, dann:
„Nein, das kannst du nicht! Aber wir werden es mit uns langsam angehen lassen! Du bist immerhin sein Vater und den hat er einmal sehr geliebt! Lassen wir Alexander Zeit, vielleicht solltest du mit ihm sprechen, und ihm dein damaliges Verhalten erklären! Ich bin sicher, er wird es verstehen!“
Er zog sie sanft zu sich heran, und nahm sie in seine Arme.
„Ja, du hast recht! Ich hoffe, er kann mir verzeihen!“
„Hast du schon gelesen?“, fragte Marcel seinen Kollegen Thorsten, während er zwei Rohrenden miteinander verschraubte.
„Gelesen? Was denn?“
„Unser Alex hat anscheinend Stress im Show-Haus! Große Schlagzeile in der Zeitung heute morgen, mit Bild von ihm!“
„Echt? Hast du die Zeitung dabei?“
„Klar! Komm, lass uns Frühstückspause machen, dann kannste dir diese Schweinerei ja mal durchlesen!“
Sie setzten sich beide auf eine Treppenstufe, und Thorsten nahm sofort die Zeitung. Es stimmte wirklich. Auf der Titelseite war eine Fotomontage zu sehen, auf der Alexanders Kopf groß und zentriert abgebildet war und um seinen Kopf herum waren kleiner die Gesichter der anderen sieben Kandidaten zu sehen.
Großer Zoff im Show-Haus!
Die fettgedruckte, übergroße Überschrift war schon aus meterweiter Entfernung zu lesen.
Thorstens Augen überflogen den Artikel in Windeseile, um ihn dann ein weiteres Mal langsam zu lesen.
Dann legte er die Zeitung auf den Boden, mit der Titelseite gut sichtbar nach oben, um sie immer wieder zufrieden betrachten zu können.
Nachdenklich, mit einem Grinsen im Gesicht nahm er ein Brötchen, und biss genüsslich hinein.
Marcel war dieses Verhalten von seinem Kollegen nicht entgangen. Er kannte Thorstens Meinung über Alex, aber er hielt besser den Mund.
Thorsten dachte derweil an das Gesicht von Christin, wenn sie diesen Artikel zu lesen bekam.
Er wollte sie heute nach seinem Feierabend unbedingt anrufen, nahm er sich vor.
„Mama?“
Frau Tessin hörte schon an dem Tonfall ihrer Tochter, das irgendetwas nicht mit ihr stimmte.
Sie legte die Zeitung zur Seite, als Christin schon aufgebracht im Wohnzimmer stand.
„Hast du das gelesen?“
Das Lächeln von Laura Tessin wirkte etwas gequält.
„Hallo erstmal! Wie war dein Arbeitstag heute?“
Ohne ihre Jacke ausgezogen zu haben, setzte sich Christin wuchtig auf den breiten Sessel.
„Verstehst du das? Ich jedenfalls blicke da nicht mehr durch! Was schreiben die den da bloß über Alex? Er würde doch nie einer Fliege etwas zuleide tun können, geschweige denn zu intrigieren, oder?“
Laura wartete einen Moment mit ihrer Antwort, bis Christin sich etwas beruhigt hatte.
„Nein Schatz, unser Alex ist kein Unruhestifter! Das ganz bestimmt nicht!“
Sie machte eine kurze Pause, dann:
„Ich würde auch nicht alles glauben, was diese sensationsgierige Zeitung schreibt! Wir werden sicher bald erfahren, was da wirklich passiert ist, mache dir keine Gedanken!“
„Ja, aber...“
Als Christin nach einer halben Stunde hinausging, schaute Frau Tessin versonnen auf einen fiktiven Punkt an der Wand. Sie vermutet es schon seit längerer Zeit, das ihre Tochter in Alexander verliebt war. Und genau dieser Umstand machte es ihr noch schwerer.
Sie ahnte, das dieser Zeitungsartikel nur der Anfang dessen sein könnte, was sie niemandem wünschen würde. Und besonders nicht einen liebenswerten und ehrlichen Jungen wie Alexander.
Sie fühlte sich in ihrem früheren Argwohn bestätigt, seitdem feststand, das er an dieser Show teilnehmen würde.
Der ganze Ort war in Auffuhr. Es wurde gezetert, diskutiert und sogar laut geschimpft über diesen Zeitungsartikel. Da wurde ihr Alex als Strippenzieher einer Intrige dargestellt, obwohl jeder zu wissen schien, das es so nicht sein konnte, wie es geschrieben wurde.
Das war nicht ihr Alex, so wie ihn jeder kannte. Nein, auf gar keinen Fall!
Wahrscheinlich waren die Mitbewerber nur neidisch auf seine gute gesangliche Leistungen, wurde gemunkelt. Das Wort Mobbing war in aller Munde. Ein unglaublicher Skandal schien sich anzukündigen.
13
Der Stimmungspegel senkte sich am Frühstückstisch sofort, als alle die schnellen, schweren und unüberhörbaren Schritte auf dem mit Marmorfliesen belegten Boden des Foyers vernahmen.
Die mit Eisen beschlagenen Westernstiefel konnten nur Uwe Holt gehören und am Klang seiner Schritte war eine gewissen Aggressivität zu erkennen.
Es blieb keine Zeit für weitere Mutmaßungen, denn nur einen kurzen Moment später wurde die große Doppeltür aufgerissen.
Holt, mit der Zeitung in der Hand platzte in den Raum, stemmte beide Arme in die Hüfte, als er schon bärbeißig und mit lauter Stimme anfing:
„Was für eine gottverdammte Scheiße läuft hier eigentlich?“
Einige zuckten erschrocken zusammen, so aufbrausend hatte man ihn noch nie erlebt. Sein Krakeelen steigerte sich zunehmend und es schien kein Ende nehmen zu wollen.
Immer wieder klopfte er kräftig mit seinem Finger auf die Titelseite der Zeitung, die er für jedermann sichtbar in Brusthöhe hielt.
Keiner im Raum wagte es, sich zu bewegen, bis Holt ein weiteres Mal die erste Frage stellte, die dann eine Weile im Raum schweben blieb, um sich langsam in die Köpfe der jungen Talente zu verankern.
Das Schweigen blieb erhalten und Uwe Holt schaute ungeduldig und fragend in die Runde.
„Alex, zum Donnerwetter! Lass´ dich gefälligst nicht lange bitten! Ich will von dir wissen, was hier bei euch los ist, verstanden?“
Alexander zuckte in seinem Stuhl zusammen, als er ausgerechnet seinen Namen hörte.. Er wusste nicht recht, worum es eigentlich ging. Hier im Haus gab es nur eine Zeitung und das Verhalten und Getuschel an diesem Morgen am Tisch verriet ihm jetzt auch, das alle im Haus die Zeitung gelesen hatten, nur er selbst nicht.
Als er zu Holt schaute, zuckte er nicht wissend nur mit seinen Achseln.
Ein ungutes Gefühl durchschlich ihn, ihm wurde schlecht.
Was haben denn die bloß alle? Was stand in der Zeitung? Was hatte das alles mit mir zu tun?
„Du kommst jetzt sofort mit!“, bestimmte Holt, und unterstrich mit dem zur Tür gestreckten Daumen, das äußerste Eile geboten war.
Alexander erhob sich unverzüglich, und folgte dem Chef, der schon wieder im Temposchritt den Weg zum Büro im Foyer ansteuerte.
Als die beiden verschwunden waren, verwandelte sich die schweigende Stille des Raumes in einen geflüsterten Tumult, wobei heftig diskutiert und schadenfreudig gelacht wurde.
Jetzt würde Thors Hammer kreisen, und knallt direkt auf Alexanders Kopf! Das geschieht dem Schwachkopf ganz recht!
Nach dem Abendbrot wurden sämtliche Freizeitaktivitäten gestrichen. Allen Hausbewohnern wurde mitgeteilt, das eine Versammlung stattfinden würde, in der einige wichtige Dinge zu besprechen seien. Die Kandidaten warteten ungeduldig und neugierig, bis endlich Holt mit seiner Jury erschien.
Alexander saß wie immer mit etwas Abstand zu den anderen. Auch wenn es nur wenige Zentimeter waren, jeder konnte unschwer erkennen, das dort zwischen den Kandidaten eine Kluft herrschte. Und Alex war der Außenseiter.
„Hört mal her, Leute!“
Sofort wurde das Geflüster beendet. Es kehrte augenblicklich Ruhe ein.
„Wie ihr alle wisst, ist es eine unbedingte Vorgabe des Senders, der schließlich alles hier bezahlt, das die Presseleute im Haus schalten und walten können und dürfen, wie sie wollen. Mit Einschränkungen natürlich. Also auch Kameras, Mikrofone und Reporter. Ihr seid dadurch zu gläserne Menschen geworden während eurer Anwesenheit hier! Das wusstet ihr alle vorher, oder?“
Das war weniger eine Frage, als vielmehr eine klare Feststellung.
„Wem das nicht passt, bitteschön! Da ist die Tür!“, sagte er, und deutete er mit ausgestrecktem Arm zum Eingang.
„Solange ihr ein Bestandteil dieser Show seid, gehört ihr uns! Damit wir uns da richtig verstehen!“
Holt spürte einen leichten Stoß gegen seinen Fuß. Er beugte sich etwas zu Nancy herüber, die ihm etwas ins Ohr flüsterte.
Er nickte schließlich, als er sich nach einer kurzen Pause wieder den Kandidaten zuwendete.
„OK, noch mal von vorne!“, begann er nun deutlich milder.
„Ihr seid die besten acht Sänger von über 40 000 Bewerbern! Jedem einzelnen von euch winkt Erfolg, Ruhm und Geld, wenn er oder sie hier als Gewinner raus geht. Das Zeug dazu habt ihr alle! Ihr steht im Zentrum des Geschehens, ganz Deutschland, Österreich und die Schweiz schauen euch zu. Ihr habt deshalb auch eine große Verantwortung, versteht ihr das?“
Holt nahm einen Schluck Wasser aus seinem Glas, bevor er fortfuhr:
„Es mag vielleicht sein, das eure Kinkerlitzchen, die ihr hier gerade veranstaltet, medienwirksam sind. Aber ich will auf gar keinen Fall, das ihr vergesst, weshalb ihr hier seit. Eure musikalischen Leistungen werden hier bewertet, und nicht eure Streitereien!“
Seine Stimme steigerte sich erneut, doch dieses mal bemerkte er es selbst, und bremste seine ungestüme Ansprache wieder zum normalen Pegel herab.
„Leute, wir haben hier einen Ruf zu verlieren! Und ich will, das ihr alle draußen auf der Bühne euer Bestes gebt! Menschenskinder, verschwendet eure Energien doch nicht für so einen Blödsinn, sondern konzentriert euch auf das Wesentliche, nämlich euren Gesang!“
Noch immer könnte man im Raum eine Stecknadel zu Boden fallen hören, so still war es.
„Gut, ich gehe mal davon aus, das ihr das alle kapiert habt, oder?“
Fleißig wurde genickt, und Uwe Holt schien zumindest etwas besänftigt zu sein.
„Also, euer oberstes Gebot ist, und bitte schreibt euch das mit Großbuchstaben hinter die Ohren, wenn ihr irgendwas Privates oder Internes zu bequatschen habt, macht das dort, wo keine Pressefritzen rumhängen oder lauern! Ich dulde auch keinen weiteren Streit, doch dazu kommen wir gleich! Noch irgendwelche Fragen?“
Seine oft trivial-verbale Ausdrucksform kannte und achtete jeder.
Weiteres Stillschweigen.
„OK, dann hätten wir das ja geklärt! Und nun zu der Geschichte mit Alexander! Was ist da los?“
Keiner fand den Anfang, dazu war der Respekt zu groß.
„Lukas, du bist einer der Protagonisten dieser Geschichte! Was ist hier bei euch los? Sage du es mir!“
Die sonst so kecke, respektlose Art im Show-Haus des Angesprochenen verschwand völlig, nichts davon war mehr geblieben.
Er druckste verlegen herum, verzweifelt auf der Suche nach seinen sonst so sicheren Worten. Alle Augen waren auf ihn gerichtet, was ihm besonders zu schaffen machte.
Eigentlich war er ein sehr unsicherer Junge, der sogar Schwierigkeiten hatte, in der Schule ein Referat den Mitschülern vorzutragen. Nur der Verbundenheit, vielleicht sogar Intimität zur hübschen Jaqueline verdankte er seine obere Stellung in der Hierarchie der Wettbewerber. Diese für ihn neue Rolle lebte er ausgiebig und überaus gerne in dem Haus mit seiner Gemeinschaft, deren Anzahl sich jedoch wöchentlich dezimierte.
„Na ja, der Alex passt hier nicht so gut in unsere Runde, er...“
Er wurde jäh unterbrochen.
„Was heißt hier, er passt nicht in eure Runde? Sagt mal, dreht ihr jetzt völlig durch?“
Holt war wieder auf Hundertachtzig.
„Ihr seit hier nicht im Kindergarten, damit das klar ist! Hier wird niemand ignoriert oder gemobbt! Habe ich mich verständlich genug ausgedrückt?“
Ein zögerliches und eingeschüchtertes Kopfnicken war die Antwort, doch Holt war dennoch nicht zufrieden.
„Und noch einmal: seid vorsichtig mit euren Äußerungen der Presse gegenüber! Der Schuss kann schnell nach hinten los gehen, das habt ihr ja bei Alex gesehen. Und es könnte jeden von euch treffen!“
Sein Blick schweifte langsam durch die Runde, und blieb dann auf Alexander haften, der offensichtlich geistesabwesend zum Boden schaute.
„Ich will, das ihr euch jetzt vor meinen Augen wieder vertragt, und euch die Hände schüttelt! Damit ist dann die Sache für mich erledigt.“
Langsam und schwerfällig erhoben sich seine Schützlinge, und traten nacheinander an Alex heran, um ihm die Hand zu schütteln. Es wurden leise Worte gemurmelt wie Sorry oder
War nicht so gemeint.
Nur Jaqueline tat sich besonders schwer, sie zögerte, als sie vor ihm stand, spürte aber den beobachtenden Blick von Holt, dann nahm sie seine Hand, allerdings ohne ein Wort zu sagen.
Sie war hin und hergerissen zwischen Verliebtsein und die pure Verachtung, die hier im Haus seit einer Woche die Oberhand in ihr beherrschte. Seitdem sie von Lukas erfuhr, das Alexanders Herz einem anderen Mädchen gehörte, und er obendrein auch noch ihre Intimität in Starnberg ausgeplaudert hatte, kochte sie vor Wut.
Sie war die eigentliche Intrigantin, die unmerklich für externe Augen Unruhe stiftete.
Nur sie und Lukas wussten über die wahren Gründe der Zerwürfnisse im Show-Haus Bescheid, die beide vehement jeden bisherigen Tag aufs neue schürten.
Aber davon wollte sie nichts wissen, sie wies innerlich, im Stillen für sich selbst, alle Schuld weit von sich.
Thorsten gefiel der Pressetumult. Es schien, als wäre jeder Reporter auf der Jagd nach der absoluten, unglaublichen Sensation, die sie ihren Arbeitgebern beschaffen können.
Selbst in der Klempnerei waren sie häufiger anzutreffen, genau wie an diesem Morgen auch.
Klaus und Thorsten hatten gerade ihre Werkzeuge im Firmenlieferwagen verstaut, als sie von einem grinsenden Reporter angesprochen wurden. Klaus mochte diese Lackheinis, wie er sie nannte, nicht sonderlich, sie waren ihm ein Dorn im Auge. Er winkte ab, und ging noch mal in das Büro zurück.
Der Reporter schaute Klaus verwundert hinterher, dann wendete er sich sofort an Thorsten. Der dazugehörige Fotograf tanzte um die beiden herum, um die optimale Belichtung für seine Einstellungen zu finden.
Das Interview dauerte knapp fünf Minuten, und fand ein abruptes Ende, als Klaus schnellen Schrittes auf den Wagen zuging, die Tür öffnete, und einstieg.
„Los Thorsten, wir müssen!“, sagte er leicht missmutig und übellaunig.
Der wiederum hätte noch liebend gerne mit dem Mann von der Presse geplaudert, dem er aber trotz der kurzen Zeit einiges erzählen konnte. Endlich bekam er die nötige Aufmerksamkeit, die ihm lange entsagt blieb.
Als Klaus den Wagen in Bewegung setzte, blieb ein äußerst zufriedener Reporter zurück, der noch einmal seine Notizen überflog, etwas hinzufügte und dann seinem Kollegen einen Klaps auf die Schulter gab, und überschwänglich sagte:
„Das war ein Volltreffer! Lass uns losfahren, ich muss den Artikel unbedingt zügig bearbeiten. Dann fahren wir später zu diesem... wie hieß er doch gleich? Ach ja, ich glaube Thorsten oder so ähnlich! Er will uns noch etwas zeigen! Hast du gute Fotos gemacht?“
Der große Konferenzraum füllte sich langsam mit adrett gekleideten Männern und Frauen. Alle suchten zügig ihren Platz auf, und holten aus ihren mitgebrachten Aktenkoffern ihre Arbeitsutensilien hervor. Die kurze Unruhe der zweiundzwanzig Mitarbeiter verebbte langsam, als schon der Vorstandsvorsitzende den Raum betrat, um sich an seinen Platz am Tischende zu begeben. Er setzte sich, und breitete seine Unterlagen fein säuberlich auf dem Tisch vor sich aus. Alle Augen der Anwesenden waren auf ihn gerichtet.
„Guten Morgen, meine Herrschaften!“
Sein Gesicht signalisierte allen die Ernsthaftigkeit des heutigen Meetings. Es wurde viel im Vorfeld über die Gründe des plötzlich einberufenen Treffens spekuliert, wobei jeder schon erahnen konnte, worum es sich handeln könnte.
„Sicherlich sind Sie alle bereits über die katastrophalen Einschaltquoten unserer Show StarWorld der letzten beiden Wochenenden informiert!“
Sein prüfender Blick konnte nichts ungewöhnliches unter seinen Mitarbeitern entdecken. Zufrieden fuhr er fort:
„Vorletzte Woche kann ich ja noch akzeptieren, da wurde bei einem Konkurrenzsender parallel zu unserer Sendung schließlich der Weltmeisterschaftskampf im Boxen übertragen! Das wurde von uns einkalkuliert. Aber was bitteschön war letzte Woche los? Irgendeine Idee?“
Seitdem Horst Möller letztes Jahr zum Vorstandsvorsitzenden gewählt wurde, wehte ein völlig neuer Wind im Haus. Er war bekannt für seinen harten, ungnädigen Führungsstil.
Einige Mitarbeiter munkelten mürrisch mit vorgehaltener Hand von einer Despotie, die ihnen kaum noch berufliche Freiräume erlaubte.
Es dauerte eine kurze Weile, dann hob der noch junge, aber strebsame Michael Höbig seinen Arm.
„Mit Verlaub, Herr Vorsitzender, ich glaube, wir sind etwas zu lasch in der Struktur unserer Show!“
Wohl jeder im Raum zweifelte in diesem Moment an der Zurechnungsfähigkeit von Höbig. So konnte man doch nicht mit dem Chef reden, dachten alle sofort.
Möller hatte schon seit längerer Zeit einen Blick auf diesen jungen Mann geworfen. Seine Freimütigkeit, die scheinbar knappen, respektlosen und zielgerichteten Äußerungen seiner Meinungen gefielen ihm.
Der Junge wird es mal bis nach ganz oben schaffen!
„Gut Höbig! Und weiter?“
Michael Höbig erhob sich, und konzentrierte sich kurz:
„Es gibt mittlerweile drei Castingshows dieses Jahr im Fernsehen zu sehen! Und jeder von uns versucht, den anderen mit Originalität und Ideen zu übertrumpfen. Nur meiner Meinung nach geht uns, einfach ausgedrückt, in dieser Kategorie langsam die Puste aus!“
Leises Stimmengemurmel war zu hören.
„Wie bitte darf ich das verstehen, Höbig?“
„StarWorld ist zweifelsohne das Original! Unser Sender setzte damit einen Meilenstein in der Fernsehunterhaltung. Das wir damit in dieser Kategorie Nachahmer finden würden, war allen vorher klar. Aber die Konkurrenz hat uns meiner subjektiven Meinung nach in ihrer Originalität längst überboten, und das nicht zu knapp! Wir jedoch haben uns, wenn ich das so sagen darf, in keinster Weise weiterentwickelt! Mit anderen Worten: wir bieten eine gute, aber leider längst durchschnittliche Show. Ohne besondere Sensationen und Highlights! Damit meine ich, das wir unserem bisher festem und eingefahrenem Konzept eine Wendung geben sollten, verfeinert mit der Würze von sogenannten eyecatcher, sprich Hauptattraktionen, die bei unseren Zuschauern für längere Zeit in Erinnerung bleibt!“.
Sämtlich Köpfe drehten sich neugierig in Richtung ihres Chefs, ungeduldig wartend auf seine Reaktion.
Der aber saß ruhig da, seinen Blick immer noch auf den jungen Mann gerichtet. Es war ihm anzusehen, das es in seinem Kopf heftig arbeitete.
Schließlich machte er sich eine kurze Notiz in seinen Block, dann:
„Meine Herrschaften, Herr Höbig hat genau den Punkt getroffen! Ich hätte es nicht besser ausdrücken können!“
Kaum ausgesprochen, vernahm man ein beifälliges Klopfen der Versammelten auf dem Tisch.
Michael Höbig dankte lächelnd nickend, während er sich wieder setzte.
Als sich die Versammlung aufgelöst hatte, bat der Vorsitzende den jungen Mann in sein Büro.
„Sehr gut, Herr Höbig! Sensation also! Irgendwelche Vorschläge?“
Darauf hatte er nur gewartet, jetzt könnte seine Stunde schlagen.
„Ja durchaus, die habe ich, Herr Möller! Sie betreffen unseren Kandidaten Alexander Strohm!“
„Alexander Strohm? Sie meinen den Jungen aus unserer Show, der letzte Woche die Titelblätter der Zeitungen füllte?“
Er lehnte sich in seinem breiten Bürosessel zurück.
„Ich höre?“
14
„Ich muss zugeben, Alex ist einer der besseren Sänger unter uns! Und außerdem hat unser Boss ihn unter seinen Fittiche genommen, wie es scheint, oder sehe ich das falsch?“
Jaqueline spielte nervös mit einem Grashalm.
Lukas kaute nachdenklich auf einen Streichholz herum. Sie saßen beide an einem Baum gelehnt im Garten der Villa. Sie genossen das herrliche, warme Wetter in ihrer Mittagspause.
„Ja, sieht so aus! Wenn es nach dem Gesang geht, könnte er gut als Gewinner den Ring verlassen!“, scherzte er, jedoch ließ sich der Humor bei seiner Aussage nur vermuten.
„Das hat der Typ echt nicht verdient! Schau, was hat er denn mit mir gemacht? Spielt mir den verliebten Don Juan vor, klaut mir meine Unschuld und lässt mich hinterher im Regen stehen! Ne, der hat das bestimmt nicht verdient!“
Im Laufe der Zeit bildete sie aus ihrem Gedankengut, mit schmerzlichen Emotionen durchzogen, eine für sie unabwendbare Wahrheit, in die sie sich zunehmend hineinsteigerte.
Alexander hatte sie nur ausgenutzt, und sie scheute sich nicht, es der gesamten Hausgemeinschaft kundzutun.
Die wahren Begebenheiten dieser Nacht hatte sie schon längst aus ihren Gedanken verbannt. Ebenso die Tatsache, das sie selbst es darauf angelegt hatte, als sie damals nachts an seine Tür klopfte.
„Ich hätte mir auch mehr davon versprochen, als ich seine blöde Gitarre lahmlegte, indem ich die Saiten kappte!“
Als er das sagte, fiel ihm plötzlich wieder ein, das er die Kombizange noch verschwinden lassen musste, die in einer Seitentasche seines Koffers versteckt war.
Sicher ist sicher!
„Am liebsten wäre es mir, wenn Alex diesen Samstag rausfliegen würde. Dann hätten wir keinen Stress mehr, oder?“
Lukas nickte, als er ihre Hand nahm. Dann näherte er sich ihr, und küsste sie zärtlich auf den Mund.
Jaqueline ließ es geschehen. Sie verschwieg ihm, das sie in keinster Weise in ihn verliebt war, eher war sie von seinen Zudringlichkeiten gar angewidert.
Aber er war ein wichtiger Verbündeter in ihrem Intrigenspiel, jedenfalls solange Alex noch im Wettbewerb war.
„Wir sollten uns wieder etwas einfallen lassen, sonst fliegen wir womöglich noch vor Alexander raus! Und das gönne ich dieser Flitzpiepe bestimmt nicht! Alles andere, aber das nicht!“
Die Situation hatte sich für Alexander seit der Ansprache allgemein etwas verbessert im Haus, nur Lukas und Jaqueline waren weiterhin distanziert.
Übermorgen würde er wieder zeigen müssen, was in ihm steckte. Der Song, an dem er ständig übte, war nicht besonders schwer zu singen. Wieder ein sehr populäres Lied, welches noch nicht lange auf dem Markt war.
Dabei war nur viel Stimmvolumen erforderlich, die der Originalsänger sehr hörenswert zum Besten gab. Diese sogenannte Range und die Kraft besaß Alex, urteilte der Gesangscouch nach den Proben.
Der Text saß auch bereits sicher in seinem Kopf, jetzt konnte er die Show ruhig angehen lassen bis zu seinem Auftritt in zwei Tagen.
Es war bildschönes Wetter und er hatte heute keine Verpflichtungen mehr im Haus. Er schnappte sich sein Handy, kontrollierte nochmals sein Outfit und die Frisur vor dem Spiegel, dann ging er gutgelaunt hinunter zum Ausgang, wo Andreas schon auf ihn wartete. Die beiden verstanden sich gut, Andreas hielt sich bei dem Streit in dem Haus auch sichtlich zurück.
Sie wollten in die Stadt, und etwas durch die Geschäfte bummeln. Das hatten sie sich schon vor zwei Tagen vorgenommen, denn es war immerhin das erste Mal seit fast drei Wochen, das sie einmal größeren Abstand vom Show-Haus bekamen.
Das einzige nervenaufreibende dabei war die Tatsache, von Reportern und Kameraleuten begleitet zu werden, die ihnen auf Schritt und Tritt folgten.
Kaum auf dem Kurfürstendamm angekommen, wurden sie sofort von vielen Passanten erkannt, besonders von den jungen Mädchen.
Eine immer größer werdende Menschentraube sammelte sich um sie herum. Um die ersten Autogramme wurden gebeten.
Für einen Moment genossen sie beide diese enorme Aufmerksamkeit, die ihnen zuteil wurde. Aber bereits nach zehn Minuten hätte sich Alex liebend gerne an einen anderen Ort gewünscht, wo ihn keiner kannte und wo er seine Ruhe hätte.
Andreas hingegen konnte nicht genug kriegen. Er suhlte sich förmlich in der Menschenmenge.
Obendrein kamen permanent die Kameras hinzu, deren Objektive stets auf sie gerichtet waren, und sehr wahrscheinlich jeden einzelnen Gesichtzug der beiden für das Fernsehen oder Zeitung dokumentierten.
Alexander konnte Andreas nur schwerlich dazu bewegen, sich von der Menge zu lösen, um das riesige Kaufhaus zu betreten, vor dessen Eingang sie standen.
Doch es war unmöglich, sich dem Trubel zu entziehen. Es wurden immer mehr Menschen, es wurde gedrängelt und gestoßen.
Es blieb ihnen nichts weiter übrig, als zum, vom Sender bereitgestellten Wagen zu flüchten, um wieder möglichst unbeschadet zum Haus zurückzukehren.
Während der Rückfahrt stiegen in Alexander die ersten, schweren Zweifel auf über das, was gerade um ihn herum geschah.
Und genau diese Zweifel verbanden sich mit dem Gefühl, nicht glücklich zu sein und welches sich immer mehr hervorhob, um damit seinen Unmut zu verstärken.
Selbstzweifel und Angst sind keine idealen Voraussetzungen für das alles, was noch kommen würde.
Die beiden Reporter erschienen pünktlich zum verabredeten Zeitpunkt. Thorsten hatte schon seit einer halben Stunde ungeduldig am Küchenfenster gewartet, mit dem Foto in der Hand.
Immer wieder ging er im Gedanken seine Geschichte durch, die er gleich erzählen wollte.
Noch bevor der Mann von der Presse die Türklingel betätigen konnte, öffnete Thorsten schon lächelnd die Tür. Nach der formellen Begrüßung bat er die beiden herein. Er war alleine im Haus.
„Nun? Was haben Sie denn so interessantes für uns? Wir sind gespannt!“
Thorsten hielt das Foto noch verdeckt in der Hand, sich vorher noch vergewissernd, das sein Name in der Zeitung nicht genannt werden würde. Dann reichte er den beiden schließlich das Foto hinüber.
Die Reporter beugten sich sofort über das Foto. Nach einer kurzen Zeit schauten beide fragend auf.
„Dieses Foto habe ich auf einer Party gemacht, ich hoffe, es ist scharf genug!“
Beide schauten sich noch einmal genauer das Bild an.
„Ja, es ist alles deutlich zu erkennen! Erzählen sie uns bitte die genauen Umstände dieses Abends? Wir möchten gerne die ganze Geschichte hören, die wir den Lesern auch verkaufen können.
Während er das sagte, zog er seinen Notizblock und einen Stift aus seiner Jacke hervor, während sein Kollege das kleine, handliche Diktiergerät einschaltete.
Das war wie ein Startschuss für Thorsten, der Moment, auf den er lange warten musste.
Es ist Zeit, mit dir abzurechnen! Christin kannst du dir ab jetzt aus dem Kopf schlagen, du Depp!!
Nach etwa einer Stunde verließen zwei zufriedene Reporter eilig das Haus, samt einem Foto und der dazugehörigen Geschichte, die es noch ordentlich aufzupeppen galt.
Thorsten glättete sorgsam seine zwei Hunderteuroscheine auf und ab reibend an der Tischkante, den er eben von den beiden für seine Mühen, wie sie sagten, bekam.
Ein diabolisches Grinsen machte sich in seinem Gesicht breit.
Genüsslich malte er sich aus, wie Christin über Alex denken würde, wenn sie morgen früh die Zeitung aufschlagen würde.
Alexander lag am frühen Abend dösend auf seinem Bett.. Er schielte immer wieder zum Handy, welches neben ihm auf dem Nachttisch lag. Schließlich richtete er sich ruckartig auf, nahm das Gerät, und tippte ihre Nummer. Nur einen kurzen Moment später:
„Christin Tessin?“
In seiner Aufregung rutschte ihm das Handy aus der Hand, aber er erwischte es noch rechtzeitig genug, bevor es zu Boden fallen konnte. Er hielt es sofort wieder an sein Ohr.
„Hallo Christin, hier ist Alexander. Störe ich gerade?“
Diese Frage beantwortete sich von selbst, denn erst nach etwa einer Stunde legte er das Gerät wieder auf den Nachttisch zurück, und lehnte sich überglücklich und entspannt mit seinem Kopfkissen im Rücken an die Wand.
Morgen also! Träume ich das alles nur?
Seine Laune war gestiegen, tänzelnd und leise singend machte er sich fürs Bett zurecht.
„Er fehlt mir! Wie mag er sich wohl in diesem Moment fühlen? Ob ich ihn jetzt mal anrufen soll“
Jürgen Strohm legte sofort sein Buch zur Seite, und wandte sich Laura zu.
„Nein Schatz, das wäre keine gute Idee, glaube ich! Der Junge hat jetzt genug andere Dinge im Kopf und in zwei Tagen muss er wieder fit für die Bühne sein! Er ist stark, und schafft das schon, da bin ich sicher!“
Strohm übernachtete zwar jetzt öfter bei seiner Exfrau, doch seine Wohnung würde er noch behalten. Eine langsame Annährung tat beiden gut, darüber waren sie sich einig.
Früh am Morgen hielt der weiße Lieferwagen, wie an jedem Morgen, vor der Bäckerei. Der Fahrer stieg aus, öffnete die Hecktür, schnappte sich ein Bündel Zeitungen, und brachte es in das Geschäft hinein.
Christin band sich gerade die weiße Schürze um, als sie sich bedankte. Dann verschwand der Fahrer wieder so plötzlich, wie er erschien.
Sie holte die Schere hervor, um das Bündel aufzuschneiden, und die Zeitungen fein säuberlich neben den Verkaufstresen auf der Ablage zu stapeln. Sie griff sich ein Exemplar, um kurz drin zu blättern. Dank der großen Überschriften der Artikel konnte man schon in kürzester Zeit den Inhalt erahnen, ohne ihn gänzlich lesen zu müssen.
Plötzlich stockte ihr Atem. Fieberhaft klappte sie die Zeitung auf, um das gesamte Bild betrachten zu können, welches groß dargestellt war.
Nein! Unmöglich!
Ihre Chefin kam gerade zur Tür hinein, als sie schon Christins bestürztes Gesicht sah. Besorgt eilte sie zu ihr, die ungläubig auf die Zeitung starrte.
„Was hast du denn?“
Christin schien die Frage überhört zu haben, vertieft in ihrer Zeitung.
Die Bäckerin griff sich ebenfalls eine Zeitung, und verzog augenblicklich ihr Gesicht, als sie das Bild erblickte.
„Das glaube ich jetzt nicht!“
Dann war wieder Ruhe, denn beide lasen angespannt den dazugehörigen Artikel.
Das Bild zeigte eindeutig und gut erkennbar Alexander Strohm, auf dem Rücken mit freiem Oberkörper auf dem Bett liegend, die Augen geschlossen, und den Mund weit geöffnet.
In der Hand, die auf seinem Bauch lag, hielt er eine Zigarette, die von seiner Form einem Haschisch-Joint ähnelte.
Auf seiner hellbraunen Hose war ein großer, nasser Fleck im Genitalbereich zu erkennen, der unweigerlich vermuten ließ, das er sich in seine Hose uriniert hatte.
Ein ganz privater Einblick unseres angehenden „Superstars!“
Es ist unglaublich, aber hier sehen wir einen von den Mitbewerbern um die „Superstar-Krone“ nach einem festlichen Gelage!
Schlimmer geht es wohl kaum, was unseren Augen mit diesem Bild geboten wird!
Aus zuverlässiger Quelle eines seiner Arbeitskollegen, der namentlich nicht genannt werden möchte, erfuhren wir, das....
„Das war doch auf der Schulabschlußparty von Thorsten !“
Christin erinnerte sich noch sehr gut an diesen denkwürdigen Abend. Sie war damals auch eingeladen. Seitdem vermied sie, wenn irgend möglich, jeglichen Kontakt zu Thorsten. Betrunken und laut rumpöbelnd bewegte er nicht wenige Gäste dazu, unter anderem sie selbst, zum vorzeitigen Verlassen der Party.
„Und Alex hat meines Wissens kein Haschisch geraucht, das würde er nie machen! Er verachtet Drogen, das weiß ich ganz genau! Wieso hat er auf dem Bild einen Joint in der Hand?“
In ihrem Kopf hämmerte es, sie dachte angestrengt nach.
Alexander hatte wohl etwas angenehmes geträumt, denn seine Lachfalten breiteten sich im gesamten Gesicht aus, als er schlief.
Dieser scheinbar schöne Traum jedoch wurde jäh unterbrochen, als Andreas ungehalten und laut die Tür aufriss, und ins Zimmer stürmte.
„Mensch Alex, wach auf! Sieh dir das an!“
Mit zusammengekniffenen Augen lugte der verstörte, eben noch tief schlafende Alexander unter der Bettdecke hervor.
Was zum Donnerwetter.....
Er kam nicht dazu, seine Gedanken zu Ende zu formulieren, da stand Andreas schon mit der ausgebreiteten Zeitung unmittelbar vor seinem Bett.
Er erkannte sich sofort auf dem Foto. Schlagartig richtete er sich auf, riss die Zeitung an sich, und schaute fassungslos auf das Bild, welches ihn unverkennbar darstellte.
„Was ist denn das? Wer...“
Weitere aufgeregte Bewohner des Hauses kamen ins Zimmer gestürzt. Ein aufgeregtes Durcheinander folgt, während alle Augen auf Alexander hafteten.
Es musste ein Albtraum sein, alles drehte sich plötzlich um ihn herum, immer schneller, ihm wurde schwindelig, dann folgte die völlige Dunkelheit...
Alexander erwachte barsch, als ein fremder Mann ihm Riechsalz unter die Nase hielt, und seinen Puls fühlte.
Es dauerte eine Weile, bis er seine Orientierung wiederfand. Er lag in seinem Zimmer auf dem Bett, alleine mit dem Arzt, der ihn sorgsam musterte und Fragen stellte, die er nur kurz und knapp beantwortete. Draußen auf dem Gang hörte er aufgebrachtes Stimmengemurmel. Nachdem er wieder voll da war, erfuhr er von seinem Zusammenbruch. Dann begann sein Herz wieder heftiger zu schlagen, als er an das Foto in der Zeitung dachte, welches er kurz vor seiner Ohnmacht erblickte.
Uwe Holt klopfte leise an die Tür, der Arzt ließ ihn herein.
„Kann ich alleine mit ihm reden?“
Der Arzt packte seine Sachen zurück in die Tasche, während er sagte:
„Ja, er ist wieder bei vollem Bewusstsein. Gehen sie aber schonend mit ihm um!“
Er erhob sich vom Bett, und ging hinaus. Holt nahm sich den Stuhl, und setzte sich.
„Geht es dir wieder etwas besser?“
So besorgt und milde kannte er den bekannten und erfolgreichen Produzenten, ehemaligen Sänger und Chef der Show noch nicht. Verwundert darüber nickte er leicht.
„Kann ich dir ein paar Fragen stellen, oder brauchst du noch etwas Zeit für dich? Sage es mir ruhig, dann ist das auch OK, und wir verschieben das!“
„Nein, das geht schon! Fragen sie nur!“
15
Der ganze Ort war an diesem Morgen in Auffuhr. Jeder sprach nur über dieses einzige Thema, es war in aller Munde.
Frau Tessin saß alleine in der Küche am Tisch, und faltete gedankenverloren die Zeitung wieder zusammen. Besorgt und mit starrem Blick schaute sie ins Leere.
Es geht los! Gott schütze Alex! Ich habe es gewusst, und ich konnte es nicht verhindern! Der arme Junge, was wird nun aus ihm?
„Nein, ich habe sie noch nicht gelesen! Warum?“
Laura Strohm verzog ihre Mine, als sie hörte, was ihr die Stimme am anderen Ende der Telefonleitung berichtete.
„Wie bitte, Jürgen? Das glaube ich nicht! Warte, bleib dran, ich hole eben die Zeitung von draußen!“
Sie legte hastig den Hörer beiseite, und eilte zur Haustür. Noch auf dem Weg zurück zum Telefonapparat blätterte sie wild in der Zeitung. Sie musste nicht lange suchen, als sie fassungslos den Hörer wieder in die Hand nahm.
„Das ist... das ist...“
Stotternd und ungläubig brachte sie keinen vernünftigen und zusammenhängenden Satz hervor. Immer wieder betrachtete sie das Foto, auf dem ihr Sohn in einem desaströsen Zustand abgebildet war.
„Jürgen, ich muss sofort nach Berlin! Mein Sohn braucht mich jetzt! Ich hole ich ihn da auch sofort raus, und bringe ihn mit nach Hause!“
„Warte Laura, ich muss hier eben was mit meinem Chef abklären!“
Eine Minute später war er wieder am Telefon.
„Ich komme jetzt sofort zu dir, ich bin in einer halben Stunde da! Warte auf mich, wir fahren dort zusammen hin!“
Jaqueline und Lukas saßen nebeneinander auf dem Bett in seinem Zimmer.
„Ist ja echt widerlich, pinkelt sich im Suff mit einem Joint in der Hand in die eigene Hose! Was soll man dazu sagen?“
Er grinste, während er über Alex herfiel.
Sie war sichtlich irritiert, dachte nach. Sie rechnete selber nie damit, aber jetzt tat ihr Alexander leid. Was er auch mit ihr angerichtet haben mag, aber so etwas hat kein Mensch verdient, dachte sie im Stillen.
So wie sie ihn kennengelernt hatte, passte das alles irgendwie nicht zusammen. Sie wurde skeptisch über ihr eigenes Verhalten, welches sie ihm gegenüber zu Tage legte, seitdem sie hier in Berlin waren.
„Das geschieht dem Trottel ganz recht, das wird ihn zerschmettern! Oder was meinst du, Jacky?“
Aufgewacht aus ihrem kurzen Gedankenschlaf schaute sie ihm strafend ins Gesicht, und erhob sich säuerlich vom Bett.
„Es ist egal, was in der blöden Zeitung geschrieben steht, aber das hat er nicht verdient! Auch nicht, das du ihm die Gitarre kaputt machtest, kurz vor seinem Auftritt!“
Jetzt verstand Lukas die Welt nicht mehr.
„Wie bitte? Hey, aber du warst doch vollkommen einverstanden mit der Aktion. Was ist denn jetzt auf einmal mit dir los?“
Sie warf ihm noch einen verächtlichen Blick zu, dann verließ sie das Zimmer, die Tür fiel hinter ihr laut knallend ins Schloss.
Aus dem Büro neben dem Foyer hörte man seine fast brüllende, wütende Stimme. Er telefonierte unüberhörbar.
„Das ist eine riesige Sauerei, das werde ich nicht weiter billigen! Sie riskieren den Ausfall eines meiner Kandidaten, wenn in ihrem Schundblatt plötzlich solche sehr fragwürdigen Artikel erscheinen!“
Einen kurzen Moment Ruhe, aber dann wieder:
„Zum Donnerwetter, nein! Wenn sie sich weiterhin Querstellen, dann bekommen sie überhaupt keine Interviews mehr von den Kandidaten, und ihr Räuberblatt-Personal hat keinen weiteren Zutritt ins Show-Haus! Sind wir uns da einig?“
Kurze Pause.
„Ja ja, reden sie nur mit meinem Chef, das wird aber nichts daran ändern, das verspreche ich ihnen jetzt schon bar auf die Hand! Entweder wir arbeiten zusammen, oder überhaupt nicht! Basta!“
Holt wusste um seinen Einfluss, er war ein sehr ernst zu nehmender Gegner für seine Opponenten, denn seine Popularität und seine Beliebtheit im ganzen Land waren sehr weitreichend. Und das verlieh ihm die Macht, in diesem Ton mit einem Chefredakteur der bekanntesten und umsatzstärksten Zeitung im Lande sprechen zu können.
Innerlich kochend verließ er das Büro, als er das Paar bemerkte, welches unsicher und vom riesigen und pompösen Raum scheinbar beeindruckt im Foyer nahe der Eingangstür stand.
Holt steuerte, immer noch aufgewühlt, auf die beiden zu.
„Guten Tag! Haben sie sich verirrt? Wer hat sie hier reingelassen?
Die Frau hielt verunsichert und eingeschüchtert ihre Handtasche vor den Bauch, als der Mann bereits antwortete::
„Guten Tag. Wir sind die Eltern von Alexander Strohm. Wir möchten gerne zu ihm!“
Sofort sänftigte sich Uwe Holts aufgebrachte Stimmung.
„Ich verstehe! Bitte kommen Sie doch herein! Wir sollten miteinander reden!“
Er bat beide in sein komfortables Büro, schob zwei Stühle zusammen, und setzte sich auf die andere Seite des großen Tisches in seinen Sessel.
Kaum saßen sie, begann Jürgen Strohm sofort:
„Wir machen uns große Sorgen um unseren Sohn! Wir wollen ihn abholen, und mit nach Hause nehmen!“
Eine Stunde später klopfte es leise an Alexanders Zimmertür, der nachdenklich mit der aufgeschlagenen Zeitung auf seinem Bauch vor sich hindöste.
„Ja bitte?“
Als er zuerst seine Mutter erkannte, sprang er sofort auf, und lief ihr entgegen.
„Mama! Was machst du denn hier?“
Seine anfängliche Freude verwandelt sich plötzlich in vorsichtige Skepsis, als er seinen Vater und Uwe Holt erkannte, die noch hinter ihr im Gang standen.
„Was...?“
„Dürfen wir hereinkommen, mein Junge?“
Immer noch verunsichert und fragend schaute er zu seinem Vater, dann wieder zur Mutter.
„Wir möchten mit dir reden und wir haben dir auch einiges zu erklären!“
Holt verabschiedete sich höflich.
„Wenn Sie soweit sind, ich erwarte Sie später wieder in meinem Büro!“, sagte er freundlich, und schloss die Tür hinter sich.
Lukas versuchte vergebens, sich auf seinen Titel zu konzentrieren, den er in zwei Tagen vortragen wird. Zu sehr war er abgelenkt vom seltsamen Verhalten Jaquelines. Er versuchte, es zu verstehen, aber es gelang ihm nicht. Es bestand bei ihm dringender Klärungsbedarf, deswegen machte er sich sogleich auf den Weg, um sie zu suchen. Er entdeckte sie schließlich unten in der hinteren Ecke des großen Gruppenraumes.
Sie verzog genervt ihr Gesicht, als sie ihn kommen sah.
„Hey Jacky, lasse uns noch mal über die ganze Sache reden, ok? Ich verstehe dich einfach nicht! Erklärst du es mir bitte?“
Er legte seine Hand auf ihren Schenkel, doch sie zog sofort ihr Bein weg.
„Lass´ mich einfach in Ruhe, ja?“, sagte sie mit verschränkten Armen dasitzend.
Verunsichert nahm sein Körper augenblicklich ein paar Zentimeter Abstand von ihr, ein heftiger Magendruck machte sich ihm unangenehm bemerkbar.
Er liebte sie, dieses wunderschöne Mädchen mit der engelhaften Stimme. Durch ihre plötzliche Ablehnung geriet sein bis dahin augenscheinlich festes Selbstbewusstsein ins Wanken.
Mit zögerlicher, leiser Stimme fragte er schließlich:
„Und was wird mit uns beiden? Ich meine, du liebst mich doch noch, oder?“
Jaqueline ärgerte sich in diesem Augenblick wahnsinnig darüber, das sie solche Dinge je erwähnt hatte in ihrer fesselnden Beklommenheit gegenüber Alexander.
Selbst während sie und Lukas miteinander schliefen, waren ihre Gedanken nur bei Alex, den sie genauso sehr hasste, wie sie ihn liebte.
„Es ist aus, Lukas! Es tut mir leid, aber ich kann nicht mehr! Ich mache Schluss!“
Sie erhob sich augenblicklich, und verließ mit eiligen Schritten den Raum, ohne eine weitere Erklärung abzugeben.
Ein unsichtbarer Strick zog sich fest um seinen Hals zusammen.
Vergebens rang er nach Worten, die er ihr noch hinterher rufen wollte. Lukas fühlte sich plötzlich sehr einsam und alleine gelassen. Ihm wurde unerwartet schlecht, das Mittagessen versuchte sich seinen Weg durch die Speiseröhre nach oben in den Rachen zu bahnen, gepackt von einer unglaublichen Enttäuschung.
Unfähig, klare Gedanken zu fassen, zwängte sich die erste, kleine Träne aus seinem Auge. Dieses schmerzliche Gefühl in ihm verband sich mit dem der schieren Angst vor seinem Auftritt.
Der zentnerschwere, auf ihm lastende Druck wurde zunehmend unerträglicher, und entlud sich schließlich zu einem lauten Schluchzen.
Wie würde er mit seinen niederdrückenden Empfindungen, mit dieser plötzlichen Einsamkeit und mit dem verkrampften, schmerzhaften Bauchgefühl fertig werden können, auf einer großen Bühne vor Millionen von Zuschauern?
Alleine die Vorstellung daran verursachte den unhaltbaren Würgereiz in seinem Hals. Nicht mehr fähig, an sich zu halten, übergab er sich auf der großen Sitzgruppe.
„Das freut mich zu hören, Herr Strohm! Ich wünsche Ihnen beiden eine angenehme Rückfahrt!“
Holt verabschiedete sich freundlich von dem netten Pärchen, und schloss hinter ihnen die schwere Eingangstür.
Dann zögerte er keinen Moment, und ging die Treppe hinauf zu Alexanders Zimmer.
„Na mein Lieber? Du hast ja wirklich nette Eltern!“
Freundlich und erleichtert stand er in der Tür.
„Darf ich mich zu dir setzen?“
Ja natürlich, kommen Sie doch herein!“
Willst du es mir erzählen, wie es zu diesem Foto kam?“
Einige neugierige Augen beobachteten fast neidisch dieses Szenario. Es wurde wieder wild spekuliert, viele Fragen fanden schnell ihre Antworten, um wenige Momente später doch wieder in Frage gestellt zu werden.
Was ist mit Alex? Wie geht es jetzt weiter?
Es wurde laut gedacht, und diskutiert.
Jedem wurde seit diesem Morgen unvermutet deutlich, welcher scheinbar gnadenlosen, unbarmherzigen Macht sie ausgeliefert waren.
Einige meinten sogar, solange sie ein Teil dieser Show waren, seien sie eigentlich nur ein klitzekleines Rädchen im Getriebe einer bis ins kleinste Detail durchdachten Veranstaltung. Es wurde gemurmelt, das sie ohne Schwierigkeiten ersetzbar oder austauschbar waren. Die augenscheinlichen Protagonisten waren nichts weiter, als unbedeutsame Nebendarsteller.
Angst und Unbehagen verbreitete sich unter ihnen.
Individuelle Bedürfnisse würden keine nennenswerte Rolle mehr spielen, sagte ein anderer.
Verlierer wurden zu Versagern, verstoßen aus diesem System, vielleicht sogar draußen in der Gesellschaft. Keiner wusste es genau, aber die ersten fragwürdigen Zweifel waren unter den Kandidaten geboren.
Resignierende Stimmung verbreitete sich bei diesen selbstgemachten, bitteren Erkenntnissen.
Bernd kochte vor Wut, als er vor dem Haus von Thorstens Eltern stand. Er verzichtete darauf, den Knopf der Türklingel zu drücken. Er klopfte laut an die Haustür.
Seine Mutter öffnete sie, als Bernd ohne zu zögern und mit fester Stimme nach Thorsten fragte.
„Er ist oben auf seinem Zimmer. Komm doch rein!“
Das ließ er sich nicht zweimal sagen, trat seine Schuhe auf der Matte ab, und ging eilig die Treppe empor.
Er klopfte an der Tür und einen Moment später stand er schon im Raum.
Thorsten lag faul auf seinem Bett, und hielt seinen eben abgenommenen Kopfhörer in den Händen.
„Moin Bernd, was führt dich denn hierher? Setzte dich!“
Bernd verzichtete auf Floskeln, und kam gleich zur Sache:
„Das war doch auf deiner blöden Party, richtig?“
Thorsten kniff die Augen etwas zusammen, sein rechter Mundwinkel hob sich fragend, als wenn er nicht wüsste, worum es ging.
„Wieso? Was meinst du?“
„Stell dich nicht dümmer an, als du ohnehin schon bist! Du hast das Foto von Alex gemacht, oder?“
Seine Stimme wurde lauter und seine Hände ballten sich unmerklich zu Fäusten zusammen.
Thorsten richtete sich auf.
„Ja klar, das habe ich. Ist doch gut gelungen, findest du nicht?“
„Und du Arschloch hast es dann den Presseheinis gegeben, oder?“
Thorsten wurde plötzlich kleinlaut, als er Bernd in seinem aggressiven Zustand sah.
„Hey Alter, entspann dich, das war ein Witz mit Alex an diesem Abend. Er hat doch selber schuld, so besoffen, wie der war!?“
Bernd war sich sicher, das er spätestens jetzt Thorsten gepackt hätte. Aber die Anwesendheit der Mutter im Haus hielt ihn zurück.
Alex hatte ihm damals von dieser Party erzählt und das er sich ab einem gewissen Zeitpunkt an nichts mehr erinnern konnte.
Er wusste noch nicht einmal, wie er nach Hause kam.
Alexander erinnerte sich nur noch an den Beginn des Wetttrinkens mit Thorsten und seinen Freunden.
„Los, sage mir, was da passiert ist! Ich will alles hören!“, sagte Bernd mit nicht zu übersehenden Nachdruck.
Widerwillig begann Thorsten, nun etwas leiser, den wahren Ablauf zu erzählen.
„Mein Kumpel Ralf forderte Alex zum Saufduell auf, du weißt schon, wie in dem bekannten Film, wo dreißig gefüllte Schnapsgläser in einer Reihe auf den Tresen aufgereiht wurden. Er wollte zuerst nicht, aber wir feuerten ihn an und Ralf provozierte auch etwas, irgendetwas in Bezug auf Christin. Halt so´n blöder Spruch, verstehste?“
Langsam dämmerte es Bernd.
„Na ja, Alex wollte das anscheinend nicht so stehen lassen, er ging darauf ein!“
Bernd ahnte bereits, wie es weitergehen würde, aber er wollte es von Thorsten wissen.
„Und weiter?“
Als er Bernds immer aggressiver werdende Körperhaltung bemerkte, wurde er sich augenblicklich darüber bewusst, das er nicht länger damit zögern sollte, schnell weiter zu erzählen.
„Wir nahmen braunen Tequilla, der hat ja ganz schön viele Prozente! Jedenfalls, ich nahm Alex zur Seite, um ihn abzulenken. Währenddessen füllten meine Kumpels die Gläser mit dem Zeugs, allerdings nur die eine Hälfte! Die anderen wurden mit Apfelsaft aufgefüllt. Du weißt ja, das der sich kaum von der Farbe des Tequilla unterscheidet.“
Bernd wurde immer ungeduldiger.
„Ralf stellte sich sofort an das Ende mit dem Apfelsaft. Dann ging´s auch schon los! Ich glaube, bereits nach dem zehnten Glas konnte Alex sich nicht mehr auf den Beinen halten, er sackte zusammen, wie ein nasser Sack!“
Als er die Augen von Bernd sah, korrigierte er sich schnellstens:
„Also, er konnte sich abrupt nicht mehr auf den Beinen halten, einer von den Jungs stand hinter ihm, und fing ihn auf! Es ist also nichts Schlimmes passiert!“
Schweigende Stille im Raum, dann fuhr es fast reumütig in geständigem Ton fort:
„Wir legten ihn dann auf mein Bett, einer kam auf die Idee, Fotos von Alexander zu machen!“
Bernd konnte sich kaum noch im Zaume halten. Thorsten bekam plötzlich gehörigen Respekt, ging langsam einen Schritt zurück, und senkte den Kopf, während er weitererzählte:
„Irgendjemand bekam dann die Idee, eine Zigarette zu drehen, die so wie ein Joint aussah, um sie ihm dann zwischen seine Finger zu stecken. Ralf nahm sein Bier, und schüttete ein paar Schluck auf die Hose von Alex. Das sollte so aussehen, als habe er in die Hose gepinkelt. Dann haben wir noch etwas seinen Kopf zur Seite gelegt, den Mund weit geöffnet und schließlich die Fotos gemacht! Das war alles!“
Jetzt konnte Bernd nicht mehr an sich halten, und fing an zu brüllen:
„Das war alles, du Schwachkopf? Sag mal, bist du eigentlich völlig bescheuert?“
Er ging auf Thorsten zu, packte ihn am Hemd, um ihm wütend seine rechte Faust ins Gesicht zu schlagen, doch im allerletzten Moment hielt er inne, und ließ von ihm ab.
„Das bringst du in Ordnung, sofort!“
Thorsten wusste, das mit Bernd nicht zu spaßen war, wenn der erst einmal richtig sauer war. Er sah Bernd schon öfter bei einer Prügeleien, auf Schützenfesten und anderen Feiern.
Vollkommen eingeschüchtert begann er fast weinerlich.
„In Ordnung bringen? Ja aber wie denn?“
Noch am selben Nachmittag wartete Thorsten am Bahnsteig auf den Zug Richtung Berlin, wo sich die Hauptredaktion der Zeitung befand, deren Reporter er sein Interview gab.
„Ja, meine Mutter wollte, das ich wieder mit nach Hause komme! Aber ich erklärte ihr, das ich nicht aufgeben will!“
Holt hörte schweigend zu. Er war stolz auf diesen Jungen mit der großartigen Stimme.
„Das war gut so, glaube mir! Ich weiß, das du es weit bringen kannst, hier im Wettbewerb!“
Holt zwinkerte lächelnd mit einem Auge, als er aufstand, und zur Tür ging.
„Und das mit dem Zeitungsartikel wird bald vergessen sein, da bin ich ganz sicher! In diesem Geschäft muss man viel Stärke und Persönlichkeit besitzen und du...“
Er öffnete die Tür, ging einen Schritt auf den Flur, und drehte sich noch mal zu Alex um.
„... besitzt beides! Bis später!“
Dann schloss er die Tür hinter sich.
Alexander war jetzt sichtlich erleichtert, doch diese Schweinerei auf Thorstens Feier ging ihm nicht aus dem Kopf. Wie würden am Samstag die vielen Zuschauer im Saal und an den Fernsehern auf ihn reagieren, nach diesem brutalen Bericht in der Zeitung?
Trotz seiner Angst war er davon überzeugt, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.
Jetzt erst recht!
Uwe Holt lehnte zufrieden, dennoch nachdenklich in seinem Bürosessel.
Oft entscheiden sich erst in außergewöhnlichen Situationen im Leben eines Menschen die Stärken und Schwächen seiner Persönlichkeit. Alex gehörte zu der Gruppe, die ihre besten Leistungen besonders unter starkem, äußerlichen Druck abrufen können. Ein leichtes Lächeln begleitete seine Gedanken. Er war wirklich stolz auf seinen Schützling, denn er bemerkte immer mehr Gemeinsamkeiten zwischen ihnen beiden. Er war damals als junger Mann sehr ähnlich.
16
Jeder versuchte, seine Nervosität auf seine Art zu verarbeiten, als sie an diesem Samstagabend wieder versammelt in dem gemütlich eingerichteten Warteraum neben der Bühne warteten.
„Nancy sieht heute wieder echt Klasse aus, was Jungs?“
Keiner reagierte auf die Frage von Andreas, der sogleich wieder in seine Gedanken verfiel.
Alexander saß mit geschlossenen Augen wieder neben der Tür, er würde heute als dritter rausmüssen.
Immer wieder erschien das peinliche Zeitungsbild vor seinem inneren Auge, wie würden die Leute reagieren? Er hatte auch die letzten beiden Tage kein Fernsehen geschaut, wo häufig über die Show mit seinen Wettstreitern berichtet wurde.
Jaqueline schaute immer wieder zu Alex hinüber. Es tat ihr auf einmal alles schrecklich leid, besonders ihre Machenschaft mit Lukas gemeinsam, als sie seine Gitarre unbrauchbar machten.
Es stimmte schon, Lukas hatte zwar die Saiten durchtrennt, aber es war ihre Idee.
Wie würde er jetzt nach dem Medienrummel wegen diesem Artikel draußen auf der Bühne umgehen? Sie hatte gestern einige Berichte über die Stimmungen der Menschen über Alexander Strohm im Fernsehen gesehen, und die waren nicht unbedingt sehr vielversprechend für ihn.
Mit düsterem Gesicht schaute sie zu Lukas rüber, der mit geschlossenen Augen über seinen Song sinnierte.
Du Blödmann, hoffentlich fliegst du heute raus!
Alexander spürte immer intensiver dieses schwere Hämmern im Bauch. Er war als nächstes an der Reihe, jeden Moment würde der Mitarbeiter im Raum erscheinen, um ihn zu holen.
Dann plötzlich war es soweit, die Tür wurde weit aufgerissen, Alexander erhob sich, und ging langsam Richtung Bühnentür.
Er atmete dreimal tief ein, sein Name wurde vom Moderator laut aufgerufen, da hörte Alexander schon die ersten, lauten Pfiffe vom Publikum.
Er hatte keine Zeit mehr, sich großartige Gedanken zu machen, denn die große Tür öffnete sich schon.
Gleißendes Licht blendete ihn, als schon die Band mit dem Vorspiel des Songs begann.
Die Pfiffe wurden immer lauter, Alexander ging langsam hinaus auf die Bühne, seine Beine waren aus Gummi.
Unter der Fan-Gruppe von Alex, direkt vorne an der Bühne in ihren roten T-Shirts, schloss Frau Tessin ihre Augen. Sie wollte es nicht mit Ansehen, wie Alex unter diesem Pfeifkonzert zusammenbricht.
Um Gotteswillen! Er wird den Löwen zum Fraße vorgeworfen.
Die Musik stoppte, das Zeichen für den Gesangseinsatz.
Er traf den ersten, wuchtigen Ton sofort, der viel Kraft und Luft benötigte. Alex hatte seine Augen geschlossen, seine Konzentration war ihm deutlich anzumerken. Er verbannte die Pfiffe aus seinem Kopf, er nahm sie gar nicht mehr wahr.
Dann setzte die Band wieder ein, ein rundes Klangbild gestaltet sich gemeinsam mit dem Gesang.
Die Pfiffe verebbten langsam. Alex, traf die Töne mit jedem erforderlichen Stimmenvolumen perfekt, auch seine Kopfstimme der höheren Stimmlage im Refrain war sicher und kraftvoll.
Frau Tessin öffnete, verwundert und unglaublich erleichtert, ihre Augen. Ihre Sorgen schlugen augenblicklich in frenetische Begeisterung um.
Der Schlussakkord war nur noch reine Formsache.
Alexander verbeugte sich, er hörte keinen Pfiff mehr, die Leute aus seinem Dorf und der gesamte Saal johlten und jubelten.
Er ging schließlich drei Schritte auf die Jury zu, um deren Meinungen entgegenzunehmen.
Uwe Holt begann dieses Mal zuerst, mit kräftiger Stimme zum Publikum gewand:
„Ich verstehe ehrlich gesagt nicht, was diese Pfeiferei von einigen vielen Leuten hier sollte!? Mensch, ihr könnt euch doch alle denken, das so ein Mist nicht nur unfair ist, sondern auch die Sänger völlig irritiert! Ich möchte euch Pfeifen mal hier auf der Bühne sehen, dann wisst ihr, wie das ist! Denkt mal alle drüber nach!“
Plötzlich wurde es ganz still. Holt war eine respektierte Persönlichkeit, der immer seine ehrliche Meinung sagte, egal, wer vor ihm stand.
„Nun zu dir, Alexander! Ich bin ehrlich überrascht, wie du den Abend gemeistert hast, nach den heutigen, wahnsinnig erschwerenden Umständen hier vom Publikum! Titelauswahl richtig, Gesang sehr gut und deine Performance akzeptabel! Ich müsste mich arg täuschen, wenn du heute nicht weiter kommst!“
Ein begeisterter Applaus und Bravorufe vom Publikum für diese Wertung. So schnell konnte eine Stimmung umschlagen.
Die anderen beiden Juroren gaben ebensolche positiven Urteile ab. Alexander bedankte sich mit einer leichten Verbeugung, dann verließ er die Bühne.
Als er wieder im Kandidatenraum erschien, begrüßten ihn seine Mitbewerber mit einem Klatschen. Sie hatten die Pfiffe, seinen Auftritt und die Bewertungen der Jury akustisch mitbekommen.
Unerwartet empfing Alexander Bewunderung aus den eigenen Reihen.
Dann wurde schon Lukas rausgerufen, der in seiner Aufgeregtheit keinen weiteren, neidischen Gedanken an Alex verschwenden konnte. Dafür hätte er später noch Zeit genug.
Nachts im Show-Haus herrschte, wie immer nach einem Konzert, wieder feierliche, aber auch bedrückte Stimmung.
Sarah, die Zimmernachbarin von Jaqueline, hatte es an diesem Abend nicht geschafft, sie würde morgen früh die Villa verlassen.
Sie weinte unten auf der großen Couch, und wurde von allen getröstet und aufzumuntern versucht.
Keiner würde mit ihr tauschen wollen, und doch wusste jeder, das er der nächste sein könnte, der seine Koffer packen musste. Diese Angst war allgegenwärtig.
Möller füllte gerade zum vierten Mal an diesem Morgen seine Kaffeetasse, als ihm in der Gegensprechanlage die Stimme seiner Sekretärin ins Ohr dringt:
„Herr Holt ist jetzt da!“
Er stellte die Kanne zur Seite, und drückte auf den Knopf:
„Ja, er möchte bitte hereinkommen!“
Einen Moment später stand Uwe Holt in einer modischen Kombination aus einem sportlichen, blauen Blaiser mit hochgeschlagenem Kragen und einer weißen Hose in der Tür.
„Moin, Johannes! Wie ich sehe, genießt du gerade deinen Kaffee. Wohl bekommt es!“
Die beiden duzten sich, sie kennen sich schon einige Jahre.
„Guten Morgen, mein Lieber! Setz dich! Möchtest du auch ein Tässchen Kaffee?“
Ohne seine Antwort abzuwarten, drückte er wieder den Knopf der Gegensprechanlage:
„Frau Küster, bringen Sie uns bitte noch ein Kaffeegeschirr, ja?“
Holt setzte sich auf den Sessel, und schlug die Beine übereinander.
Nach einigen Minuten des üblichen Geplaudere kam Uwe Holt zur Sache:
„Worum geht’s denn, Hannes?“
Der Chef des Fernsehsenders ließ nicht lange auf seine Antwort warten:
„Wie du weißt, sind unsere Einschaltquoten beschissen, um es mal ganz milde auszudrücken! Immer mehr Castingshows erobern den Markt! Jetzt gibt es schon eine Tanzshow, eine Multitalentshow, eine Show für Laufstegmodels, oder für fette Übergewichtige... um nur einige aufzuzählen!“
Holt ahnte schon, was er damit anzudeuten versuchte.
„Ja, ich weiß! Aber was will man machen? Wir haben ja schon einiges versucht, indem wir zum Beispiel bekannte Künstler einluden oder wir haben das letzte Recall auf Hawaii abgehalten!“
Er rührte in seinem Kaffee, als er schließlich fortfuhr:
„Das war sicherlich alles nicht billig, aber es hatte sich doch gelohnt, oder etwa nicht?“
Möller kniff seine Augen zusammen, als er an die Preise und Kosten dachte, die trotzdem nicht sonderlich dazu beitrugen, mehr Quote zu machen.
„Alles Pille-Palle, Uwe! Die Lage ist ernster, als du dir das vielleicht im Moment vorstellen kannst! Mit anderen Worten... wir müssen uns ernsthafte Sorgen machen! Unsere Geldgeber melden deutliche Zweifel an!“
Dieser letzte Satz schwebte wie ein Damoklesschwert über dem Kopf von Holt. Er war sich bis jetzt nicht bewusst über die Dringlichkeit, und wie schlecht es um seine Show wirklich stand. Über die sinkende Quote wurde zwar schon in der letzten Staffel diskutiert, aber man war sich sicher, diese Situation wieder in den Griff zu bekommen.
„Ok Hannes, nun mal frei heraus damit! Was meinst du genau?“
Möller schob die Tasse zur Seite, um sich auf dem Schreibtisch ausbreiten zu können.
„Gut! Mit anderen Worten, Uwe... entweder, wir lassen uns etwas einfallen, damit die Quoten wieder rauf gehen, oder es wird dieses Jahr die letzte Show sein! So leid es mir auch tut!“
Dieser Ausspruch traf Holt wie ein Donnerschlag. Nur das Ticken der großen Wanduhr und das Summen der Fliege, die vergeblich versuchte, einen rettenden Ausgang am Fenster zu finden, waren zu hören. Beide Männer schauten sich tief in die Augen, während alleine die Energien ihrer angestrengten Gedanken wohl ausgereicht hätten, um die Schreibtischplatte zum vibrieren zu bringen.
„Du meinst, meine Show einfach absetzen? Ne Hannes, das glaube ich jetzt nicht! Ich habe sie aufgebaut, und euch damit jede Menge Talerchen in eure Geldbeutel fließen lassen! Das kann doch nicht euer Ernst sein?“
Möller räusperte sich etwas verlegen, als er die nun lauter gewordene Stimme seines alten Freundes vernahm.
Er verharrte weiter in seiner breitschultrigen Haltung auf dem Tisch, als er mit milderer Stimme antwortete:
„Doch Uwe, es ist leider so. Mir sind da leider die Hände gebunden. Ich bin zwar hier der Vorstandsvorsitzende, aber der möchte ich auch gerne weiterhin bleiben! Nichtsdestotrotz, ich habe da eine Idee...!“
Möller wechselte öfter seine Sitzposition, als er ohne Pause erzählte. Holt unterbrach ihn nicht, jedoch schüttelte er manches mal ungläubig seinen Kopf.
Nachdem Möller in seinem etwa zehnminütigen Monolog endete, lehnte er sich in seinen breiten Bürosessel zurück, jetzt mit verschränkten Armen.
Uwe Holt musste sich erstmal sammeln, um das eben Vorgetragene auf sich wirken zu lassen. Seine Augen verloren sich in der Weite des Raumes. Er dachte angestrengt nach, während die Fliege in ihrem Todeskampf mittlerweile kraftlos auf dem Fensterbrett surrte und zuckte.
Möller stand auf, und gab ihr mit einem dünnen Heft den Rest. Dann saß er schon wieder, schweigend und abwartend. Plötzlich:
„Nein, ausgeschlossen! Da mache ich nicht mit!“
Möller hatte mit dieser Antwort gerechnet, dazu kannte er ihn nur zu gut.
„Uwe, überlege doch mal! Anders ist das nicht mehr zu managen! Glaube es mir!“
Plötzlich stand Holt auf, um mit auf dem Rücken verschränkten Armen im Raum auf und ab zu laufen. Er dachte angestrengt nach und Möller ließ ihn gewähren.
Nach einer ganzen Weile kehrte er schließlich zu seinem Sessel zurück. Sein sonst so sicherer Blick verwandelte sich zur Trostlosigkeit, der Ausdruck eines Gepeinigten stand ihm im Gesicht geschrieben. Seine Stimme erklang jetzt regelrecht ermattet und erschöpft.
„Keine andere Möglichkeit?“
Möller schüttelte verneinend nur leicht seinen Kopf.
Holt erhob sich bedächtig, reichte Möller die Hand, und verließ wortlos den Raum.
Der Vorsitzende schaute ihm scheinbar mitfühlend hinterher, als die Tür wieder geschlossen war, griff er sogleich zum Telefon, tippte eine Nummer, und lehnte sich, jetzt deutlich entspannter, in seinen Sessel zurück.
17
In diesem riesigen Verlagshaus musste Thorsten einige Male nach dem Büro fragen, welches er suchte. Schließlich fand er es auch, in der neunten Etage. Er schaute noch einmal auf die Visitenkarte, die einer der Reporter ihm nach dem Interview gab, und verglich den Namen mit dem, der in kleinen Lettern auf einem Schild neben der Tür hinter einer kleinen Plexiglasscheibe angebracht war. Endlich war er am Ziel.
Er holte noch einmal tief Luft, während er zugleich versuchte, seine Nervosität unter Kontrolle zu bringen. Dann klopfte er zaghaft an die Tür.
Heute abend und morgen den ganzen Tag hatte sie alle frei. Kein Coaching, keine Probe, kein sportliches Ausdauertraining, und vor allen Dingen... ausschlafen!
Es herrschte freudige Stimmung unter den Kandidaten, Pläne für den nächsten Tag wurden geschmiedet.
Es war das erst Mal, das sie frei bekamen. Kommendes Wochenende würden sie alle sogar nach Hause fahren dürfen, von Freitag bis Sonntag. Die Show würde ausfallen, weil ein Fußball-Länderspiel der Deutschen Nationalmannschaft anstand. Der Einschaltquoten wegen einigten sich die Verantwortlichen des Senders darauf, ein Wochenende mit der Show zu pausieren. Außerdem stellte das eine Motivation für die jungen Wettbewerber dar, was sich auf ihre Leistungen positiv auswirken würde. Davon war man allgemein überzeugt.
Alex lümmelte lesend im großen Aufenthaltsraum der Villa auf der riesigen Couch. Er las eigentlich nicht wirklich, stellte er nach zwei Kapiteln erstaunt fest, denn nichts von der Handlung in dem Buch blieb in seinem Kopf haften. Er überflog nur oberflächlich die Zeilen, während er an morgen mittag dachte.
Er würde sie vom Bahnhof abholen, das hatte er sich schon vorher überlegt. Seine dunkle Sonnenbrille und die schwarze Schirmmütze würde ihm hoffentlich die erwünschte Anonymität garantieren, denn er wollte, von den Fans unbehelligt, jede einzelne Sekunde alleine, nur mit Christin verbringen.
Er war sehr aufgeregt, in freudiger Erwartung an sie gelang ihm kein vernünftiger Gedanke für andere Dinge.
Sein leerer, nachdenklicher Blick auf das Parkett des Raumes, mit seinem leichten Lächeln auf den Lippen, verriet seinen Zustand, wenn man genauer hinsah.
Die anderen waren zu sehr mit sich und ihren Plänen beschäftigt, außer Jaqueline. Sie beobachtete Alexander heimlich schon länger vom anderen Ende der Couch aus. Sie überlegte lange, doch dann erhob sie sich, und setzte sich, zuerst zögerlich, neben ihn.
Alex fand schnell in die Wirklichkeit zurück, und war wie versteinert, als er sie bemerkte.
Das blieb auch den Augen von Lukas nicht verborgen, der in schmerzvoller Sehnsucht, und kaum zu bändigen Neugier dieses Szenario beobachtete. Seine Emotionen zerrten hin und her zwischen seiner Liebe zu Jaqueline und dem Hass auf Alexander.
Ein tiefgreifender, übermächtiger Sog drohte ihn in seine inneren Abgründe hinabzuzerren.
Liebe und Wut lagen nahe beieinander, nur seiner naturell geprägten Besonnenheit ließ ihn eine unüberlegten, spontanen Reaktion vermeiden.
„Hi Alex! Was liest du denn da Schönes?“
„Ach, nichts Besonderes. Ein Krimi!“
In ihrer Aufgeregtheit vermied sie einen Augenkontakt mit ihm. Sie schaute unentwegt auf das zugeklappte Buch in seinen Händen, auch als sie fortfuhr:
„Du Alex, ich ...mir....“
Sie stammelte hilflos herum, während sie angestrengt nach den richtigen Worten suchte.
Alex wartete geduldig und schweigend. Sie versuchte es nach einer kurzen Pause noch mal:
„Ich wollte nur sagen, das es mir sehr leid tut mit der Geschichte aus der Zeitung!“
Er legte das Buch zur Seite, während er leicht mit seinen Schultern zuckte.
„Ach, schon vergessen! Was passiert ist, ist passiert! Aber ich kann dir versprechen, das Foto ist gelogen! Ich habe noch niemals Haschisch geraucht und in die Hose habe ich mir auch nicht gemacht!“
Jetzt hoben sich ihre Augen, die sich in seinem Blick zu verirren drohten. Unsicher geworden rieben sich ihre Daumen heftig gegeneinander.
„Das hätte ich auch nie geglaubt! Da haben sich deine Freunde wohl einen üblen Scherz mit dir erlaubt!“
Alexander erzählte ihr die Geschichte soweit, wie sie sich noch in seinem Gedächtnis befand. Viel konnte er ja nicht dazu sagen.
Sie plauderten noch etwas, bis sie aufstand, um auf ihr Zimmer zu gehen. Sie müsse noch etwas erledigen, für morgen, sagte sie.
Ihr war nun bedeutend wohler zumute, denn diese vorsichtige Annährung nahm ihr etwas den gefühlseligen Druck von ihrem Herzen.
Sie liebte ihn wie am ersten Tag. Und die Vorstellung darüber, das er sein Herz einem anderen Mädchen verschenkte, behagte ihr keineswegs. Trotzdem wurde ihr klar, das es keinen Sinn mit sich trug, ihm eine Feindin zu sein. Sie konnte nur geduldig abwarten, wenn sie ihn nicht gänzlich verlieren wollte.
Der Gedanke daran schmerzte sie, gleichermaßen aber erleichtert über ihren mutigen Schritt eben.
Alex schaute ihr hinterher, dann versank er wieder in seine bewegenden Gedanken an Christin.
„Ok, lasse uns gehen! Wir sollten lieber nicht den Boss warten lassen!“
Er verschloss die Tür, während sich sein Kollege schon am Aufzug befand, und den Knopf drückte.
„Ich glaube, das gibt Ärger, oder was meinst du?“
„Davon können wir ausgehen! Aber da müssen wir nun durch! Aber was soll uns schon groß passieren? Fehler passieren halt! Das wird man bald vergessen haben!“
Sie fuhren fünf Stockwerke hinauf, bis sie vor der Tür des Vorzimmers ihres großen Büros standen. Beide rückten noch einmal ihre Krawatten zurecht, dann traten sie ein. Die Sekretärin las gerade in irgendwelchen Unterlagen. Als sie die beiden sah, drückte sie den Knopf der Gegensprechanlage:
„Sie sind jetzt da!“
Leicht unsicher öffneten die beiden die schwere Eichenholztür zum Büro ihres Chefs.
„Setzen sie sich!“, und wies dabei auf die beiden Stühle vor dem übergroßen Schreibtisch.
„Ich höre?“
Die beiden schauten sich verlegen an, als sie den barschen Ton in seiner Stimme vernahmen. Sämtliche Selbstsicherheiten verloren sich ins Nirgendwo.
Müller fingerte nervös an seinem Krawattenknoten, als er mit unsicherer Stimme begann:
„Wir waren hundertprozentig von dem Wahrheitsgehalt der Geschichte überzeugt! Wir konnten ja nicht ahnen, das der Junge uns so derbe aufs Glatteis führte!“
Der Chef gab anfänglich leise, schnaufende Geräusche von sich, während sein Blick auf der Schreibplatte klebte. Wenn die beiden es richtig deutenden, verfärbte sich sein Gesicht leicht, mit steigender Tendenz ins Rötliche. Immer noch ruhig dasitzend, wie ein Raubtier, das auf der Lauer lag, tippelte sein teurer Füllfederhalter im monotonen Rhythmus auf den Tisch.
Beide schluckten unmerklich vor Respekt, mit so einer Stimmung rechnete keiner von ihnen. Es lag etwas ungut verheißendes in der Luft, der Spannungspegel steigerte sich für die beiden bis ins Unerträgliche. Erste Schweißperlen auf der Stirn von Müller bildeten sich, Sekunden wurden zu Minuten, und Minuten schienen sich in Stunden zu verwandeln.
In dem Zeitungsverleger rumorte es, wie in einem Vulkan, wobei das flüssige, 1300 Grad heiße Magma solange gegen den riesigen Pfropfen drückt, bis er schließlich mit einem lauten Donnern aus seinem Schlot gesprengt wird, und sich die glühende Lava ungehindert ihren Weg hinab bahnen kann. Dann passierte es schließlich:
„Ja verdammt noch mal, sind sie denn völlig von allen guten Geistern verlassen?“
Mit hochrotem Kopf sprang er fast auf aus seinem gemütlichen Ledersessel, so laut Brüllen hatten ihn wohl selten Menschen gehört.
„Wissen sie eigentlich, was sie damit angerichtet haben?“
Er schlug kraftvoll mit der flachen Hand auf den Tisch, beide zuckten zusammen.
Die Höchstgrenze seines Ausbruchs schien jedoch noch lange nicht erreicht zu sein, eine unerwartete Steigerung in der Lautstärke seines verbalen Getöses ließ Schlimmes erwarten.
„Ich will, das sie beide noch heute ihr Büro räumen, damit das klar ist! Alles weitere wird unser Anwalt mit ihnen klären! Sie sind beide gefeuert, damit wir uns da recht verstehen! Ab sofort! Und jetzt raus, aber schnell! Bevor ich mich hier ganz vergesse!“
Das ließen die beiden sich kein zweites Mal sagen, eilig erhoben sie sich, und verließen den Raum. Es hätte wenig Sinn gemacht, jetzt mit ihm diskutieren zu wollen.
Unter den schadenfreudigen Blicken der Vorzimmerdame verließen sie zügig auch diesen Raum. Draußen im Gang lehnten sie sich resigniert und erschöpft gegen die Wand, und versuchten zu begreifen, was eben mit ihnen geschah, während sie das immer noch laute Gebrüll aus dem Büro, trotz zweier dicken Türen, hören konnten.
Ihr Rauswurf würde ein tiefer Einschnitt in ihren Karieren sein, das war ihnen durchaus bewusst. Nur wegen einem solchen Blödsinn, der es nicht wert war!
Wie konnten sie nur so naiv sein, und das als gestandene Profis, sich von so einem Jungen dermaßen verarschen zu lassen? Schweigend, grübelnd und gedemütigt gingen sie ihrer Wege.
Ein paar Stunden später saß Michael Giesel, ein renommierter Reporter und Journalist mit etlichen Preisen für seine Berichte und Recherchen im Büro des Verlegers.
„Wir müssen das umgehend korrigieren! Ich habe Holt bereits angerufen, um mich bei ihm zu entschuldigen. Das war schon Demütigung genug!“
„Ja, ich verstehe!“, antwortete Giesel.
„Sie sind unser bester Mann. Entwerfen sie einen Artikel, der unserem Haus nicht schadet, eher das Gegenteil! Vielleicht eine öffentliche und ehrliche Entschuldigung an diesen Jungen! Wie hieß er noch gleich? Ach ja, Alexander Strohm:“
„Machen sie sich keine Sorgen, Chef! Ich mache das schon, sie können sich, wie immer, auf mich verlassen!“
Holt saß gedankenverloren mit einem Glas Orangensaft in seiner Hand im Garten seiner Villa, und blickte zum See hinaus. Wenn er den Kopf etwas zur Seite neigte, konnte er auf der gegenüberliegenden Seite des großen Gewässers die Kandidatenvilla sehen. Ihm gingen die letzten Sätze von Möller nicht aus dem Kopf.
„Schatz, was ist mit dir los? Du sitzt hier schon seit zwei Stunden und mir ist nicht aufgefallen, das du dich auch nur irgendwie bewegt hättest!“
Melissa, seine langjährige Lebensgefährtin und Vertraute, versuchte seine tiefgründige Stimmung mit einem saloppen Spruch aufzulockern.
Uwe Holt erwachte plötzlich aus seiner Lethargie. Nachdem er sich aus seiner fletzenden Sitzposition aufgerichtet hatte, erkannte sie die Sorgenfalten auf seiner Stirn.
„Hey, du scheinst ja wirklich etwas auf dem Herzen zu haben! Willst du es mir erzählen?“
Holt liebte die tolerante, verständnisvolle Art seiner Partnerin. Nie hatte er auch nur einmal das Gefühl, bedrängt oder überfordert durch sie zu sein.
„Es ist Möller! Er macht Druck!“
Schweigend und abwartend setzte sie sich in den breiten Gartenstuhl neben ihn.
„Er verlangt etwas von mir, was ich nicht machen will und machen kann!“
Er nahm einen Schluck aus seinem Glas.
„Aber ich muss, wie es aussieht! Man lässt mir keinen Spielraum mehr!“
Sie legte ihre Hand auf seinen gebräunten Unterarm, und streichelte ihn sanft.
„Verdammt, ich hasse es, etwas zu tun, was meiner Natur widerspricht! Ich kann doch nicht lügen, oder?“
Uwe Holts ungnädiger Ruf eilte ihm immer voraus, alle kannten ihn so, wie er sich darstellte! Aber selbst seine größten Kritiker mussten zugeben, das dieser Mann trotz seiner trivialen, öffentlichen Äußerungen, grundehrlich und aufrichtig war.
„Was verlangt man von dir?“
Melissa vergaß ihren Mund zu schließen, als er seine Geschichte erzählte. Hin und wieder schüttelte sie ungläubig leicht ihren Kopf.
Nachdem er endete, ließ er seinen Kopf etwas hängen. So kannte sie ihn bisher noch nicht, ihre tiefgründige Liebe zu diesem Mann wurde durch seine emotionale Verwandlung noch intensiver. Sie empfand plötzlich eine enorme Zusammengehörigkeit, eine starke, nicht abzuwendende Zuneigung und Verbundenheit.
Das ließ sie ihn ein weiteres spüren, indem sie seinen Kopf sanft auf ihren Schoss legte, und zärtlich seinen Kopf streichelte.
Er schloss die Augen, während er sich seinem Wohlgefühl durch ihre Nähe hingab.
18
Alexander rief telefonisch ein Taxi herbei. Er hatte zwar noch zwei Stunden Zeit, aber er wollte auf keinen Fall zu spät kommen.
Nachdem er sich von einigen Kandidaten verabschiedete, die ihm auf dem Weg hinunter zur Lounge begegneten, wartete er draußen auf der Treppe der Villa auf den Wagen. Auf der anderen Seite der hohen Mauer, welche die Villa umgab, hörte er die vielen Stimmen von Fans, die auf ihre Chance warteten, ein Autogramm zu erhaschen. Es schien, als ob es jede Woche immer mehr Menschen wurden, meist Kinder oder junge Teenager.
Ein Mann von der Sicherheit öffnete das große Tor, als es unüberhörbar schellte. Das Taxi war da. Alexander durchschritt das Tor, als das Gekreische schon anfing. Schnell verschwand er in das Auto, welches auch schon langsam anfuhr, sich vorsichtig seinen Weg durch die Menschenmenge bahnend.
Erst nach weiteren zwei Minuten konnte das Taxi endlich beschleunigen, Richtung Bahnhof.
Seine Schirmmütze tief ins Gesicht gezogen, ging er mit Sonnenbrille und gesenktem Kopf die Treppen hinauf zum Bahnsteig, wo der Zug nachher einrollen wird, indem sich Christin befand. Noch hatte ihn keiner erkannt und er hoffte, das sich daran nichts ändern würde.
Er ging bis zum äußersten, unüberdachten Ende, dort, wo sich kein Mensch aufhielt. Er war sehr aufgeregt, sein Herz klopfte wild, obwohl noch reichlich Zeit war.
Nach einer weiteren Stunde verkündete eine Stimme aus den Lautsprechern das baldige Eintreffen des Zuges. Er kontrollierte sein Aussehen bestimmt zum hundertsten Mal in der großen Plastikscheibe mit den Informationen der Bahn. Da erkannte er schon die immer größer werdende Lokomotive, die sich langsam näherte.
Als die ersten Wagons langsam an ihm vorbeizogen, versuchte er, Christin zu entdecken. Es war ungefähr der zehnte Wagen, in dem sie an der Tür stand. Ihre blonde Löwenmähne war unverkennbar.
Dann kam der Zug endlich zum Stehen, die Türen öffneten sich.
In etwa zwanzig Meter Entfernung stieg sie aus, und drehte suchend ihren Kopf von einer Seite zur anderen. Wieder mit gesenktem Kopf stand er plötzlich vor ihr, als sie ihn schon erkannte. Sofort lächelte sie, und ungestüm warf sie sich um seinen Hals, womit er überhaupt nicht gerechnet hatte.
Seine Schirmmütze verlor den Halt auf seinem Kopf, und fiel zu Boden. Schnell bückte er sich, und setzte sie sich wieder auf.
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