kurzgeschichten


Kneipengespräche


1.      Das Handy


Irgendwann besuchte Thomas mich in meiner Kneipe, er wirkte heute konzentrierter als sonst.
„Moin Jan, machste mir mal ´ n Bier?“, fragte er, während er sich die Jacke auszog.
„Klar, ´n Kleines wie immer?“, fragte ich ihn.
Er schien meine Worte nicht gehört zu haben, denn kaum saß er am Tresen, lag schon ein Handy vor ihm, welches er sogleich ergriff und heftig damit hantierte.
Ich schnappte mir ein Bierglas, und begann mit dem Zapfen.
Nach einer kurzen Weile war das Bier für Thomas fast fertig, ich gab dem Glas noch den „letzten Pfiff“ mit einer Schaumkrone, wie sie in der TV-Werbung nicht hätte schöner sein können.
„Hey Jan, schon mein neues Handy gesehen?“, fragte er, als ich ihm das bildschöne Bier servierte.
„Wow, ein neues Handy? Sieht schick aus!“, entgegnete ich ihm.
„Es sieht nicht nur schick aus, es kann auch irre viele Sachen!“, versicherte er mir, fast etwas beleidigt.
„Haste kurz Zeit? Dann zeige ich es dir!“
Etwas genervt ahnte ich schon, was mich jetzt erwarten würde.
Ich beugte mich über den Tresen, in seiner Euphorie bemerkte er nicht mein eigentliches Desinteresse, aber ich tat ihm den Gefallen.
Ich hörte Begriffe wie „MMS“ oder „Blue Tooth“, man könne Klingeltöne, Spiele und Bilder herunterladen, außerdem….
Insgeheim wünschte ich mir, das irgendein anderer Gast einen Wunsch hätte, damit ich mich aus dieser umfangreichen, ermüdenden „Lehrstunde“ hinausmogeln konnte.
Aber dem war leider nicht so.
Nach ungefähr zehn Minuten beendete er seinen schon fast wissenschaftlichen Vortrag, stolz nahm er einen Schluck von seinem mittlerweile abgestandenen Bier, ich bin sicher, das Thomas gar nicht aufgefallen war, das sein Bier vor einer Viertelstunde ein wunderschön Gezapftes war.
Leicht schmollend darüber griff ich hinter mich, hielt mein Handy über den Tresen und fragte ihn:
„Und weißt du, was ich mit meinem Handy kann?“
Neugierig blickte er erwartungsvoll auf mein Gerät.
„Man höre und staune, Thomas….ich kann mit meinem Handy sogar telefonieren!


2. Ziel oder Wunsch?

Andreas sitzt betrübt an seinem gewohnten Platz am Tresen und erwähnte so ganz nebenbei:
„Ach Jan, die Welt ist doch echt Scheiße!“
„Scheiße? Wieso denn?“, fragte ich.
Lustlos schwenkte er sein halb gefülltes Bierglas in kreisender Bewegung und erwiderte:
„Verdammt, bei mir im Büro ist wieder höllisch viel Maloche angesagt….ich hasse meinen Job!“
„Verstehe, du hasst deinen Job. Und warum hasst du deinen Job?“
„Mal ehrlich, Jan, ich stehe jeden morgen auf, duschen, anziehen und ich habe noch nicht Mal Zeit, in Ruhe meinen Kaffee zu süffeln! Hektik, Hektik und nochmals Hektik…..ne echt, alles Scheiße!“
Während ich Zitronenscheiben schnitt, fragte ich ihn:
„Meinst du nicht, das es vielleicht nur ´ne Frage der Zeiteinteilung morgens mit dem Kaffee ist?“
„Ja, vielleicht, kann schon sein!“, maulte er, “aber das ist es ja nicht nur!“
„Nein? Was denn noch?“
Ach, ist doch alles Mist, jeden Morgen dasselbe und dann noch die nervigen Kollegen…!“
Nun kam er richtig in Fahrt, sein Geschimpfe und Gezeter wurde begleitet von unzähligen Flüchen. Dann noch ein letztes:
„Ne echt, alles Mist!“
Ich überlegte kurz, dann fragte ich ihn:
„Sage mal, wenn dir dein Beruf keinen Spaß macht und er dich so nervt, hast du mal an andere Alternativen gedacht, ich meine Umschulung oder Weiterbildung? Du bist doch noch jung! Oder hast du andere Ziele oder Pläne, um deine momentane Lebensqualität zu verbessern?“
Er starrte mich an, wie wahrscheinlich jemand ein fremdes Wesen aus einer anderen Welt anstarren würde, nervös spielte er mit dem Tropfenfänger an seinem Bierglas, dann plötzlich:
„Ziele? Klar habe ich Ziele, oder glaubst du etwa, das ich diese Scheiße noch lange mitmache!?“
„Super! Und welche Ziele?“, fragte ich jetzt neugierig.
„Ich werde das machen, was mir Spaß macht, ich werde ins Ausland gehen, nach Spanien, soll echt easy da sein! Da werde ich ein Restaurant direkt am Strand eröffnen, blaues Meer, jeden Tag Sonne und keinen Miesepeter mehr als Chef…wird ´n geiles Leben, höchstwahrscheinlich schon diesen Sommer, hab´ schon alles geplant!“
Ich polierte gerade ein Glas, als ich ihn fragte:
„Oha, ist ja nicht mehr lange hin, und an welcher Schule machst du gerade deinen Spanisch-Sprachkurs?“
Einen kurzen Moment später war ich wieder für ihn das Wesen aus einer fremden Galaxie...!


3. Das Gerücht


Bärbel und Anja schienen in der Tresenmitte einer ernsthaften Diskussion verfallen zu sein, ich konnte nicht hören, worum es ging, ich kassierte gerade bei Michael die Zeche ab.
Als ich an den beiden Mädels vorbeiging, um einen Kaffee für Tisch 13 zu holen, fragte Anja mich:
„He Jan, schon gehört?“
„Gehört? Was denn?“
Bärbel wollte schon abwinken, als sie sagte:
„Bestimmt weißt du es schon, du hörst ja hier in deinem Laden alles, was in der Stadt passiert, oder?“
„Momentchen, komme gleich wieder, will eben nur den Kaffee wegbringen!“
Als ich wieder hinter den Tresen kam, hatte ich schon fast vergessen, das die beiden Mädels mir etwas sagen wollte, denn alleine die Frage:
“Haste schon gehört?“ wurde ich bestimmt einige Male pro Abend gefragt.
„Ne, du weißt es bestimmt schon, oder nicht?!, wollte Anja wissen.
Ich erinnerte mich, und antwortete:
„Was soll ich denn wissen?“
Sie versuchte es spannend zu machen, als sie begann:
„Du kennst doch Thorsten, du weißt schon, der hier immer Donnerstags mit seinen Sportlerkumpels ein paar Bierchen nach dem Training trinkt, du weißt doch, wen ich meine, oder?“
Na klar kannte ich Thorsten und die Jungs, wirklich eine pfiffige Runde, wir haben immer jede Menge zu lachen, wenn sie bei mir im Laden sind.
„Ja sicher kenne ich Thorsten, was soll denn mit ihm sein?“
„Haste nicht gehört? Er soll schwul sein, ziemlich sicher sogar! Neulich beim Herbstmarkt an der Imbissbude hatte er einen anderen Typen im Arm gehabt, das haben wir alle gesehen. Klare Sache, die ganze Stadt redet schon darüber!“
Sie nahm einen schnellen Schluck aus ihrem Weinglas, bevor sie fortfuhr:
„Wenn ich mir das vorstelle, richtig ekelig….ich fand den Thorsten sogar mal richtig toll, war mal verliebt in ihn, wie gut, das ich nicht in diese peinliche Situation gekommen bin, wenn man mich mit ihm zusammen irgendwo gesehen hätte, oh je….!“
Thorsten und schwul? Und wenn es so wäre, na und? Unmerklich schüttelte ich meinen Kopf.
„Hätten wir niemals gedacht, nicht von Thorsten, du etwa, Jan?“
Ich überlegte kurz, dann:
„Ich hab’s doch schon immer gewusst, jetzt ist mir einiges klarer!“, murmelte ich leise vor mich hin.
„Du meinst das mit Thorsten? Ja, wir alle verstehen das nicht, schrecklich, oder? Wie kann man sich nur so outen!?“
„Nein nein, ich meinte etwas anderes…!“
„Was denn, Jan?“
„Ich wusste es genau, das die allermeisten Profifußballer der Bundesliga schwul sind, denn die liegen sich ja auch permanent in den Armen, wenn ein Tor geschossen wurde!“

4. Freiräume



„N´abend Jan, machste mir mal ´n Bier? Kann heute auch ruhig ein Großes sein!“
Jörg wirkte auf mich etwas säuerlich, er ließ sich mit einem lauten Seufzer auf den Barhocker plumpsen.
„Klar, mach ich dir!“
Vom Zapfhahn aus beobachtete ich Jörg, gedankenverloren starrte er auf einen fiktiven Punkt an der Wand, während er in einem gleich bleibenden Rhythmus mit seinem Feuerzeug auf den Tresen klopfte.
Ich ging zu ihm, und deutete ihm unmissverständlich an, mit dem nervigen Geklopfe aufzuhören, indem ich ihn anschaute, und meinen Zeigefinger auf meine Lippen legte und anschließend auf sein Feuerzeug wies.
Er verstand sofort, dann war auch schon sein Bier fertig.
„Mensch Jan….“, begann er, “Warum müssen Frauen immer so kompliziert sein?!“
„Warum denn kompliziert?“, wollte ich wissen.
„Ach na ja, Tanja moserte gestern Abend, das ich ja nie Zeit für sie und unsere Lütsche habe! Ich verstehe sie nicht, ich bin doch oft zuhause und ab und zu mal mit den Kumpels unterwegs sein, ist noch nicht verboten, oder?“, druckste er etwas gequält.
„Nö, das sicherlich nicht, aber wenn du, wie du eben sagtest, oft zuhause bist, reicht ihr das denn nicht?“
Etwas umständlich fingerte er sich eine Zigarette aus der Tasche, und zündete sie an.
„Ne, anscheinend nicht und abgesehen davon hat sie ja schließlich auch „ihre Abende“ mit ihren Freundinnen!“
„Und wo ist dann euer Problem?“, fragte ich ihn.
„Keine Ahnung was sie hat!“
Ich beließ es vorerst dabei, während ich mich um meine neuen Gäste kümmerte, die sich gerade an das Tresenende setzten, und Getränke bestellten.
Als ich wieder einen Moment Zeit hatte, winkte Jörg mich zu sich.
„Ne echt, Tanja hat einmal im Monat ihre Tupper-Party, vor zwei Wochen war sie auf der Geburtstagsfeier ihrer besten Freundin und gerade gestern war sie shoppen in der Stadt! Sie ist ja also selber kaum Zuhause, verstehste, was ich meine?“
„Und wenn sie unterwegs ist, passt du dann auf eure Tochter auf, ist es so??“, fragte ich, schon ahnend, wie seine Antwort lauten würde.
„Aufpassen? Ich? Quark, wozu hat man schließlich seine Schwiegereltern? Die wohnen ja nur zwei Dörfer weiter, da kann sie unsere Lütte ja abgeben, wenn sie mal los will!“, antwortete er fast empört.
Leicht schmunzelnd schenkte ich mir einen Pott Kaffee ein, schließlich:
„Vielleicht würde es wieder etwas „Schwung“ in eure Beziehung bringen, wenn du Tanja mal schön ausführst, ins Kino, Restaurant oder so?! Das wäre bestimmt nicht schlecht, oder was meinst du? Einfach wieder etwas Pepp in die Beziehung bringen, frischen Wind sozusagen, oder?“
Er dachte nach, dann plötzlich:
„Ja, du hast recht, sollte ich mal machen, Frauen sollen das ja mögen! Nur diese und nächste Woche geht es schlecht, da bin ich voll ausgebucht, morgen ist Treffen im Vereinshaus mit meinen Fußballern, übermorgen mein „Männerabend“, Montags ist ja immer der Skatabend, Dienstags Training, danach wie immer bei dir auf´n Bierchen, Mittwochs ist ja immer mein Abend mit den Jungs von der Feuerwehr, Donnerstag geht sowieso nicht, weil………..“
Er unterbrach sein Aufzählen, als er bemerkte, das ich ihm grinsend zuzwinkerte.

 

Der Flug der Geierschwalbe

(Meine Geschichte zur Anthologie---> "Der Flug der Geierschwalbe") 

 

 

 

 

Laut hechelnd lassen sich beide Männer ins hohe Gras fallen.

Es ist wie jeden Morgen, fast immer die gleiche Uhrzeit und immer genau an diesem Platz.

Der Sohn sagt immer, es sei „the point of silence“, denn Englisch ist für ihn im Moment angesagt und er findet es cool.

Dem Vater ist es egal, die Hauptsache ist, sie können nach der all-morgendlichen Joggingtour etwas verschnaufen, um die zweite Hälfte der Etappe mit neuer Energie meistern zu können.

 

Sie sitzen auf der Wiese an einer hellen Lichtung, ein weites, ebenes Feld liegt vor ihnen, hinter ihnen der dichte Waldesrand.

Der Spätsommer schenkt den beiden eine milde und angenehme Temperatur.

Sie haben es sich schon seit drei Monaten zur Angewohnheit gemacht, jeden Morgen, bevor der Vater zur Arbeit fährt, und der Sohn mit seinem Fahrrad zur Schule entschwindet, diesen Frühsport mit Hingabe und Eifer auszuüben.

Gut für die Kondition und gut für die Fitness, sagen sie immer vor der Mutter, die stolz auf ihre beiden Männer ist. Sie nutzt dann immer die Zeit, um ein reichhaltiges Frühstück herzurichten.

 

Der Vater und der Sohn verstehen sich sehr gut, es ist eigentlich eine Freundschaft, wobei der Sohn seinen Vater immer sehr genau beobachtet.

Er ist für ihn ein Vorbild, von dem er lernen kann und lernen will.

Er respektiert und achtet ihn sehr.

 

Der Vater andererseits erwähnte einmal in einer ruhigen Minute seiner Frau gegenüber, dass die Erwachsenen von ihren Kindern lernen können, und sie immer wieder erinnert werden:

„Ein Mensch ist erst dann alt geworden, wenn er seine eigene Jugend vergessen hat, um sie leben und fühlen zu können!“.

 

Sein schwerer Atem hat sich etwas beruhigt, als er zu seinem Sohn sagt:

„Ein schöner Tag heute, findest du nicht? Wie für uns gemacht!“

Der Sohn wischt sich gerade mit seinem Ärmel den Schweiß von der Stirn.

„Ja Paps, das stimmt! Aber auch der Vogel oben in der Luft fühlt sich offensichtlich wohl!“, erwidert er, während sein ausgestreckter Daumen gen Himmel zeigt.

„Oh ja, in der Tat, er scheint diesen Morgen ebenfalls zu genießen, dieser   Geier!“

 

„Geier? Wieso Geier?“

Der Sohn gluckst vor Vergnügen, will sein Vater ihn doch glatt am frühen Morgen veräppeln…..

 

„Ja, was sollte es denn sonst sein, was da oben am Himmel herumkreist?“

Er verzog bei seinen Worten keine Mine.

 

„Paps, jedes Kind weiß doch, das es eine Schwalbe ist!“

 

„So? Bist du da sicher, mein Junge? Es tut mir leid, ich sehe dort oben nur einen Geier!“

Seine Worte sind knapp bemessen, neugierig auf die Reaktion seines Sohnes.

Er ist ein kluger Mann, er weiß, was er sagt und warum er es sagt.

 

Das Lächeln verschwindet aus dem Gesicht des Jungen, als er die ernste Mine seines Vaters wahrnimmt.

Er wird unsicher, unruhig zappelt er auf seinem Platz hin- und her.

Es lag etwas in der Luft, er spürte plötzlich einen unangenehmen Magendruck.

„Ich glaube aber, dass es eine Schwalbe ist! Ganz sicher sogar!“

Er schnappt kräftig Luft, bevor er fortfährt:

„Geier gibt es hier außerdem gar nicht, sie leben in der Wüste, habe ich Recht?!“

 

„In der Wüste? Ja, mag sein, aber hier im Zoo leben auch Geier, vielleicht ist es ja genau einer von ihnen, der aus der Gefangenschaft fliehen konnte, und nun auf der Suche nach Aas ist! Wissen wir es genau?“

 

„Geier sind Greifvögel, und auch viel größer, als diese Schwalbe, die dort oben kreist!“

 

„Sie fliegt aber so hoch, das man es kaum erkennen kann, ob Geier oder Schwalbe, nicht wahr?“

 

„Paps, ich möchte schwören, das es eine Schwalbe ist!“

Der Sohn wird langsam unruhig, er weiß nicht mehr genau den Unterschied zwischen Spaß und Ernst, als er seinen Vater von der Seite beobachtet, der mit Bestimmtheit und Konsequenz zu seiner Aussage hält.

 

„Würdest du deine Hand dafür ins Feuer legen, das es eine Schwalbe ist? Bist du dir wirklich so sicher darüber?“

 

„Natürlich würde ich meine Hand…“

Er hält plötzlich mitten in seinem Satz inne, während seine Augen den fliegenden Vogel am Himmel fixieren.

Er hätte eben noch schwören wollen, dass es eine Schwalbe ist, aber sie fliegt wahrhaftig sehr hoch, es könnte durchaus auch eine andere Vogelart sein.

Immer noch unsicher sagt er:

„Zu 90 Prozent ist es meiner Meinung nach eine Schwalbe, Paps! Ziemlich sicher sogar!“

 

„Aber du würdest sagen, das dir 10 Prozent in deiner Sicherheit fehlen, um für deine Aussage deine Hand ins Feuer zu legen, sehe ich das richtig, mein Sohn?“

 

Verwirrt über die Frage seines Vaters schweigt er einen kurzen Moment, in seinem Kopf hämmert es unaufhörlich, er sucht nach Argumenten. Schließlich:

„Aber ein Geier ist es auf keinen Fall, das siehst du doch ein, oder?“

 

„Was würdest du also vorschlagen?“

 

„Wir könnten ja andere Leute herbeirufen, die würden ja bestätigen, dass ich Recht habe!“

 

„Würde es deine Meinung ändern, wenn auf einmal diese Menschen mir Recht geben würden, und behaupten, dass es doch ein Geier ist? Vielleicht sind es ja nur unterschiedliche Betrachtungsweisen, die wir beide besitzen?!“

Er machte eine kurze Pause, dann:

„Würdest du sagen, dass eine Mehrheit immer Recht hat?“

 

„Ja klar, wir leben doch schließlich in einer Demokratie, oder?“

 

„Du hast doch einen türkischen Freund auf der Schule, mit dem du immer Fußball spielst, richtig?“

 

„Ja, Mehmet heißt er!“

 

„Okay, mein Sohn, was wäre, wenn plötzlich die Mehrheit auf deiner Schule der Meinung ist, alle Türken wären schlimme Menschen, vor denen man sich fürchten muss?!“

 

„Ich würde nicht zuhören, ich halte auf jeden Fall zu meinem Freund!“

 

„Stelle dir weiter vor, sie würden dich plötzlich hänseln, oder gar prügeln, bespucken  und traktieren, nur weil Mehmet dein Freund ist! Was würdest du dann machen? Würdest du deine Freundschaft verleugnen, obwohl du selber nichts gegen ausländische Mitbürger hast und obwohl Mehmet dein Freund ist? Würdest du der Mehrheit dann Recht geben?! Diese Form der Demokratie hatten wir hier in Deutschland schon einmal, noch vor nicht allzu langer Zeit! “

 

Der Sohn versinkt in eine Art Trance, es ist offensichtlich, dass es heftig in seinem Kopf arbeitet.

 

„Weißt du etwas über den Begriff Toleranz?“

 

„Ja, Toleranz ist, andere Meinungen zu dulden, obwohl ich meine eigene Meinung besitze!“

 

„Genau, mein Junge! Vorausgesetzt, das diese nicht menschenfeindlich oder gar kriminell sind! Besser gesagt, es geht bei unterschiedlichen Meinungen nicht darum, zu gewinnen, indem man unbedingt Recht behält! Denn wenn das jeder von uns machen täte, würden wir keine Lösungen in unseren Disputen finden! Was für Möglichkeiten haben wir beide also noch?“

 

„Über unsere Meinungsverschiedenheit reden und diskutieren?“

 

„Das hört sich gut an! Wie müsste deiner Meinung nach eine konstruktive Diskussion aussehen?“

 

„Na ja, ich würde sagen, indem jeder der Parteien seine Argumente offen darlegt und versucht, den anderen zu überzeugen, oder?“

 

„Warum denn überzeugen? Das ich doch Recht behalten habe? Wäre es nicht besser, sich gegenseitig zuzuhören, und zu versuchen, eine Einigung zu erzielen?“

 

Der Sohn reibt sich sein Kinn, er grübelt.

„Und was passiert, wenn keine Einigung zustande kommt?“

 

„Dann, mein Junge, gibt es mehrere Möglichkeiten, die geschehen könnten! Fallen dir vielleicht welche ein?“

 

„Ja, beide Parteien gehen zerstritten auseinander!“

 

„Ja, durchaus! Das wäre der ungünstigste Verlauf einer verbalen Auseinandersetzung! Dadurch entstehen unter anderem Kriege! Weißt du noch eine Möglichkeit?“

 

Jetzt fing es für den Jungen an, interessant zu werden.

„Kompromisse finden?“

 

„Das ist auch sehr gut, Junge! Wenn bei Meinungsverschiedenheiten Kompromisse die Grundlage und vielleicht das Ziel der Diskussionen wären, würde aus meiner Sichtweise heraus die Welt und damit auch die Menschen besser sein!“

Der Vater ist stolz auf seinen Sohn, auf sein rasches Auffassungsvermögen und auf seine Weitsicht. Beachtlich für einen pubertierenden Knaben, denkt er zufrieden.

Er schaut auf seine Armbanduhr, gibt seinem Jungen einen Klaps auf den Rücken, und sagt:

„Nun gut, wir müssen jedenfalls jetzt weiter, sonst verspäten wir uns noch womöglich! Eine Frage hätte ich allerdings noch…..was wird aus unserem Disput mit dem Geier und der Schwalbe?“

 

Der Junge überlegt kurz, dann:

„Ich würde einen Kompromiss vorschlagen! Nennen wir diesen Vogel doch einfach eine Geierschwalbe!?

 

Plötzlich begannen beide, herzhaft und lauthals zu lachen.

Nach einer kurzen Weile erhoben sie sich schließlich, um die restliche Etappe bis nach Hause zu laufen.

Nach dieser interessanten und für den Jungen sehr lehrreiche Lektion freuten sie sich schon sehr auf das wunderbare Frühstück, welches die beiden sicherlich und wie an jedem Morgen erwarten würde.

 

Jan Mathes

 

 

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